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Von Viren und Menschen. Forschung im Wettlauf mit der AIDS-Epidemie.

Aus dem Französischen
von Stefano Wendt.
Rowohlt, Reinbek 1997.
288 Seiten, DM 45,-.

Seit 1981 in San Francisco bei jungen Homosexuellen eine auffällige Häufung sogenannter opportunistischer Infektionen beobachtet wurde, hat sich AIDS zu einer Seuche entwickelt, deren medizinische und gesellschaftliche Dimensionen in diesem Jahrhundert ohne Beispiel sind. Ende l996, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, waren weltweit mehr als sechs Millionen Menschen an der Immunschwäche erkrankt und ungefähr 20 Millionen mit dem HI-Virus infiziert (seropositiv), davon allein 14 Millionen in Afrika südlich der Sahara (Spektrum der Wissenschaft, Mai 1996, Seite 76). In manchen Gebieten im ländlichen Afrika sind 30 Prozent aller Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter HIV-positiv und können das Virus auf ihre neugeborenen Kinder übertragen. Bereits 1,6 Millionen Kinder wurden zu Waisen, weil ihre Eltern an AIDS verstarben – Tendenz steigend.

Vor diesem Hintergrund weckt naturgemäß ein Buch großes Interesse, das der Entdecker des HI-Virus selbst, Luc Montagnier vom Pasteur-Institut in Paris, geschrieben hat. Der Titel spielt sicherlich auf den Roman "Von Mäusen und Menschen" des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Steinbeck (1902 bis 1968) an.

AIDS hat viele Ausprägungen. In Nordamerika, Westeuropa und Australien ist es nach wie vor eine Erkrankung bestimmter Risikogruppen wie Homosexueller und Drogenabhängiger. In Lateinamerika, insbesondere in Mexiko und Brasilien, hat das Virus sich zuerst unter bisexuellen Männern ausgebreitet, dann auf deren Partnerinnen übergegriffen. Gleichzeitig wurden zahlreiche Menschen bei medizinischen Maßnahmen – vor allem Bluter durch Transfusionen – angesteckt, weil die Gesundheitsbehörden es versäumt hatten, Blutkonserven rigoros auf eine Kontamination mit HIV zu überprüfen.

In Afrika südlich der Sahara wurde das Virus in der Regel zunächst heterosexuell übertragen und erst in einer zweiten Stufe von der Mutter auf das Kind. Obwohl in der Region nur zehn Prozent der Weltbevölkerung leben, befinden sich dort zwei Drittel aller AIDS-Kranken, 83 Prozent aller mit HIV infizierten Frauen und 90 Prozent der infizierten Kinder. In Asien schließlich brach die Seuche zeitverzögert zuerst bei Drogenabhängigen, dann bei Prostituierten aus und ergreift jetzt wie ein Flächenbrand die ganze Bevölkerung. In Osteuropa und im pazifischen Raum liegen die Verhältnisse wiederum anders.

Entsprechend der Vielschichtigkeit der Krankheit hat auch die AIDS-Forschung sehr viele Facetten. Grundlagenforscher beschäftigen sich mit den biologischen Eigenschaften einer vor zwei Jahrzehnten noch weitgehend unbekannten Familie von Krankheitserregern, den Retroviren; zu den Koryphäen in dieser Gruppe gehört auch Robert Gallo, der große Konkurrent Montagniers bei der Entdeckung von HIV (vergleiche den von beiden gemeinsam verfaßten Einleitungsartikel zur Ausgabe Dezember 1988 von Spektrum der Wissenschaft mit dem Generalthema AIDS). Immunologen und Molekularbiologen suchen die vielschichtigen Wechselwirkungen von Virus und Abwehrsystem zu ergründen, in deren Folge letzten Endes auch zahlreiche nicht infizierte Immunzellen zugrunde gehen (Spektrum der Wissenschaft, November 1995, Seite 52). Gleichzeitig überlegen und prüfen Biochemiker und Pharmakologen, wie man das tödliche Virus durch Medikamente bezwingen könnte, arbeiten Impfstoff-Experten an einer Vakzine. Gesundheitssystemforscher, Soziologen und Psychologen schließlich denken darüber nach, wie man AIDS durch Aufklärung und Verhaltensänderungen beikommen könnte; denn es handelt sich nun einmal um eine vorwiegend sexuell übertragbare Krankheit mit allen zugehörigen gesellschaftlichen und individualpsychischen Besonderheiten.

Der außergewöhnlichen Komplexität von AIDS trägt das Buch Rechnung. In den fünf Abschnitten "Entdecken", "Verstehen", "Behandeln", "Forschen" und "Vorbeugen" beschreibt Montagnier alle relevanten Aspekte. Ein Glossar der wichtigsten Fachbegriffe, ein detailliertes Register und zahlreiche Fußnoten erleichtern nicht nur das Lesen, sondern machen das Buch auch als Nachschlagewerk verwendbar.

Der Teil, in dem der Autor seine eigene Tätigkeit im Pasteur-Institut beschreibt, insbesondere die Jagd auf das Virus in den Jahren 1982 bis 1984, ist hervorragend, teilweise sogar regelrecht spannend zu lesen. Naturgemäß nimmt die Konkurrenzsituation zwischen seiner eigenen Forschergruppe und den amerikanischen Virologen um Gallo an den National Institutes of Health in Bethesda (Maryland) besonders viel Raum ein. Hier bietet Montagnier authentische Einblicke in die Welt der modernen Medizinwissenschaft, wie sie ein normaler Journalist niemals vermitteln könnte.

Leider hat er dieses Niveau in den folgenden Kapiteln nicht durchgehalten. Forschungsergebnisse werden teilweise bruchstückhaft und für den Laien unverständlich dargestellt; der Stil ist holprig, manchmal sogar inkohärent, und die Aussagen wirken häufig gestelzt oder auf befremdliche Weise teilnahmslos. Hier merkt man, daß Montagnier mehr Übung darin hat, wissenschaftliche Fakten in nüchternen Fachveröffentlichungen aneinanderzureihen, als subtile medizinische und gesellschaftliche Zusammenhänge einem größeren, fachlich nicht vorgebildeten Publikum überzeugend und differenziert darzustellen.

Auch Übersetzer und Lektor hätten sich etwas mehr Mühe geben können. Medizinische Fachtermini sind teilweise haarsträubend übertragen, einige afrikanische Städtenamen schlicht falsch wiedergegeben.

Das entscheidende Manko des Buches ist jedoch, daß es – 1994 in Frankreich veröffentlicht, also vermutlich 1993 geschrieben – in wesentlichen Punkten bereits veraltet ist. Da sich die AIDS-Forschung gerade in den letzten fünf Jahren rasant entwickelt hat, sind zahlreiche Vermutungen und Andeutungen mittlerweile durch schlüssige Informationen ersetzt worden. Dies wird am besten deutlich bei der Frage, welche biologischen Merkmale jene seropositiven Personen charakterisieren, die allem Anschein nach gegen den Ausbruch der Krankheit resistent sind: Während Montagnier im Buch darüber noch nebulöse Spekulationen anstellt, weiß man heute, daß es vererbte immunologische Merkmale gibt, die es dem Virus unmöglich machen, die weißen Blutkörperchen eines Menschen zu befallen, und ihn somit vor AIDS schützen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1997, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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