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Wie Affen die Welt sehen. Das Denken einer anderen Art


Seit den Forschungen des baltischen Biologen Jakob von Uexküll (1864 bis 1944) ist die Art, wie Tiere ihre Umwelt wahrnehmen, eine besonders fesselnde Domäne der Verhaltensforschung; doch in den Feldstudien an Primaten spielte sie lange Zeit keine Rolle. Dann aber löste der New Yorker Ethologe Donald R. Griffin mit seinem Werk "The Question of Animal Awareness" (1981) eine Welle von Interesse an deren Wahrnehmung aus. Man überging großzügig die sozialen Schlüsselreize, denen die Aufmerksamkeit der Klassiker gegolten hatte, und stieß gleich zur Erforschung des sozialen Wissens und Denkens vor.

Anstöße erhielt diese Bewegung aus einer Fülle angesammelter, aber bis dahin zurückgehaltener Anekdoten über raffinierte soziale Taktiken unserer stammesgeschichtlichen Verwandten, und zwar aus dem Freileben. Denn am schärfsten geschliffen ist die mentale Waffe doch wohl für die ökologischen und sozialen Probleme, an denen sie selektioniert wurde.

Das Buch von Dorothy L. Cheney und Robert M. Seyfarth, die an der Abteilung für Anthropologie beziehungsweise für Psychologie der Universität von Pennsylvania in Philadelphia tätig sind, ist ein Meilenstein auf dem Wege von der Anekdotensammlung zur gezielten Forschung. Sie waren die ersten, die freilebenden Affen experimentelle Fragen über deren Umweltbeurteilung stellten, indem sie ihnen aus verborgenen Lautsprechern Rufe von Artgenossen vorspielten und ihre Reaktionen registrierten. Die Affen halten solche Rufe – anders als Puppen und Bilder – für echt. Studienobjekte waren die grünen Meerkatzen des Amboseli-Nationalparks in Kenia (das Umschlagbild stellt leider eine Blaumaulmeerkatze dar).

Die deutsche Ausgabe ist eine sorgfältige Übersetzung von "How Monkeys See the World" (University of Chicago Press 1990) und faßt die spannenden Ergebnisse einer 15jährigen Arbeit zusammen. Nach einer Einführung in die Sozialstruktur und den Lebensraum der Art beginnt das Abenteuer der Experimente: Wie klassieren die Affen die Mitglieder und die Beziehungen in ihrer eigenen Sozietät und wie ihre Raubfeinde? Was für Schlüsse ziehen sie aus ihren Beobachtungen? Können sie Spuren deuten?

Eine grundlegende Versuchsserie über die Beurteilung von Alarmstufen gibt darüber bereits Auskunft. Meerkatzen haben drei verschieden lautende Alarmrufe, um vor Adlern, Leoparden und Schlangen zu warnen. Der Meerkatze A wurde nun das folgende Programm vorgespielt: am ersten Tag ein Adlerruf des Gruppenmitglieds X und am zweiten Tag in Abständen von 20 Minuten Adlerrufe des Mitglieds Y. Weil aber auch in diesen Fällen gar kein Adler auftauchte, gewöhnte sich A an die Fehlalarme von Y und reagierte immer weniger. Nach weiteren 20 Minuten folgte ein weiterer Adlerruf von X – daraufhin reagierte A sofort und so intensiv wie am ersten Tag. Dieses Tier konnte also nicht nur zwischen den Rufen von X und Y unterscheiden, es schloß auch nicht aus der scheinbaren Inkompetenz von Y auf diejenige von X! Ebensowenig folgerte es, Y sei nun in allen Raubtierbelangen unfähig, sondern reagierte nach wie vor, wenn Y einen Leoparden meldete.

Der Einwand, A habe sich nur an die besondere Lautstruktur des falschen Rufes gewöhnt, wird durch weitere Versuche entkräftet. Meldet nämlich ein Mitglied wiederholt und fälschlich die Nähe der benachbarten Meerkatzengruppe, so reagiert A auch nicht mehr auf einen anders lautenden, aber gleichbedeutenden Ruf desselben Mitglieds; die Gewöhnung betrifft also die Bedeutung, nicht den Laut. Meerkatzen haben offenbar eine Vorstellung, wie verläßlich die Auskünfte eines Artgenossen zu einer bestimmten Ereignisklasse sind.

Meerkatzen müssen die Bedeutung verschiedener Alarmsignale lernen und können auch Geräusche als solche deuten, zum Beispiel daß der Klang von Kuhglocken das Nahen der zu fürchtenden Massai anzeigt. Überraschenderweise versagt diese Assoziationsfähigkeit bei optischen Anzeichen eines Feindes: Eine Pythonspur im Staub oder die Attrappe einer Leopardenbeute in einer Baumkrone löste weder Alarm noch auch nur Erkundung aus. Liegt das daran, daß ein sichtbares Indiz für das Vorhandensein eines Raubtiers über dessen gegenwärtigen Aufenthalt keine Auskunft gibt? Oder liegt das daran, daß die Affen in ihrem komplexen Sozialverhalten eben nur auf Rufe, nicht aber auf Fährten von Artgenossen achten und damit auskommen?

Die zweite Erklärung hängt mit der von Cheney und Seyfarth vertretenen Hypothese zusammen, die Intelligenz der Tierprimaten sei hauptsächlich in der Domäne ihrer sozialen Umweltbeurteilung entstanden. Dort hätten sie die Fähigkeit entwickelt, komplexe Assoziationen zu bilden oder sogar kausale Beziehungen zu beurteilen. Demnach müßte ein Primat ein bestimmtes Problem im sozialen Bereich besser lösen als im außersozialen, ökologischen.

Diese weithin vertretene These ist schwer zu überprüfen; denn was wäre einem Artgenossen derart ähnlich, daß es ein vergleichbares Problem stellte? Am ehesten noch ein Raubtier – doch über die Intelligenz der Affen im Umgang mit Raubtieren ist noch nicht genug bekannt. Die beiden Autoren erörtern die Hypothese mit kritischer Vorsicht, zum Beispiel an der Frage, ob Affen die Transitivität sozialer Rangordnungen verwenden können (wenn A stärker ist als B und B stärker als C, dann wird A auch C besiegen).

Hat ein Affe nicht nur Vorstellungen, sondern schreibt er solche auch seinen Gruppengenossen zu? Wenn ja, könnte er versuchen, bei seinem Nächsten durch absichtliches Scheinverhalten und unzutreffende Signale falsche Vorstellungen zu erwecken, ihn also zu täuschen. Er wäre dann nicht nur ein genauer Beobachter, der Gesehenes zu Voraussagen benutzt, sondern triebe bereits eine Art Psychologie (siehe den Artikel der Autoren in Spektrum der Wissenschaft, Februar 1993, Seite 88).

Die Geister der kognitiv interessierten Primatologen scheiden sich gegenwärtig an der Frage, ob die beeindruckenden sozialen Taktiken der von ihnen untersuchten Tiere nach bewährter naturwissenschaftlicher Gepflogenheit mit möglichst einfachen inneren Operationen erklärt werden sollten oder aber – im Sinne einer anderen intellektuellen Sparsamkeit – mit menschlichen Fähigkeiten, weil sie ja uns Menschen nahe verwandt sind, wie das der niederländische Primatologe Frans de Waal tut (vergleiche die Besprechung seines Buches "Wilde Diplomaten" in Spektrum der Wissenschaft, Juli 1992, Seite 130). Die richtige Erklärung können nur genau gezielte Experimente liefern, wie Cheney und Seyfarth sie zu einer ganzen Reihe von Fragen durchgeführt haben.

Immer häufiger werden im Freiland andeutungsweise erkannte mentale Fähigkeiten auch an Gruppen in Gehegen getestet, wo schlüssige Kontrollexperimente einfacher anzustellen sind. Zu hoffen ist, daß es zu direkter Zusammenarbeit zwischen Feldethologen und Experimentalpsychologen kommt; letztere sind zwar mit den Methoden der Kognitionsforschung vertraut, haben sich aber meistens nur mit relativ naturfernen Problemen beschäftigt.

Dorothy Cheney und Robert Seyfarth haben mit ihrem Vorstoß in die Vorstellungs- und Denkwelt einer freilebenden Primatenart Pionierarbeit geleistet. Das faszinierende Buch ist anregend geschrieben, zudem mit verständlichen Graphiken und ansprechenden Schwarzweißaufnahmen ausgestattet. Einschlägige Arbeiten aus Laboratorien und an anderen Arten sind in die Diskussion einbezogen. Wer sich über die kognitive Bewegung in der Primatenforschung auf dem Schauplatz Freiland unterrichten will oder sich für evolutionäre Erkenntnistheorie interessiert, darf sich dieses Werk nicht entgehen lassen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1995, Seite 105
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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