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Wissenschaft im Internet: Die Tücken der visuellen Wahrnehmung

Neben den altbekannten optischen Täuschungen und Vexierbildern bietet das Internet verblüffende Wahrnehmungserlebnisse: mit bewegten Bildern.


Optische Täuschungen wie der nur scheinbar gekrümmte Balken über aufgefächerten Linien lehren uns seit jeher, dass das Sehsystem im Gehirn eine Menge Interpretationsarbeit leistet, bevor uns eine visuelle Wahrnehmung zu Bewusstsein kommt. Manche Bilder bringen unser Sehsystem ins Schleudern, weil sie zwei verschiedene Interpretationen zulassen oder jede denkbare räumliche Interpretation auf Widersprüche führt. Salvador Dalí, Maurits C. Escher und viele andere Künstler haben intensiv mit diesen Möglichkeiten gespielt.

Wie fast alles Gedruckte finden sich auch diese Bilder im Internet wieder. www.zauberbuch.de/trick6.htm, http://scherzbolt.no-ip.org/scherzbolt/illusion1.htm, http://home.arcor.de/stealb/witzig/optische/optische.htm#mandog und http://deecee.onlinehome.de/Trick.html bieten umfangreiche Sortimente. Liebevoller gemacht ist die Webseite eines unermüdlichen Gestalters mit dem Künstlernamen Jovalli. Klicken Sie sich auf www.kelsen.de/jovalli/jll.html bis zu den "optischen Täuschungen" durch.

Martina Schönemann von der Technischen Universität Berlin erläutert die "unendliche Treppe" Eschers und einige andere widersprüchlich zu interpretierende Bilder (www-sfb288.math.tu-berlin.de/vgp).

Richtig neue und überraschende Erlebnisse bietet das Medium Internet mit der Möglichkeit, bewegte Bilder zu zeigen. Die Anzahl der erforderlichen Einzelbilder ist überraschend gering, was zu erträglichen Ladezeiten führt. Erwin Purucker bietet auf www.panoptikum.net/optischetaeuschungen/index.html etwas ausgefallenere Animationen.

Mit Java kann man sich auf Mark Newbolds Seite (neben vielen anderen Dingen) auch die Pulfrich-Täuschung ansehen (www.dogfeathers.com/java/pulfrich.html): Man dunkle zum Beispiel mit einem Sonnenbrillenglas ein Auge ab. Das verdunkelte Auge nimmt sein Bild verzögert wahr; da sich das Bild bewegt, sehen beide Augen verschiedene Bilder: das helle das aktuelle und das dunkle ein um wenige Hundertstelsekunden veraltetes, wodurch merkwürdige Stereoeffekte zustande kommen.

Auf www.dogfeathers.com/java/necker.html neckt Newbold den Betrachter mit dem Necker-Würfel, jenem Vexierbild, das auf zwei verschiedene Arten als Würfel interpretierbar ist, indem er durch hindurchschlüpfende Hunde oder Turmspringer abwechselnd die eine und die andere Interpretation erzwingt.

Wie abhängig unsere Wahrnehmung von Vorerfahrungen ist, belegt die rotierende Gesichtsmaske unter www.kyb.tuebingen.mpg.de/bu/demo/index.html. Unser Sehsystem kann einfach nicht glauben, dass eine sichtbare Nase von uns weg statt auf uns zu weist, und verfällt statt dessen auf die abenteuerlichsten Interpretationen.

Ob man einen bewegten Körper als starr wahrnimmt oder nicht, hängt nicht unbedingt von der Realität ab. In den Animationen von Yair Weiss and Edward H. Adelson von der Universität von Kalifornien in Berkeley (www.cs.berkeley.edu/~yweiss/ellipse.html) wackeln die Ellipsen immer und schwabbeln nie. Gleichwohl sehen wir unweigerlich dünne Ellipsen als wackelnd, dicke als schwabbelnd. Nur zusätzliche Bildelemente, die mit der Ellipse selbst nicht einmal zusammenhängen müssen, können unser Wahrnehmungssystem umstimmen.

Zum Thema "Wahrnehmungsillusionen" steht ein Artikel aus "Geo-Wissen" vom März 2002 samt weiteren hilfreichen Verweisen im Netz (www.geo.de/themen/medizin_psychologie/wahrnehmung/index.html).

Aber die schönste Illusions-Website stammt von einer Firma für Illusionsspielzeuge (www.sandlotscience.com) aus Kalifornien. Wer Java hat zu sehen, der staune!

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2002

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