Direkt zum Inhalt

Medizin: Zaubermoleküle

Wie Medikamente, Heilkräuter, Drogen und Alltagsdrogen wirken Aus dem Englischen von Dietmar Zimmer. Birkhäuser, Basel 2000. 298 Seiten, DM 49,80


Kräutertee, Aspirin, Antibiotika oder gar eines der neuen Virostatika – was ist man nicht bereit, an Fremdstoffen in sich aufzunehmen, wenn einem die Nase läuft und der Schädel brummt. Doch wie genau wirken all diese Stoffe?

Die britische Fachjournalistin Susan Aldridge führt den Leser sorgfältig durch die Welt der kleinen Moleküle mit den "zauberhaften" Wirkungen. Und sie verspricht nicht zuviel im Untertitel. Sinnvoll gegliedert beschäftigt sich ihr Buch mit dem breiten Spektrum der Medikamente und widmet den häufigsten Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Infektionen, jeweils ein eigenes Kapitel. Psychopharmaka, Alltagsdrogen wie Kaffee, Alkohol und Nikotin sowie illegale Drogen finden ebenfalls angemessenen Raum.

Aspirin (Acetylsalicylsäure) kennt heutzutage jedes Kind. Doch die bitter schmeckende Salicylsäure ist keine Entdeckung der Neuzeit. Schon in den Tagen des griechischen Arztes Hippokrates wurde sie als Heilmittel gegen Schmerzen und Fieber eingesetzt. Um die bittere Pille etwas zu versüßen, versah Felix Hofmann die Säure 1899 mit einer zusätzlichen Acetylgruppe und erfand damit eins der erfolgreichsten Medikamente aller Zeiten.

Doch nicht für jedes Medikament gelingt die Markteinführung. Und bis das Produkt seinen Weg vom Labor zum Patienten findet, vergehen im Schnitt zwölf Jahre. Die "Zaubermoleküle" bieten einen detaillierten Überblick über die langwierige und kostspielige Entwicklung eines neuen Wirkstoffes vom Reagenzglas über die Phasen der klinischen Prüfung bis in die Apotheke.

Zu manchen Wirkstoffen kamen die Wissenschaftler allerdings wie die Jungfrau zum Kind. So wurde das erste Antidepressivum, Iproniazid, 1952 als Mittel gegen Tuberkulose eingesetzt. Doch bald fiel den Ärzten auf, dass ihre Patienten ausgesprochen fröhlich und heiter darauf reagierten. Ab 1957 wurden 400000 Patienten gegen ihre Depressionen mit dieser Substanz behandelt, bevor sie wegen schwerer Nebenwirkungen zurückgezogen wurde. Und hätte Alexander Fleming 1928 seine Bakterienkulturen sorgfältiger gegen das Eindringen eines Schimmelpilzes geschützt, hätte er nicht das erste Breitbandantibiotikum entdeckt. Penicillin rettete bereits im Zweiten Weltkrieg unzähligen Menschen das Leben, stand für die Zivilbevölkerung allerdings erst ab 1946 zur Verfügung.

Doch nicht nur Medikamente greifen in den biochemischen Zustand unseres Körpers ein. Auch Kaffee, Alkohol und Nikotin haben tief greifende Auswirkungen auf unser inneres Gleichgewicht. Was passiert in unserem Körper nach der morgendlichen Tasse Kaffee? Und worin besteht das Suchtpotenzial von Alkohol, Heroin oder Ecstasy? Zu der heutigen Partydroge weiß Aldridge eine kuriose Geschichte beizutragen: Zwischen den fünfziger und siebziger Jahren wurde das Amphetaminderivat in der Ehetherapie eingesetzt, um Barrieren zwischen den Partnern abzubauen und Zuneigung füreinander zu wecken. Ob dieses Ziel erreicht wurde, verrät das Buch nicht.

Als leichte Lektüre vor dem Schlafengehen ist dieses Buch sicherlich nicht geeignet, denn es vermittelt geballtes Wissen, das ohne Vorkenntnisse schlecht zu verdauen ist. "Der HIV-Virus" ist dem Korrektor durchgerutscht, und an die moderne Schreibweise "Estrogen" muss man sich gewöhnen. Doch wer durchhält, wird mit einer Fülle von Fachwissen belohnt – und ein paar hübschen Überraschungen und Anekdoten obendrein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 97
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!