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News: Biologische Nicht-Kontrolle

Auch wohlgemeinte Ansätze wie die biologische Schädlingsbekämpfung können ihre Fallstricke haben. In den USA bedrohen europäische Rüsselkäfer einheimische Distelarten, und Pläne zur Freisetzung eines Flohkäfers wurden vorerst zurückgestellt, bis klar ist, wie die Natur auf den neuen Organismus reagiert.
Seit Jahrzehnten versuchen Biologen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: Sie bekämpfen Unkräuter und andere Schädlinge, die Feldfrüchten zusetzen und Ackerland ruinieren, indem sie nicht einheimische Organismen, häufig Insekten, aussetzen. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch , daß ein nach Nordamerika eingeführter Rüsselkäfer, der die eingewanderte Moschus-Distel dezimieren sollte, auch relativ harmlose Disteln einer anderen Gattung schädigt. Diese Ergebnisse haben die Forscher veranlaßt, ein neuerliches Freilandexperiment mit einem anderen fremden Insekt, daß ebenfalls zur Bekämpfung der Moschus-Distel eingesetzt werden sollte, einzustellen.

Die Moschus-Distel kam Mitte des 19ten Jahrhunderts nach Nordamerika. Der eurasische Rüsselkäfer Rhinocyllus conicus wurde 1968 zum ersten Male ausgesetzt, weitere Freisetzungen folgten. Die Insektenlarve frißt sich in die Distelköpfe und ernährt sich dort von den Samen. Paul E. Boldt vom US Department of Agriculture Grassland, Soil and Water Research Laboratory in Temple (Texas) schätzt, daß Rhinocyllus den Farmern Kosten für Herbizide in Höhe von einigen hundert Millionen Dollar erspart.

Doch in einem "verbissenen" Stück Forschung, wie Peter B. McEvoy von der Oregon State University es nennt, zeigten Svatana M. Louda und ihre Kollegen, daß sich die Rhinocyllus-Larven auch von den Samen aus den Blütenköpfen fünf einheimischer Disteln ernähren. Diese sind jedoch vergleichsweise harmose Begleitpflanzen aus der Gattung Cirsium. An einem Standort kann der Distelkurzrüssler die Samenproduktion einer Cirsium-Art um bis 86% reduzieren. Louda, die ihre Ergebnisse im August 1997 in Science veröffentlichte, fürchtet, daß der europäische Rüsselkäfer als nächstes eine verwandte und ökologisch sehr ähnliche nordamerikanische Distel befallen könnte, die offiziell als gefährdete Art gilt. Der Rüsselkäfer hat sich während der letzten Dekade schnell verbreitet und scheint jetzt auch Populationen eines einheimischen Insektes, das sich von Distelsamen ernährt, zu verdrängen.

Loudas Ergebnisse gehen in eine langdauernde Kontroverse ein. In einem 1995 veröffentlichten Bericht schrieb das inzwischen aufgelöste US Office of Technology Assessment, daß ungünstige ökologische Effekte der biologischen Schädlingsbekämpfungprogrammen "möglicherweise nicht bemerkt" wurden, weil niemand systematisch nach ihnen gesucht hat. Trotz fehlender Folgeuntersuchungen werden häufig verschiedene nichteinheimische Arten freigesetzt, eine nach der anderen, um denselben Zielorganismus zu bekämpfen. "Es gibt keine Theorie, die zeigen würde, daß das klug ist", sagt Donald R. Strong von der University of California in Davis. Die Situation wird ernst, weil die Zahl der Anträge für biologische Schädlingsbekämpfung rapide steigt.

Testergebnisse aus den sechziger Jahren zeigen, daß Rhinocyllus die Moschus-Distel vorzieht, doch "war bekannt, daß der Rüsselkäfer sich auch von anderen als der Zielart ernährt", sagt James Nechols von der Kansas State University. Boldt fügt hinzu, daß die Forscher heute im Bemühen, einheimische Arten vor Schaden zu bewahren, vorsichtiger sind als vor 30 Jahren. Das US State Department of Agriculture (USDA) kündigt strengere Vorschriften bei der Biologischen Schädlingsbekämpfung an, stieß aber auf Widerstand bei Befürwortern, die lästige zusätzliche Auflagen befürchten.

Nach Genehmigung durch die USDA begann Boldt im vergangenen Frühjahr Freilanduntersuchungen zur Bekämpfung der Moschus-Distel mit einem neuen nichteinheimischen Tier, dem Flohkäfer Psylliodes chalcomera. Die Ernährungsbreite dieses Flohkäfers war zuvor in Käfigen an 55 Pflanzenarten, einschließlich einiger heimischer Cirsium-Disteln, getestet worden, wie Boldt anmerkt. Diese Untersuchungen zeigten, daß adulte Flohkäfer von einer Cirsium-Art fraßen und dort auch Eier ablegten, daß aber die im allgemeinen gefräßigeren Larven "nur ein wenig daran knabberten". Durch diese Ergebnisse ermutigt, setzte Boldt mehrere hundert Käfer in Texas frei, und Nichols mag vielleicht versehentlich einigen in Kansas die Flucht erlaubt haben, als ein Sturm über den Testkäfigen losbrach.

Nichols nimmt an, daß dieser Käfer höchstwahrscheinlich an anderen als der gewüschten Distel weniger Schaden anrichtet als Rhinocyllus. Aber Strong zweifelt an den Bewertungsverfahren, die zur Bewilligung des Flohkäfer-Projektes führten, da er das Verfahren für politisch beeinflußbar hält.

Er stellt fest, daß die Daten der Originalliteratur und der Genehmigung nicht zu demselben Insekt zu gehören scheinen. Jedenfalls haben Boldt und Nechols seit der Publikation von Loudas Resultaten auf weitere Freisetzungen von Flohkäfern verzichtet, bis sie fundiertere Informationen haben. Boldt erklärte, daß das Insekt nicht an seltenen Disteln getestet wurde, weil die Samen für diese Experimente schwer zu bekommen seien.

Loudas Befunde werden wahrscheinlich bei der USDA sorgfältig geprüft. Dort werden jetzt Anstrengungen unternommen, neue Kompromisse bei der Regelung zur Einführung weiterer Schädlingsbekämpfungsorganismen zu finden. Nach Strong haben es besonders carnivore Insekten leicht. Er vermutet, daß einige Marienkäfer, die eingeführt wurden, um andere Insekten zu töten, andere lokale native Marienkäferpopulationen ausgelöscht haben. "Es ist erschreckend", bemerkt Strong, "und es gibt keinen öffentlichen Dialog".

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