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News: Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, gehen anderthalb Mal häufiger in die Brüche als Ehen zwischen Partnern nicht geschiedener Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, wird die Ehe der Kinder sogar zweieinhalb Mal häufiger geschieden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Chemnitzer Soziologin anhand einer groß angelegten Untersuchung.
Zu Anfang ist noch alles in Ordnung: Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen, lieben sich, schwören sich die ewige Treue und heiraten. Doch oft genug holt schon bald der Alltag das Paar ein, die beiden leben sich auseinander, schließlich hat man sich nichts mehr zu sagen, geht sich nur noch auf die Nerven – es kommt zur Scheidung. 1997 (Scheidungsstatistik 1997) war das in Deutschland fast 190 000 Mal der Fall, 1998 (Scheidungsstatistik 1998) wurde diese Zahl sogar überschritten. Etwa jede dritte Ehe in Deutschland geht irgendwann in die Brüche. Und die Zahl der Scheidungen steigt rapide an: In den vergangenen dreißig Jahren hat sie sich verdreifacht, allein 1997 ließen sich sieben Prozent mehr Paare scheiden als im Jahr zuvor, neun Jahre hielt die Ehe dabei im Schnitt.

Scheidungen passieren allerdings nicht zufällig, sie werden vielmehr durch verschiedene Umstände begünstigt. So ist etwa schon seit langem bekannt, daß Ehen häufiger geschieden werden, wenn die Partner bei ihrer Heirat noch sehr jung waren, in einer Stadt wohnen und sich kaum an eine Religionsgemeinschaft oder an die Kirche gebunden fühlen. Warum dies so ist, ist bislang nicht vollständig geklärt. Ebenso unklar ist, welche Folgen die Scheidung der Eltern für die betroffenen Kinder hat. Über 150 000 Kinder aus 105 000 Ehen mußten 1997 erleben, wie sich ihre Eltern trennten. Nach Meinung vieler Psychologen braucht ein Kind für seine gesunde Entwicklung beide Elternteile. Kinder geschiedener Eltern sind deshalb möglicherweise nicht so bindungsfähig wie Kinder nicht geschiedener Eltern. Untersuchungen aus den USA legen nahe, daß die Ehen von Scheidungskindern tatsächlich nicht besonders haltbar sind – sie werden weitaus häufiger geschieden als die Ehen von Kindern nicht geschiedener Eltern.

Jetzt ist die Soziologin Heike Diefenbach von der Technischen Universität Chemnitz erstmals der Frage nachgegangen, ob auch in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, geschieden zu werden, von den Eltern auf die Kinder vererbt wird. Das Wort "Vererbung" freilich mag die Wissenschaftlerin gar nicht, da es sich schließlich nicht um einen biologischen Vorgang handele – sie spricht lieber von Übertragung oder – auf "soziologisch" – von "intergenerationaler Scheidungstransmission".

Für ihre Untersuchung wertete Diefenbach die Mannheimer Scheidungsstudie aus, die umfangreichste Studie, die es in Deutschland auf dem Gebiet der Scheidungsforschung gibt. Bei dieser Studie wurden 1996 mehr als 5 000 Personen zu ihrer ersten Ehe befragt: Die Hälfte der Befragten war in erster Ehe geschieden, die andere Hälfte verheiratet. Sie enthält auch 678 Personen, deren Eltern geschieden wurden, als sie selbst noch Kinder oder Jugendliche waren – mehr als jede andere deutsche Studie. Sie ermöglicht es außerdem, statt einzelner Personen ganze Ehen einschließlich des Lebenslaufs beider Partner vor und in der Ehe zu analysieren und auch Informationen aus ihren Herkunftsfamilien auszuwerten.

Die Auswertung der umfangreichen Daten zeigen, daß Kinder geschiedener Eltern tatsächlich später häufiger selbst geschieden werden als Kinder nicht geschiedener Eltern, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, werden rund anderthalb Mal häufiger geschieden als Ehen zwischen Partnern mit nicht geschiedenen Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, ist die Scheidungsrate gar zweieinhalb Mal höher. Zudem wurde der Zusammenhang zwischen der Scheidung der Eltern und der Scheidung der Kinder in den letzten Jahrzehnten immer stärker. Eine solche "Scheidungstransmission" scheint aber nur im Westen stattgefunden zu haben – im Osten Deutschlands ließ sie sich nicht finden.

Besonders interessierte Diefenbach, warum Kinder aus einer geschiedenen Ehe häufiger geschieden werden, wenn sie selbst einmal heiraten. Dabei fand sie heraus, daß die Scheidung der Eltern ein Verhalten der Kinder begünstigt, das deren Scheidungsrate erhöht. So haben sie etwa vor ihrer Ehe mehr Beziehungen zu anderen Partnern als Kinder nicht geschiedener Eltern, und sie gehen auch schneller feste Beziehungen ein. Scheidungshemmende Faktoren, wie sie bei Kindern nicht geschiedener Eltern häufiger zu finden sind, fehlen hingegen meist bei den Scheidungskindern. Solche Faktoren, die eine Ehe stabil machen, sind etwa ein höheres Heiratsalter, gemeinsames Wohneigentum und gemeinsame Kinder.

Besonders gefährdet sind die Ehen von Kindern geschiedener Eltern, wenn diese einen Partner heiraten, der schon einmal verheiratet war, wenn sie sich nicht kirchlich trauen lassen, wenn sie keine gemeinsamen Kinder und kein gemeinsames Wohneigentum haben und wenn außerdem in der Ehe mindestens einmal eine außergewöhnliche Belastung auftritt. Doch auch die Ehen von Scheidungskindern können stabil sein. Dann haben die Partner meist erst vergleichsweise spät geheiratet, außergewöhnliche Belastungen traten in der Ehe nicht auf und beide Partner gehören derselben Nationalität an. Gemeinsame Kinder und gemeinsames Wohneigentum sind ebenfalls vorhanden, und zudem warteten die Partner recht lange, bevor sie einen gemeinsamen Haushalt gründeten. Stabilisierend wirkt auch, wenn keiner der Partner schon einmal verheiratet war, und beide Partner zum Zeitpunkt der Eheschließung sexuell relativ unerfahren waren.

Allerdings hat sich der Einfluß der verschiedenen Faktoren, die eine Ehe stabil oder instabil machen, in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Häufiger als noch vor zwanzig Jahren lassen sich Paare trotz gemeinsamen Wohneigentums scheiden, doch halten andererseits auch besitzlose Ehen inzwischen länger als damals. Auch Belastungen in der Ehe führen heutzutage noch leichter zu einer Scheidung als früher. Fehlen solche Belastungen hingegen, ist es wahrscheinlicher, daß die Ehe hält, als noch vor Jahren. Und noch etwas fand die Chemnitzer Wissenschaftlerin heraus: Wenn der Einfluß scheidungshemmender Faktoren abnimmt, bedeutet dies noch lange nicht, daß der Einfluß scheidungsfördernder Faktoren gleichzeitig zunimmt.

Die Zahl der Geschwister beeinflußt dagegen die Scheidungshäufigkeit der Kinder geschiedener Eltern ebenso wenig wie der Bildungsgrad. In den USA ist das anders, wie ähnliche Untersuchungen dort gezeigt haben. Diefenbach schließt daraus, daß die Folgen, die eine Scheidung der Eltern für deren Kinder hat, von Land zu Land unterschiedlich sind und von der jeweiligen Gesellschaft abhängen.

Die häufigeren Scheidungen der Kinder geschiedener Eltern lassen sich allerdings auch anders deuten. So könnten etwa die Kinder ihr Verhalten in Liebe und Partnerschaft von ihren Eltern gelernt haben. Möglich ist auch, daß sich die Eltern während der Zeit der Scheidung wegen ihrer eigenen Probleme nicht mehr genügend um ihre Kinder gekümmert haben. Je nachdem, wie alt ein Kind bei der Scheidung der Eltern ist, kann dies überdies ganz unterschiedliche Folgen haben. Außerdem können sich verschiedene Wirkungen von Ehe und Scheidung der Eltern auf die Kinder gegenseitig beeinflussen, einander verstärken oder aufheben.

In weiteren Untersuchungen will die Chemnitzer Wissenschaftlerin deshalb herausfinden, in welchem Lebensalter scheidungsfördernde Faktoren bei Kindern geschiedener Eltern besonders wirksam sind. Und noch ein Aspekt ist bisher nicht untersucht worden: Die wachsende Zahl der Deutschen, die ohne Trauschein zusammenleben – rund drei Millionen sind es mittlerweile, zehn Mal mehr als noch 1970. Die "wilde Ehe" ist nämlich längst zum Normalfall geworden, und immer mehr Kinder haben Eltern, die nicht miteinander verheiratet sind. Ob sich eine Trennung unverheirateter Eltern ähnlich auf das spätere Verhalten der Kinder auswirkt wie die Scheidung der Eltern, bleibt ebenfalls noch zu klären.

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