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News: Ein neues altes Mittel gegen Alzheimer

Ein klassisches und seit 30 Jahren bekanntes Medikament gegen die Bilharziose mit weltweit rund 300 Millionen Erkrankten soll eine weitere Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten bei Morbus Alzheimer bringen. Der deutsche Pharmakonzern Bayer hat vor zehn Tagen die Europa-Registrierung der Substanz Metrifonat für die Therapie dieser Demenzform beantragt.
1999 soll die Zulassung für Metrifonat erfolgen. Das Medikament zeichnet sich durch eine lange Wirkdauer und sehr gute Verträglichkeit aus.

Die Bekanntgabe des Registrierungs-Ansuchens erfolgte bei einem internationalen Presseseminar des deutschen Konzerns zum Thema Alzheimer-Demenz in Paris. Ebenfalls präsentiert wurden erste Daten aus Studien an Patienten. Noch vor einigen Wochen beim Europäischen Alzheimer-Kongreß in Helsinki hatten selbst Neurologen bloß Ergebnisse aus Tierversuchen vorgetragen bekommen.

Hinter diesen Forschungsanstrengungen steht eine unerhörte Herausforderung für Gesellschaft und Gesundheitswesen in den nächsten Jahrzehnten. Die Welt steht vor einer Lawine an Alzheimer-Erkrankungen.

Univ.-Prof. Dr. Albert Hofman vom Institut für Epidemiologie und Biostatistik der Erasmus Universität in Rotterdam (Niederlande): „Unter den 65jährigen gibt es noch praktisch keine dementen Personen. Im Alter von 70 Jahren liegt der Anteil der Betroffenen bei zwei Prozent, unter den 75jährigen sind es bereits acht Prozent – und unter den 95jährigen schließlich 50 Prozent.”

Zwei Drittel aller Fälle dieser Hirnleistungsstörungen sind durch den Morbus Alzheimer bedingt. In der EU gibt es derzeit rund 2,5 Millionen Alzheimer-Patienten, im Jahr 2010 werden es vier Millionen sein. Dazu auch der Leiter des Symposiums, Univ.-Prof. Dr. Orgogozo (Bordeaux/Frankreich): „Die Alzheimer-Krankheit ist tödlich, häufig und teuer.”

„Schuld” daran ist die demographische Entwicklung. In den westlichen Industriestaaten wächst die Zahl der über 75jährigen am schnellsten von allen Altersgruppen. Die Staaten an der Grenze zur Industrie-Gesellschaft (Südamerika, Asien) holen stark auf. Hofman: „Eine Studie in der EU hat ergeben, daß das jährliche Risiko eines 90jährigen, an Morbus Alzheimer zu erkranken, bei zehn Prozent liegt.”

Bei vollem Ausbruch der Erkrankung ist die Pflege der verwirrten, sich und ihre Nächsten nicht mehr erkennenden Patienten rund um die Uhr sicherzustellen. Und das in einem Alter, in dem auch der noch vorhandene Partner leicht überfordert ist, die sozialen Netze der alten Großfamilie nicht mehr vorhanden sind.

Edward Truschke, Präsident der amerikanischen Alzheimer-Gesellschaft: „In den USA sind bereit vier Millionen Menschen betroffen. Ihre Versorgung ist ein 36-Stunden-Job. Die Krankheit kostet uns in den USA derzeit jährlich 100 Milliarden Dollar.” Im Jahr 2050 rechne man in den Vereinigten Staaten bereits mit 14 Millionen Alzheimer-Patienten.

Eine Heilung des Morbus Alzheimer ist derzeit nicht in Sicht. Der in Fachkreisen weltbekannte Heidelberger Experte Univ.-Prof. Dr. Konrad Beyreuther: „Bei der Krankheit handelt es sich um einen Zusammenbruch des Transports des sogenannten Amyloid-Vorläufer-Proteins (APP) in Nervenzellen des Gehirns. Der Eiweißstoff hat an sich eine Reparatur- und Signalfunktion.” Wird es nicht richtig abgebaut, kommt es zu seiner Ablagerung im Gehirn, die Funktion der Nervenzellen bricht – ähnlich einem Verkehrsstau – zusammen.

Den ersten von Angehörigen der Betroffenen bemerkten Symptomen – schwere Vergeßlichkeit, Verwirrtheit, Veränderungen im Verhalten – geht wahrscheinlich ein 30 Jahre dauernder „subklinischer” Prozeß voran. Doch beim Ausbruch der Erkrankung ist schon erheblicher Schaden am Gehirn entstanden. Daraus ergeben sich auch die Chancen eines frühen Eingreifens. Der US-Alzheimer-Experte Edward Truschke: „Könnte man den Ausbruch der Erkrankung fünf Jahre hinauszögern, gäbe es 50 Prozent weniger Patienten.”

Genau das sollen die ersten Arzneimittel gegen die Alzheimer-Krankheit gewährleisten. Es handelt sich dabei um die sogenannten Acetylcholinesterase-Hemmer. Sie blockieren in den Spalten zwischen Nervenzellen im Gehirn jenes Enzym, welches den anregenden Botenstoff Acetylcholin abbaut. Tacrine war die erste derartige Substanz, sie hat aber potentiell starke Nebenwirkungen, eine Behandlung ist deshalb schwierig. Zwei weitere Arzneittel sind in Europa bereits zugelassen bzw. stehen unmittelbar vor der Registrierung. 1999 soll dann Metrifonat kommen.

Die klinischen Tests mit der neuen Substanz (Dosierung: 30 bis 60 Milligramm einmal pro Tag) sind erfolgreich verlaufen. Der Bayer-Beauftragte Perry de Jongh, der weltweit die Studien an Patienten koordiniert: „Wir haben Erfahrungen mit bis zu sechs Monaten Therapie.”

Im Vergleich zu einem Placebo brachte die neue Substanz Ergebnisse, wie sie für Acetylcholinesterase-Hemmer typisch sind: Eine Verbesserung der Hirnleistung um einen „Punkt” auf der international gebräuchlichen ADAS-cog-Skala (Alzheimer Disease Assessment Scale) in den ersten drei Monaten, über einen Zeitraum von sechs Monaten blieben die Patienten stabil. Bei den Placebo-Probanden kam es hingegen zu einer ständigen Verschlechterung des Zustandes.

Gleichzeitig zeichnet sich Metrifonat laut den bisherigen Erfahrungen durch eine lineare Dosis-Wirkungs-Beziehung (vorausberechenbarer Effekt), durch eine einfache Dosierung und durch eine lange Wirkdauer aus. Weiters sind die Nebenwirkungen – Diarrhoe, Beinkrämpfe und Schnupfen – nur gering ausgeprägt.

Worauf es vor allem ankommt: Die Behandlung muß möglichst früh beginnen, um nicht erst dann einzugreifen, wenn das Gehirn des Alzheimer-Patienten schon schwer geschädigt ist. An einfachen Labortests zur spezifischen Diagnose der Krankheit wird gearbeitet. Der britische Experte Univ.-Prof. Dr. Ian Hindmarch, der für Bayer sogar einen eigenen für Praktische Ärzte geeigneten Test (Activity of Daily Living Score – ADL) entwickelt hat: „Wir müssen die Diagnose Morbus Alzheimer einfach früher stellen.”

Andernfalls gibt es derzeit keine Möglichkeiten, die desaströsen Konsequenzen der Krankheit in den Griff zu bekommen. – Die Patienten fallen ohne optimale medizinische Versorgung dem „tödlichen Vergessen” anheim.

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