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Naturgeschichte: Feurige Zeiten

Am Anfang war das Feuer - und es blieb bis heute: Seit der Mensch sich die Flammen nutzbar machte, setzt er sie ein, um die Landschaft nach seinem Willen zu gestalten. Klimatische Pausen halten ihn da meist nur kurzfristig auf.
Erde in Flammen
Der Mittelmeerraum kam dieses Jahr relativ gut durch den Sommer: Nur wenige Brände zerstörten Hab und Gut, Wälder und Macchien. Die Brandsaison 2008 war jedenfalls kein Vergleich zum Vorjahr, als tausende Quadratkilometer in Portugal, Spanien, Frankreich, Italien oder Griechenland in Schutt und Asche fielen, dutzende Menschen auf dem Peloponnes starben und fast das antike Olympia ein Raub der Flammen wurde. Andere Regionen traf es dieses Jahr dagegen wieder schwer: Im Westen der USA wüteten Feuer wochenlang im Big Sur und um Los Angeles. Beißender Qualm hüllte Buenos Aires und Singapur ein, weil in der umliegenden Pampa beziehungsweise auf Borneo und Sumatra wieder Land mit Hilfe des Streichholzes für Plantagen vorbereitet werden sollte. Und auch Brasilien erlebte einen sprunghaften Anstieg der Brandrodungen im südlichen Amazonasbecken.

Feuer am Erickson Creek, Alaska | Steigende Temperaturen und häufigere Dürren erhöhen die Brandgefahr in den borealen Nadelwäldern: 2003 tobte dieses Feuer am Erickson Creek in Alaska und schloss den Dalton Highway ein.
Ein Blick auf die Feuerweltkarte der NASA belegt: Die Erde glüht vielerorts rot und gelb durch die zahllosen Brände, die ukrainische Steppen ebenso verzehren wie bolivianischen Regenwald oder australisches Buschland. Seit der Mensch sich die Flamme zunutze gemacht hat, entstehen allerdings die wenigsten dieser Feuer auf natürliche Art – durch Blitze, Funkenflug bei Steinschlag, Überhitzung verwesenden Laubs oder Vulkanausbrüche. Weitaus häufiger legt sie der Mensch, weil er Platz schaffen möchte für sein Vieh, Weidegründen zu neuem Grün verhelfen will, Campinggluten nur unzureichend löscht oder schlicht, weil er sich an zügig heranrauschenden Brandbekämpfern und ihrem Einsatz erfreut.

Wer nun jedoch denkt, das 20. Jahrhundert gehörte zu den brandintensivsten der jüngeren Menschheitsgeschichte, könnte vielleicht falsch liegen – meinen zumindest Forscher um Jennifer Marlon von der University of Oregon in Eugene und ihre Kollegen. Sie haben die Feuerhistorie der Erde während der letzten 2000 Jahre anhand von Holzkohleresten aus allen Teilen der Welt rekonstruiert – mit durchaus überraschendem Resultat [1].

Globale Brandherde im September 2008 | Dieses Satellitenbild zeigt, wo Anfang September besonders viele Brände rund um die Erde tobten: Betroffen waren vor allem jene Regionen, die unter winterliche Trockenheit litten – so das südliche Afrika und das südliche Brasilien, wo vor allem im Sommer Regen fällt. Dagegen beendete die Herbstfeuchte die Feuersaison in mediterranen Regionen wie im Westen der USA.
Denn der Höhepunkt der globalen Brandschatzung ereignete sich nicht im letzten Jahrhundert, sondern tatsächlich schon zwischen 1750 und 1870: Zu dieser Zeit dehnten europäische Kolonialherren ihren Einflussbereich in großen Teilen der Welt stark aus und versuchten, Wildnis urbar zu machen – etwa in Brasilien, Südafrika oder Australien. Zeitgleich begann die Weltbevölkerung stärker zu wachsen und benötigte ebenfalls mehr Raum. Die Brandbekämpfung steckte dagegen noch in den Kinderschuhen, so dass Feuer häufig außer Kontrolle gerieten und größere Flächen als geplant verheert wurden. Ein starker Anstieg der Holzkohleablagerungen war weltweit die Folge.

Damit kehrte sich in dieser Zeit ein Trend um, der die vorherigen Jahrhunderte dominiert hatte: eine nahezu stetige und starke Abnahme der Brände seit dem Jahre Null. Kühle Perioden wie die Kleine Eiszeit zwischen 1400 und 1800 verringerten das Pflanzenwachstum und damit die Ansammlung von Brennmaterial, niedrigere Temperaturen und feuchtere Witterung verhinderten, dass sich Feuer überhaupt entzündeten. Seuchen und Kriege rafften zudem Millionen amerikanischer Ureinwohner hinweg, die Brände als natürliches Werkzeug nutzten, um Land für ihren Ackerbau zu schaffen oder Wild auf die geschaffenen Lichtungen zu locken.

Verkohlte Bäume | Nichts als verkohlte Bäume blieben nach einem Brand 1996 am Waldo Lake im Kaskadengebirge Oregons zurück.
Aber auch die Zeit nach 1870 war geprägt durch einen Rückgang flammender Urbarmachung – trotz extrem wachsender Weltbevölkerung und steigender Temperaturen im Gefolge des Klimawandels. Ein Paradoxon? Keineswegs meinen Marlon und ihr Team: In Russland, den USA, Australien und anderen entwickelten Nationen schufen Landwirte nun Kulturland durch neu entwickelte Maschinen, rodeten Wälder mit der Kettensäge und pflügten Prärien und Steppen um; auf dem Rest hielten Rinder, Schafen und Ziegen die Vegetation kurz. Dem Feuer wurde so die Ernährungsbasis genommen. Auf der anderen Seite verhinderten Feuerwehren und Forstwirte, dass wertvolles Holz in Kohlendioxid und Asche überging – sie bekämpften jedes Glutnest rigoros. Ohne diese Einflüsse hätte es wohl keine relative Feuerpause gegeben, wie ein Blick in die Nadelwälder des hohen Nordens zeigt, die weite Teile Kanadas und Sibiriens bedecken: Erwärmung und Trockenheit lassen es hier häufig und stark lodern – mit steigender Tendenz.

Ohnehin scheint die Phase relativer Ruhe seit etwa 1970 weit gehend vorüber – nur schlägt sich die neuerliche Aktivität in den Holzkohledatensätzen kaum nieder: Sie können zeitlich noch nicht so genau aufgeschlüsselt werden, dass sie bereits die letzten zwei bis drei Jahrzehnte umfassen. In der Zwischenzeit hat eine neue Phase der Landnahme begonnen, in der Zündholz und Feuerzeug wieder zu einer wichtigen Beschaffungsmethode gehören, wie Indonesien, Brasilien oder Argentinien belegen. Auch die Politik der Feuerrepression schlägt nun vermehrt auf ihre Urheber zurück: In den Wäldern des amerikanischen Westens wie rund ums Mittelmeer hat sich dadurch viel Zündstoff angesammelt, der sich in extremen Brandkatastrophen erst abbauen muss.

Blütenteppich nach Brand | Feuer sind eine natürliche Störung der Natur: Sie zerstören überalterte Vegetation und schaffen Platz für neuen Jungwuchs und andere Arten. Nach diesem Brand in Alaska kamen Blütenpflanzen massiv auf und schufen optimale Weidegründe für eine Vielzahl an Tieren.
Dort wie auch in den afrikanischen Savannen gehört Feuer – im Gegensatz zum Regenwald – eigentlich ohnehin zu den wichtigsten gestalterischen Faktoren des Ökosystems, belegt eine Arbeit von Julia Zimmermann vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle und ihren Kollegen wieder einmal [2]. Vor allem Brände sorgten in trockenen Gebieten wie der namibischen Etosha-Pfanne dafür, dass altes vetrocknetes Gras verschwindet und Platz wie Nährstoffe für neuen Jungwuchs schafft, so die Biologen. Auch mit höheren Niederschlägen oder mehr Pflanzensamen gelang es der Natur nicht, frisches Grün durch die dichten Horste zu treiben, wie die Experimente vor Ort zeigten.

Viele Völker, die noch nahe an der Natur leben, haben sich diesen Mechanismus abgeschaut und setzen ihn zum eigenen Nutzen ein – so wie die australischen Aborigines vom Stamme der Martu. Einige von ihnen leben noch in den Wüsten Westaustraliens und führen dort ein halbwegs traditionelles Leben als Jäger und Sammler. Sie stellen verschiedenen Kängurus, Echsen und Vögeln nach und graben nach den Wurzeln essbarer Pflanzen, die im harschen Terrain jedoch eher selten und weit verstreut sind – noch dazu, wenn der Lebensraum sich dem so genannten Klimaxstadium nähert. Dann dominieren gereifte Spinifex-Horste, die in ihrem Zentrum bereits wieder absterben und so große sterile Flächen aus totem Gras schaffen.

Hier nun greifen die Martu nach jahrhundertealter Tradition mit Feuer ein, um ihre eigene Versorgung zu verbessern, entdeckten Ökologen um Rebecca Bliege Bird von der Stanford University entdeckt [3]. Um Australische Trappen anzulocken oder Goulds-Warane leichter aufzuspüren, brennen die Aborigines kleinere Areale von ein bis zehn Hektar Größe nieder, wobei sie stets aufpassen, dass die Brände nicht außer Kontrolle geraten und an natürlichen Feuerschneisen erlöschen. Greifen sie auf angrenzende Gebiete über, müssen sie an den formellen Besitzer des Grunds eine Art Strafe zahlen.

Vegetationsmosaik in der Etosha-Pfanne | Brände schaffen ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Vegetationsstadien und damit Lebensräume für zahllose Arten. In der Etosha-Pfanne Namibias sind sie die treibende Kraft, die dafür sorgt, dass sich das Grasland erneuert.
Dadurch schaffen sie ein kleinräumiges Mosaik aus unterschiedlichsten Sukzessionsstadien, das in enger Nachbarschaft einer Vielzahl an unterschiedlichen Pflanzen und Tieren eine Heimat bietet. Gleichzeitig steigern sie durch die verbesserte Ernährungssituation für die Tiere ihren Jagderfolg: Das frische Grün lockt Kängurus an, Trappen und Emus suchen dort nach Insekten, und Echsen vermehren sich darin stärker. Bis zu 50 Prozent mehr Beute können die Martu dadurch erlegen. Ein natürliches Feuerregime würde dagegen die Lebensbedingungen über deutlich größere Flächen vereinheitlichen und die Biodiversität eher senken.

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  • Quellen
[1] Marlon, J. et al.: Climate and human influences on global biomass burning over the past two milennia. In: Nature Geosciences 10.1038/ngeo313, 2008.
[2] Zimmermann, J. et al.: Recruitment filters in a perennial grassland: the interactive roles of fire, competitors, moisture and seed availability. In: Journal of Ecology 96, S. 1033–1044, 2008.
[3] Bliege Bird, R. et al.: The "fire stick farming" hypothesis: Australian Aboriginal foraging strategies, biodiversity, and anthropogenic fire mosaics. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073.pnas.0804757105, 2008.

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