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Ökologie: Früher Rückzug

Sie tragen ein geschätztes Fell und mussten deshalb zu Millionen sterben. Heute sind die Nördlichen Seebären geschützt, aber ihre Zahl nimmt erneut ab, und keiner weiß, warum. Leiden sie noch immer an ihrer blutigen Vergangenheit?
Nördlicher Seebär
Als Georg Wilhelm Steller, deutscher Naturwissenschaftler im Dienste der russischen Zaren, und sein Kapitän Vitus Bering im Jahr 1741 in den Gewässern zwischen Sibirien und Alaska kreuzten, entdeckten sie ein arktisches Eldorado: ein Meer reich an Fisch, Vögeln, Robben, Seekühen und Walen sowie Inseln, die fast menschenleer auf Besiedelung und Ausbeutung nur zu warten schienen. Und tatsächlich lösten Stellers Berichte an den Hof in Petersburg eine Art Goldrausch an die Pazifikküste aus – sehr zum Nachteil der lokalen Tierwelt.

Nördlicher Seebär | Ein Seebärenbulle wacht über seinen großen Harem.
Innerhalb von nur 27 Jahren erlegten Fischer und Jäger alle Exemplare der gigantischen Steller'schen Seekuh (Hydrodamalis gigas) – benannt nach ihrem Erstbeschreiber –, die deutlich größer war als ihre noch lebenden Verwandten und von der heute nur noch wenige Exemplare in den Museen der Welt existieren. Nur wenig besser erging es den Nördlichen Seebären (Callorhinus ursinus), deren Fell als das wertvollste und damit begehrteste unter den Robben gilt. Millionenfach schlachteten Pelzjäger die Tiere in ihren sommerlichen Kolonien ab; allein in den Jahren 1868 und 1869 mussten knapp 330 000 Seebären ihre Haut für die Modeindustrie lassen: kein Wunder also, dass die Art zu Beginn des 20. Jahrhunderts kurz vor der Ausrottung stand – einzig auf den zu den USA gehörenden Pribilof-Inseln konnte sich noch eine überlebensfähige Gruppe halten.

Dabei waren die ungemütlichen Eilande im Beringmeer ohnehin das letzte Rückzugsgebiet der Seebären, die einst wohl viel großräumiger verbreitet waren, wie Forschungen von Seth Newsome von der Carnegie Institution in Washington und seiner Kollegen nun offenbaren. Knochen der Robben finden sich zuhauf in zahlreichen archäologischen Fundstellen entlang der pazifischen Küste von Südkalifornien bis hinauf zu den östlichen Aleuten, sodass sie offensichtlich bereits vor der kommerziellen Ausbeutung von den Küstenbewohnern Nordamerikas genutzt worden waren.

Seebärenbulle | Millionenfach wurden die Nördlichen Seelöwen – und viele andere Robbenarten auch – wegen ihres wertvollen Pelzes getötet. Erst kurz vor der Ausrottung trat ein Schutzgesetz in Kraft.
Die weiblichen Seebären der Beringmeer verlassen wohl schon immer alljährlich im Herbst zusammen mit den Jungtieren ihre nordische Heimat und verbringen den Winter auf dem offenen Meer vor der kalifornischen Küste, während die Männchen im Golf von Alaska bleiben. Diese Tiere ziehen allerdings meist einzeln oder nur in kleinen Gruppen, was die Jagd auf sie zu Wasser wenig lukrativ macht – sofern die damaligen Indianerstämme überhaupt die nautischen Fähigkeiten dazu besaßen.

In den Knochenhaufen befanden sich allerdings auch Überreste männlicher Tiere und aller Altersklassen, wie die Forscher anhand von genetischen und biochemischen Studien erkannten. Wie kamen aber diese vor die Tore der heutigen Städte Los Angeles und San Francisco – noch dazu in so großer Zahl, die einzelne Verirrte oder Abgetriebene ausschließt? Bereits die schiere Menge der ausgegrabenen Relikte spricht für eigenständige Kolonien entlang der kalifornischen Küste, wo heute noch ihre größeren Verwandten, die Kalifornischen Seelöwen (Zalophus californianus), und Seehunde (Phoca vitulina) hausen.

Pribilof-Inseln | Nur die entlegenen Pribilof-Inseln im Beringmeer boten den Pelzrobben eine letzte sichere Zuflucht am Ende des letzten Jahrhunderts.
In den Skeletten reichern sich zudem Kohlenstoff-13- und Stickstoff-15-Isotope an, mit deren Hilfe auf den Ort der Nahrungsaufnahme und die Art des Futters zurückgeschlossen werden kann. So konzentrieren sich die beiden Isotope stärker im Gewebe von Tieren, die überwiegend in niedrigeren Breiten leben und fressen. Außerdem nimmt ihr Gehalt im Beringmeer von Ost nach West ab. Anhand ihrer Messergebnisse können Seth Newsome und sein Team daher drei große Gruppen eindeutig voneinander unterscheiden: eine südliche Seebären-Population, deren hohe Isotopenkonzentration für einen ganzjährigen Aufenthalt in kalifornischen Gewässern spricht, einen nördlichen Bestand aus dem Golf von Alaska mit durchschnittlichen Werten und eine Teilgruppe aus den westlichen Aleuten mit sehr geringen 13C- und 15N-Gehalten in den Knochen.

Über das Stickstoff-Isotop lässt sich außerdem ermitteln, wie lange ein Jungtier gestillt und in welchem Alter es ungefähr entwöhnt wurde, da dieses sich über die Muttermilch noch zusätzlich anreichert. Auf den Pribilof-Inseln füttern die Seebärinnen ihre Sprösslinge nach vier Monate nicht mehr, und der Nachwuchs ist gezwungen, auf feste Nahrung umzusteigen und damit selbstständig zu werden. Ihr 15N-Gehalt beginnt sich an den der Erwachsenen anzupassen und erreicht ihn nach etwa acht bis elf Monaten. Nicht so bei den Gebeinen weiter südlich: Selbst 12 bis 15 Monate alte Jungtiere wiesen hier noch die gleiche Isotopenkonzentration wie ihre viermonatigen Artgenossen auf – sie wurden folglich länger gefüttert als ihre arktischen Verwandten.

Tatsächlich ist diese lange Kindheit nicht ungewöhnlich für Ohrenrobben, zu denen die Seebären zählen. Denn bis auf die Nördlichen und die Antarktischen Seebären (Arctocephalus gazella) kümmern sich alle Vertreter dieser Gruppe bis zu einem Jahr und länger um ihre Zöglinge und verhindern damit, dass beispielsweise durch klimatische Extremereignisse zu viele Jungtiere einer Generation sterben. Auf der anderen Seite passten sich die beiden polnächsten Arten beziehungsweise Teilpopulationen an die extremen Winter ihres Lebensraums an und entlassen deshalb ihren Nachwuchs früher in die Eigenständigkeit, damit er den harschen Bedingungen entfliehen kann.

Nördliche Seebären | Heute gibt es wieder mehr als eine Million Nördlicher Seebären – Tendenz sinkend. Diesmal ist der genaue Grund jedoch noch nicht bekannt.
Vor Rätsel stellt die Forscher, warum Callorhinus ursinus bereits vor 800 bis 1000 Jahren aus Nord- und Zentralkalifornien verschwand, während die Art in ihren südlichsten Verbreitungsgebieten sowie in Kanada und Teilen Alaskas erst vor 200 Jahren ausstarb. Womöglich übernutzten die lokalen Küstenbewohner schon damals die Bestände bis zum Zusammenbruch – schließlich herrschte an Land die mittelalterliche Klimaanomalie, die Teilen Nordamerikas Dürre und Nahrungsknappheit bescherte. Eindeutig ist dagegen der Niedergang der anderen Bestände außerhalb des Beringmeers, die dem beginnenden Pelzhandel zum Opfer fielen – und mit ihnen ihre besondere Seebären-Biologie.

Erst 1911 schob die North Pacific Fur Seal Convention dieser unkontrollierten Nachstellung einen Riegel vor, indem sie die Jagd für sechs Jahre unterband und sie anschließend nur begrenzt freigab. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten denn auch wieder mehr als zwei Millionen Seebären im nördlichen Pazifik. Doch war dieses Hoch nur von kurzer Dauer. Seitdem halbierten sich die Populationen, und keiner weiß genau, warum. Womöglich ist nun wegen Überfischung oder Klimawandel die Nahrung knapp, Schwertwale fressen zu viele Robben mangels anderer Beute und unzählige Tiere ertrinken durch Netzen und Leinen der Fischer. Vielleicht liegt es aber auch an den Schatten der Vergangenheit und dem genetischen Aderlass. Immerhin kehrten einige wenige dauerhaft in ihre südliche Heimat zurück: Etwa 4000 Seebären tummeln sich wieder in Kalifornien.

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