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News: Leiden Rowdys an biochemischem Mangel?

Manche Jugendliche oder Kinder starten ihre Karriere als Rowdy und Schläger allzu früh. Offenbar lösen neben dem sozialen Umfeld auch Stoffwechselprozesse solche Verhaltenweisen aus. Im Speichel von besonders aggressiven Jungen finden sich auffällig niedrige Konzentrationen des Hormons Cortisol, das der Körper in Streßsituationen ausschüttet. Möglicherweise erleben diese Kinder Streß anders als ihre friedfertigen Altersgenossen.
Wenn Kinder jähzornig oder besonders aggressiv sind, wer trägt dann die Verantwortung? Eine miserable Erziehung,? Das soziale Umwelt? Die Gene? Einige Hinweise deuten darauf hin, daß Aggressivität und unsoziales Verhalten in frühem Kindesalter durchaus auch eine biochemische Ursache haben könnten.

In einer vierjährigen Studie untersuchten Keith McBurnett und seine Kollegen von der University of Chicago 38 verhaltensgestörte Jungen. Die Kinder waren alle durch permanente Aggressivität und Gewaltbereitschaft aufgefallen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Die beiden Wissenschaftler hatten im zweiten und vierten Jahr der Studie Speichelproben genommen und in Gesprächen mit den Eltern und Lehrern die Verhaltensauffälligkeiten – Gewalttätigkeit, Waffenbesitz, Tierquälerei, Diebstahl und sexuelle Nötigung – durchleuchtet (Archives of General Psychiatry vom Januar 2000).

Niedrige Konzentrationen des Streßhormons Cortisol im Speichel der sieben- bis neunjährigen Jungen korrelierten dabei stark mit Aggressivität und Aufsässigkeit: Zwölf Kinder mit geringen Konzentrationen in beiden Speichelproben wiesen durchschnittlich 5,2 Symptome von Verhaltensstörung auf. Im Vergleich dazu zeigten 26 Jungen mit höheren Cortisolwerten nur 1,5 solcher Symptome. Elf der zwölf Jungen mit ständig niedrigen Cortisolwerten entwickelten ihr aggressives Verhalten, noch bevor sie zehn Jahre alt wurden.

Überdies bezeichneten die Mitschüler mehr als ein Drittel dieser Jungen als die "Gemeinsten" der Klasse. Alle Schüler – sowohl verhaltensgestörte als auch "friedfertige" – ähnelten sich dabei in ihren ethnischen und soziokulturellen Zugehörigkeiten sowie in ihrem Intelligenzquotienten.

Die Ergebnisse der Studie lassen einen anhaltenden biologischen und nicht nur erzieherischen Anteil an permanent unsozialem Verhalten vermuten, meint McBurnett. "Chronisch verhaltensgestörte Kinder besitzen vielleicht Gene, die vor oder kurz nach ihrer Geburt eine veränderte Hormonproduktion auslösen." Doch ist es noch nicht genau bekannt, wie Cortisol aggresssives Verhalten reguliert.

McBurnett glaubt, daß es als Indikator für eine Störung der Hormonproduktion dienen kann, die das Verhalten in Streßsituationen steuert. "Da der Körper Cortisol in bedrohlichen Situationen ausschüttet, können wir vielleicht dadurch erfahren, wie Jugendliche unter solchen Umständen reagieren", meint McBurnett. "Jungen mit permanent niedrigen Cortisolwerten haben möglicherweise keine Angst vor Bestrafung." Bei vielen verhaltensgestörten Kindern funktioniere der Mechanismus von Tat und drohender Strafe nicht normal. "Da sie Streß nicht wie andere Kinder empfinden, vermeiden sie solche Situationen auch nicht."

Die neuen Erkenntnisse können möglicherweise helfen, die bisher weitgehend unbekannten Wesensunterschiede zwischen nur kurzzeitig und permanent gewaltbereiten Heranwachsenden zu ergründen. Denn langfristige Verhaltensstörungen sind schwer zu behandeln, und so bleiben die betroffenen Jugendlichen in der Regel für Jahrzehnte sozial und gesellschaftlich ausgeschlossen. Nach Angaben der Wissenschaftler sind sie schließlich für einen unverhältnismäßig großen Anteil von Straftaten und Gewaltdelikte verantwortlich.

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