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News: Mensch gegen Maschine

Obwohl viele Versuche, einer Maschine künstliche Intelligenz einzuhauchen, noch unbeholfen wirken, gelang es Robotern und Computern bereits in speziellen Gebieten, den Menschen zu übertrumpfen. Nach Schachgroßmeistern müssen nun auch Händler, Kaufleute und Broker um ihren Ruf fürchten. Denn wie es aussieht, verstehen sich die Elektronenhirne einfach besser aufs Geschäft.
Im Mai 1997 lieferten sich zwei Kontrahenten eine unerbittliche Schlacht auf dem Schachbrett. Während der eine Spieler seine grauen Zellen anstrengte und nach Wegen zum Sieg suchte, fragte sein Gegner interne Datenbanken ab und berechnete in Sekundenschnelle Millionen von Zugmöglichkeiten im Voraus. Man könnte meinen, dass es ein ungleicher Kampf gewesen wäre zwischen dem Schachgroßmeister Gary Kasparov und dem Supercomputer Deep Blue, doch zunächst sah es so aus, als würde der menschliche Schachprofi die Oberhand behalten.

Schließlich aber, nach einem Sieg für Kasparov, einem zugunsten von Deep Blue und drei unentschiedenen Partien gewann der elektronische Kontrahent das alles entscheidende sechste Spiel. Ist die Maschine also schlauer als der Mensch? Sicherlich nicht, zumindest noch nicht, denn der Parallelrechner von IBM – Deep Blue – wurde explizit auf seine Aufgabe vorbereitet, er diente nur jenem Zweck, ein Schachspiel zu gewinnen. Hätte man ihn beispielsweise damit beauftragt, auf dem Flohmarkt nebenan möglichst günstig ein paar alte Spektrum-Hefte zu erstehen, so wäre er hoffnungslos überfordert gewesen. Die Programmierung macht's.

Ist eine Maschine aber ideal angepasst für eine bestimmte Aufgabe, so scheint sie fast unschlagbar. Dann hätte auch der Händler auf dem Flohmarkt sein Nachsehen – zumindest, wenn er es mit einem kaufinteressierten Computer-Agenten von IBM zu tun hätte. Denn wie Rajarshi Das und seine Kollegen nun berichten, machten jene Programme im Handel mit Menschen das deutlich bessere Geschäft.

Die Forscher überprüften nämlich das Geschäftsgebaren von sechs menschlichen und sechs elektronischen Händlern in einem virtuellen Wirtschaftssystem. Dazu teilten sie je die Hälfte der beiden Gruppen den Käufern und die anderen beiden Hälften den Anbietern zu. Während die Käufer nicht mehr als einen gewissen Betrag für die zu erstehenden Güter zahlen durften, war es den Anbietern nicht erlaubt, ihre Ware unterhalb eines bestimmten Preises zu verkaufen. Alle zwölf Teilnehmer sollten schließlich während des Handels einen möglichst guten Preis erzielen – für Käufer ist der niedrig, für Verkäufer entsprechend hoch.

Um ein gerechtes Geschäft zu gewährleisten, fand die gesamte Auktion in einem Zentralrechner statt, der unparteiisch die Angebote und Nachfragen entgegennahm und verwaltete. Die menschlichen Händler waren dabei über sechs Rechner mit der zentralen Verwaltung verbunden, zu der auch die sechs Computer-Händler eine direkte Netzwerkverbindung erhielten. Auf diesen Rechenmaschinen lief eine spezielle Software, die grob in drei Funktionen zu unterteilen ist.

Zunächst ist das eine Kommunikationseinheit, die eingehende Gebote empfängt, analysiert und an die anderen Module weiterleitet. Das zweite Modul ist der "Buchhalter", was im Wesentlichen dem Gedächtnis der Maschine entspricht. Hier werden alle Transaktionen gespeichert; sie lassen sich dann später jederzeit vom "Gehirn" abrufen. Dieses veranlasst, Gebote herauszugegeben, Preise anzupassen und im richtigen Moment zuzuschlagen – es regelt kurzum die Geschäftsstrategie.

Die Forscher impften den Computern zwei Taktiken ein, die sie unabhängig voneinander ausprobierten. Zum einen war das ein einfacher Algorithmus, der bei jedem erfolgten Geschäft seine Preise in kleinen Schritten in Richtung des Abschlusspreises korrigierte und der, falls längere Zeit kein Handel zustande kam, mit seinen Preisen dem jeweiligen potenziellen Handelspartner entgegenkam – als Verkäufer also billiger anbot und als Käufer mehr zu zahlen bereit war. Der zweite Algorithmus war schon etwas komplizierter. Hier bediente sich das Programm seines Buchhalters und errechnete anhand alter Verkaufsdaten die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Handel zu einem bestimmten Preis zustande kommen müsste. Wo keine Daten vorhanden waren, wurde interpoliert.

So traten Mensch und Maschine gegeneinander an, und es zeigte sich, dass der Mensch durchweg schlechter abschnitt. In allen sechs von den Wissenschaftlern durchgeführten Experimenten machten die Computer rund 20 Prozent mehr Gewinn als ihre menschlichen Kollegen. Dabei war es einerlei, ob die Forscher den Computer künstlich ausbremsten oder nicht. Ein Geschwindigkeitsvorteil war also nicht ausschlaggebend. Zwar stellte man fest, dass nach einer Eingewöhnungsphase die menschlichen Händler etwas aufholten, trotz allem lag ihre Bilanz aber immer noch sieben Prozent unter der maschinellen.

Obwohl Jeffry Kephart von IBM vermutet, dass zur Zeit noch gewiefte Händler die Computer ausspielen könnten, geht er davon aus, dass zukünftige Maschinen auf lange Sicht im Vorteil wären. Er meint, dass diese Entdeckung eine weitaus größere Tragweite besitzen könnte als der legendäre Sieg von Deep Blue über Kasparov: "Die Bedeutung lässt sich vielleicht in Milliarden von Dollar jährlich messen."

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