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Anthropologie: Neandertaler hinkten beim Dauerlauf hinterher

Menschlicher FußLaden...
Wäre er mit modernen Menschen um die Wette gelaufen, der Neandertaler hätte früher oder später das Nachsehen gehabt, glauben Forscher um David Raichlen von der University of Arizona in Tucson: Ein kleiner anatomischer Unterschied machte Homo sapiens zum effektiven Langstreckenläufer, während sein Verwandter Homo neanderthalensis eher auf Geländegängigkeit ausgelegt war.

Ihr Augenmerk richteten die Forscher auf die Achillessehne. Sie wirkt beim Rennen als Sprungfeder: Trifft der Fuß auf den Boden, speichert sie Energie, springt der Läufer ab, gibt sie diese wieder frei. Wie eine Achillessehne aussehen muss, damit sie den Läufer besonders gut unterstützt, ermittelten die Wissenschaftler im Labor. Freiwillige mussten auf Laufbändern joggen, während das Team um Raichlen ihren Energieverbrauch maß. Wie sich zeigte, waren dabei Personen im Vorteil, die einen kurzen Fersenhöcker hatten. An diesem Fortsatz des Fersenbeins setzt die Achillesferse an. Je kürzer der Knochen ist, desto geringer ist die Hebelwirkung beim Spannen der Sehne. Dadurch muss der Läufer zwar mehr Kraft aufwenden – im Gegenzug kommt ihm dieses Mehr an Aufwand in Form gespeicherter Energie zugute.

Anschließend ermittelten die Forscher die Länge des Fersenhöckers bei sechs Neandertalern, 13 anatomisch modernen Menschen aus 30 000 bis 100 000 Jahre alten Gräbern und den acht Freiwilligen ihrer Studie. "Die Neandertaler hatten relativ gesehen längere Fersenhöcker, was ihren Energieaufwand beim Rennen erhöht haben dürfte", so die Forscher. Der Neandertaler war demnach eher ein stämmiger Kurzstreckler mit besonderen Fähigkeiten beim Marsch in schwierigem Gelände.

Zwischen zeitgenössischen Menschen und dem eiszeitlichen H. sapiens gab es hingegen keine auffälligen Unterschiede. Beides passt zu einer These, die insbesondere der Evolutionsbiologe Daniel Lieberman von der Harvard University vertritt, der auch an der aktuellen Veröffentlichung beteiligt war. Demnach soll es sich bei Homo sapiens um einen der effektivsten Langstreckenläufer im gesamten Tierreich handeln, der sich vor der Erfindung von Speeren und Pfeilen darauf verlegte, in den heißen Savannen Afrikas seine Beutetiere zu Tode zu hetzen. Die Fähigkeit, stark zu schwitzen, und seine günstigen anatomischen Voraussetzungen sollen ihm diese Technik ermöglicht haben.

Als sich die Vorfahren des Neandertalers hingegen an die waldreichen, kühlen Gebiete Europas anpassten, verloren sie diese Spezialisierung. Denn unter den klimatischen Bedingungen hier zu Lande ist es zum einen schwer, ein Tier in die Überhitzung zu treiben, und zum anderen fällt es leichter, sich anzuschleichen. Laut den Forschern dürften die Neandertaler daher eher aus dem Hinterhalt gejagt haben.

Möglich ist es auch, dass den Neandertalern ihre Jagdtechnik letztendlich zum Verhängnis wurde: Als sich vor 30 000 Jahren Wälder und darin lebende Beutetiere vor einer Eiszeit nach Südeuropa zurückzogen, musste ihnen der Neandertaler folgen. Dadurch wurde er durch einen schwindenden Lebensraum zusätzlich unter Druck gesetzt. (jd)


In einer früheren Version dieses Artikels wurden die anatomischen Unterschiede zwischen modernen Menschen und Neandertalern fälschlicherweise an der Länge der Achilessehne selbst festgemacht. Tatsächlich handelt es sich jedoch bei dem von Raichlen et al. betrachteten Skelettmerkmal um die Länge des Fersenhöckers. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. (Die Red.)
6. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 6. KW 2011

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