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News: Ohne Worte

Sprache ist nicht auf Worte angewiesen - auch mit den Händen kann man kommunizieren. Während das für viele nur ein Hilfsmittel in fremden Ländern ist, deren Sprache sie nicht kennen, verständigen sich zahlreiche Gehörlose weltweit untereinander und mit ihrer Umwelt über Gebärdensprache. Für das Gehirn spielt es offenbar keine Rolle, ob die Unterhaltung laut oder still verläuft: Bei Hörenden wie bei Gehörlosen ist dieselbe Region aktiv, wenn es um die Verarbeitung der Signale geht.
Bei dem Begriff "Sprache" denken viele zunächst nur an gesprochene Worte. Doch Millionen Menschen auf der Welt kommunizieren allein mit ihren Händen. Und wie in der Lautsprache existieren auch hier zahlreiche Dialekte, die eine Verständigung erschweren. Zudem müssen Gehörlose und Schwerhörige in einigen Ländern immer noch darum kämpfen, dass die Gebärdensprache offiziell anerkannt und auch an Schulen gelehrt wird.

Unser Gehirn macht offenbar keinen großen Unterschied zwischen den Kommunikationswegen. Denn wie Robert J. Zatorre vom Montreal Neurological Institute der McGill University und seine Kollegen berichten, werden bei allen Menschen dieselben Gehirnregionen angeregt – ob sich nun Gehörlose in Gebärdensprache unterhalten oder Hörende einem Wortwechsel folgen (Proceedings of the National Academy of Sciences vom 5. Dezember 2000).

Die Wissenschaftler zeichneten mit Positronen-Emissions-Tomographie den Blutfluss in den Gehirnen von elf gehörlosen und zehn hörenden Menschen auf. Als die Versuchsteilnehmer in ihrer jeweiligen Sprache unter anderem aus Substantiven Verben bildeten, feuerten bei beiden Gruppen die Nervenzellen des linken Planum temporale. Diese Region, die in der linken Gehirnhälfte größer ist als in der rechten, spielt bei der Verarbeitung von gesprochener Sprache eine wichtige Rolle. Außerdem hängt sie eng mit Musikalität zusammen.

Die enge Übereinstimmung verblüffte das Team. "Das ist bemerkenswert und überraschend," betont Zatorre, "denn Gebärdensprache beruht auf visuellen Signalen, nicht auf Schall, und sie benutzt Hände und Arme, nicht Lippen und Zunge." Das Planum temporale leistet also offensichtlich mehr als bisher angenommen, erklären die Forscher. "Anstatt nur Laute mit einem Sinn zu versehen, ist diese Region auch für hochspezifische Muster empfindlich, die wir Menschen in jeden Laut oder jedes Zeichen legen – bei jedem Satz, den wir äußern."

Ganz unerwartet sind diese Ergebnisse allerdings nicht. Schon in früheren Untersuchung zeigte sich, dass Gehörlose Hirnregionen nutzen, die sonst für das Hören zuständig sind. So stimmt David Caplan vom Massachusetts General Hospital in Boston den Schlussfolgerungen der Autoren zu, dass die Region nicht darauf beschränkt ist, Schallsignale zu verarbeiten. Aber er weist auch darauf hin, dass sich laut Studien an Patienten mit einem Gehirnschlag bemerkenswert viele Gehirnregionen überlappen, die Sprache oder Zeichensignale verarbeiten.

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