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News: Plötzlich und unerwartet

Die bisher weit verbreitete Annahme über neurodegenerative Erkrankungen besagt, dass sich Schäden so lange in den Nervenzellen der Patienten anreichern, bis die Last zu groß ist und die Neuronen eingehen. Doch diese Annahme gerät jetzt ins Schwanken, denn nach den Ergebnissen einer neuen Studie siechen die Zellen nicht langsam dahin, sondern werden zu einem bestimmten zufälligen Zeitpunkt im Verlauf der Krankheit plötzlich dazu gebracht, das genetische Programm für den geregelten Zelltod anzuwerfen.
Kennzeichnend für neurodegenerative Erkrankungen wie etwa Chorea Huntington oder Parkinson ist ein fortschreitender Verlust von Zellen des Zentralnervensystems. Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass die für diese erblichen Störungen verantwortlichen Mutationen dazu führten, dass sich mehr und mehr Schäden in den Neuronen anreichern. Wenn die Last zu groß wird, sterben die Zellen ab. Eine Datenanalyse von Forschern um Roderick R. McInnes vom Howard Hughes Medical Institute stellt diese These jetzt allerdings in Frage.

Am Anfang der Untersuchungen stand ein Versuch, in dem der Wissenschaftler und seine Kollegen von der University of Toronto und der University of British Columbia bei Mäusen ein bestimmtes Gen ausschalteten, das für Photorezeptorzellen der Netzhaut wichtig ist. Wie erwartet gingen die Zellen der genveränderten Tiere ein. Eigentlich rechneten die Forscher damit, dass im späteren Verlauf der Krankheit mehr Photorezeptorzellen absterben als in der rühen Phase. Das waraber nicht der Fall. Stattdessen blieb der Anteil der sterbenden Zellen zu jedem Zeitpunkt in etwa konstant.

Von diesem ungewöhnlichen Ergebnis überrascht, durchsuchten die Wissenschaftler die Fachliteratur, wobei sie für 15 verschiedene neurodegenerative Erkrankungen ähnliche Angaben fanden. Daher entwickelten sie ein Computerprogramm, mit dem sie voraussagen konnten, wie schnell Zellen absterben müssten, wenn die Annahme zutrifft, dass sich Schäden vermehrt in en Zellen anhäufen. Die von ihnen auf diese Art berechneten Daten stimmten in keiner Weise mit den Literaturwerten überein. Stattdessen zeigte ihre Analyse, dass der Tod der Neuronen plötzlich und zufällig im Leben eines Patienten eintreten kann.

McInnes und seine Kollegen vermuten deshalb, dass diesen recht unterschiedlichen neurodegenerativen Störungen dasselbe biochemische Prinzip zu Grunde liegen könnte. Sie nehmen an, dass eine krankheitsauslösende Mutation das Gleichgewicht der Zellen beeinträchtigen könnte. Solange sich die biochemischen Verhältnisse noch in einem normalen Rahmen befinden, sind die Neuronen nicht beeinträchtigt. Aber wenn das Gleichgewicht plötzlich in eine bestimmte Richtung verschoben wird, schalten die Zellen das genetische Programm an, das letzlich zu ihrem Tod führt.

"Unsere Studie deutet darauf hin, dass die Neuronen in den Gehirnen von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen noch Jahre oder Jahrzehnte leben können. Sie sind nicht ernsthaft beschädigt, sie haben nur ein erhöhtes Risiko, plötzlich abzusterben", erklärt McInnes. "Das Bedeutsame daran ist, dass jede Zelle, die durch eine Behandlung gerettet werden kann, noch funktionstüchtig ist, weil das Neuron selbst nicht 'krank' ist."

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