Direkt zum Inhalt

Evolution: Schon Ursäugetiere hatten eigene Retroviren

<i>Choloepus hoffmanni</i>
Viren befallen Säugetiere, seit es beide gibt, konstatieren Forscher, nachdem sie DNA-Sequenzen einer Reihe von Säugerspezies nach Spuren darin herumspringender endogener Retroviren durchforstet haben. Aris Katzourakis von der University of Oxford und seine Kollegen fanden dabei typische Relikte evolutionsgeschichtlich alter Virusinfektionen sogar in Faultieren, die zu einer sehr früh abgezweigten Linie der Säugetiersippe zählen.

Im Genom der zu den Nebengelenktieren zählenden Zweifingerfaultiere (Choloepus hoffmanni) befinden sich Sequenzen, aus denen die Forscher das gut elf Kilobasenpaare lange Genom des faultierspezifischen Endovirus SloEFV (Sloth endogenous foamy virus) rekonstruierten. Kurze und längere Abschnitte dieses Genoms finden sich vielfältig modifiziert in den verschiedensten Regionen der Faultier-DNA. Aus dem Vergleich der Veränderungen konnten die Forscher errechnen, dass das Virus sich wohl bereits seit mindestens 39, vielleicht aber auch schon seit knapp 55 Millionen Jahren im Genom der Vorfahren von Zwei- und Dreifingerfaultieren umtreibt.

Choloepus hoffmanni | Faultiere (hier ein junges Zweifingerfaultier, Choloepus hoffmanni) gehören wie Ameisenbären und Gürteltiere zu den Nebengelenktieren oder Xenarthra. Sie haben sich vor rund 105 Millionen Jahren von der Hauptlinie der Säugetiere abgespalten. Ihr heutiger Lebensraum beschränkt sich auf Südamerika, da sich in der frühen Erdneuzeit die Landmassen voneinander trennten.
Nachdem die Nebengelenktiere sich vor etwa 105 Millionen Jahre von der Säugetierlinie abspaltetet hatten, wurden sie im Kanäozoikum auf dem südamerikanischen Kontinent geografisch isoliert. Dennoch entwickelten sich hier verwandte Retroviren wie in anderen Säugergruppen, zeigen Sequenzvergleiche – wahrscheinlich trug also bereits die Kreidezeit-Ahnform von Nebengelenktieren und allen anderen Säugern einen Vorläufer aller späteren Retroviren, spekulieren die Wissenschaftler. Die Viren veränderten sich dann mit ihren Wirten im Lauf der Evolution, blieben sich aber trotz der ihnen eigenen hohen Mutationsrate insgesamt erstaunlich ähnlich.

Die Forscher hatten sich bei ihren Untersuchungen auf eine spezielle Klasse von Retroviren konzentriert, die Foamy- oder Spumaviren. Foamyviren, die einzige Gattung der Unterfamilie Spumaretrovirinae innerhalb der Retroviren, weisen einige Besonderheiten in der Replikationsstrategie auf. Sie kommen bei allen danach untersuchten Säugetieren in einer artspezifischen Variante vor; ihr aus Sequenzvergleichen ermittelter Stammbaum spiegelt exakt jenen der Säugetiere. (jo)

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

  • Quellen
Katzourakis, A. et al.: Macroevolution of Complex Retroviruses. In: Science 325, S. 1512–1513, 2009.

Partnerinhalte