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News: Segeln gegen den Wind

Auf den Spuren der frühesten Seefahrer wollen am 22. Mai 1999 neun junge Leute aus Thüringen und Sachsen ein ehrgeiziges archäologisches Experiment starten. Mit ihrem selbstgebauten Schilfboot Neolithic, einer Nachbildung der prähistorischen Schiffe, die vor 6000 Jahren das Mittelmeer befuhren, will die Crew von Sardinien durch die Straße von Gibraltar bis zu den Kanarischen Inseln segeln - eine rund 4200 Kilometer lange Reise.
"Schilfboote waren die Hochseefrachter der Steinzeit", sagt Projektleiter Dominique Görlitz zum Ziel der Reise. "Wir möchten herausfinden, ob die vorzeitlichen Schilfboote wie ein modernes Segelschiff manövriert werden konnten." Das Experiment soll zeigen, daß bereits vorgeschichtliche Völker gegen den Wind kreuzen und dadurch weit entfernte Länder bereisen konnten – eine wichtige Voraussetzung für die Verbreitung von Ackerbau und Viehwirtschaft.

Rund 25 Schüler, Studenten und andere Helfer begeisterten der 32jährige Biologie- und Sportlehrer Görlitz und seine Mitstreiterin Cornelia Lorenz für das Vorhaben. Kern des Teams ist die Arbeitsgemeinschaft Experimentelle Archäologie des Gymnasiums "Am Breiten Teich" in Borna bei Leipzig.

Zu den neun Besatzungsmitglieder der Neolithic werden ein erfahrener Skipper, ein Arzt und ein Kameramann gehören. Als Sicherungs- und Kameraschiff eskortiert eine moderne Segelyacht das Schilfboot. Dadurch kann ein Filmteam der ZDF-Reihe "Terra X" das Abenteuer dokumentieren.

Die Route, während der größere Städte und Touristenzentren angelaufen werden, führt von Alghero/Sardinien durch die Straße von Bonifacio nach Elba und Monaco. Über Nizza und Saint Tropez soll es in einem großen Schlag zu den Baleareninseln Menorca, Mallorca und lbiza gehen. Von dort aus wird Kurs auf die spanische Costa Blanca genommen, um schließlich die Straße von Gibraltar zu passieren.

"Die schwierigsten Passagen mit den Kreuzkursen sind dann wahrscheinlich geschafft", meint Dominique Görlitz. "Nach Gibraltar treiben uns sowohl der Kanarenstrom als auch der Passat direkt auf die Kanarischen Insel zu." In Teneriffa soll die Expedition nach neun bis zehn Wochen enden.

Den Bau des Schiffes begannen die Schüler im September 1997 mit der Ernte von 17 Tonnen Baumaterial. "Ganz normales sächsisches Schilf", wie Görlitz versichert. Den Winter über fertigten die Hobbyarchäologen daraus 32 Schilfbündel – jedes über 15 Meter lang und 300 Kilogramm schwer – sowie eine 150 Quadratmeter große Schilfmatte. Zwei Tieflader transportierten die Teile nach Alghero auf Sardinien. Im Juli und August 1998 verzurrten die Schüler die Schilfbündel nach Art der antiken sumerisch-ägyptischen Bootsbauer zu einem Schiffskörper. Elf Meter lang, vier Meter breit und zwölf Tonnen schwer ist der Rumpf für den zehn Kilometer Seil verbraucht wurden. Bis zum Start im Frühjahr 1999 werden noch Decksaufbauten, Mast und Ausrüstungsgegenstände gefertigt. Bei den Kosten – insgesamt rund eine halbe Million Mark – ist die Gruppe auf Spenden und Sponsoren angewiesen.

Den Anstoß für das Unternehmen gaben die Fahrten von Thor Heyerdahl, der 1970 mit dem Papyrusboot Ra II über den Atlantik und 1978 mit dem Schilfboot Tigris vom Irak bis zum Roten Meer segelte.

"Heyerdahls Schiffe konnten fast nicht gegen den Wind segeln und drifteten hauptsächlich mit den Meeresströmungen", erklärt Dominique Görlitz den Unterschied zwischen früheren Projekten und dem aktuellen Experiment. "Unser Schilfboot hat acht Seitenschwerter und eine andere Takelage." Damit soll das Boot in der Lage sein, selbst gegen den starken Mistralwind im Mittelmeer stetig anzukreuzen. Auf Heyerdahls große Erfahrung im Schilfbootbau wollte Görlitz jedoch nicht verzichten: Der Norweger unterstützt das thüringisch-sächsische Projekt als Berater.

Dem Bau der Neolithic gingen mehrere Jahre umfangreicher Forschungen und Studien voraus. Die Schüler bauten Einbäume und erprobten erfolgreich kleinere Schilfboote. Görlitz reiste nach Ägypten und studierte vorzeitliche Felszeichnungen, die der Arbeitsgruppe als Konstruktionsvorlage für die Neolithic dienten. Lohn der wissenschaftlichen Mühen war ein zweiter Platz beim sächsischen Landeswettbewerb von "Jugend forscht".

Für die Bornaer Schülergruppe ist das Experiment über die eigentliche Seefahrtsgeschichte hinaus interessant: "Wenn bereits in der Jungsteinzeit erfolgreiche Seefahrt möglich war, erlaubt das neue Theorien über Kulturen in vielen Teilen der Erde", sagt Görlitz. "Zum Beispiel Erklärungen zur Verbreitung von Stufenpyramiden in Europa, Nordafrika und Mittelamerika."

Archäologische Funde deuten an, daß zwischen den frühen Kulturzentren im Mittelmeer und den Kanaren im Atlantik ein reger Austausch bestand. Die Seefahrer nahmen Haustiere und Saatgut mit sich und verbreiteten dadurch die "moderne" Kultur der Jungsteinzeit. Doch nur mit manövrierfähigen Schilfbooten, davon sind die jungen Forscher um Dominique Görlitz überzeugt, konnten die Menschen der Steinzeit gegen die vorherrschenden Windströmungen das westliche Mittelmeer und die Länder jenseits der Straße von Gibraltar erreichen.

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  • Quellen
Gymnasium "Am Breiten Teich"

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