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News: Stammvater aus der Sahelzone?

Und wieder ist die Menschheit um ein neues Familienmitglied reicher geworden. Doch der Neue ist so alt, dass er gleich eine eigene Gattung begründet und vielleicht sogar unser Stammvater gewesen sein könnte. Sein Name: Sahelanthropus tchadensis.
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Im Jahre 1925 stellte der britische Anthropologe Raymond Dart eine ungeheuerliche Behauptung auf: Ein von ihm entdeckter Schädel weise gleichzeitig Merkmale auf, die sowohl an einen Affen als auch an einen Menschen erinnern. Damit läge eine neue Gattung der Hominiden vor, der er den Namen Australopithecus gab.

Fast niemand glaubte ihm. Seine Wissenschaftlerkollegen hielten Darts Fund für einen Affenschädel und zerrissen seine Veröffentlichung. Doch schließlich gaben immer mehr Funde Dart recht, und heute hat sich Australopithecus africanus als erste beschriebene Gattung und Art der Paläoanthropologie etabliert.

Inzwischen ist die Familie Hominidae, zu der auch die einzige heute noch lebende Art Homo sapiens gehört, um viele neue Mitglieder angewachsen. Während Australopithecus africanus mit einem Alter von etwa 2,3 Millionen Jahren noch verhältnismäßig jung ist, reichen andere Funde weiter in die Vergangenheit der Menschheitsgeschichte zurück: Der von Meave Leakey im Jahr 2001 entdeckte Kenyanthropus platyops lebte vermutlich vor 3,5 Millionen Jahren, Ardipithecus ramidus – von dem allerdings nur ein paar Zähne übrig sind – bringt es auf 4,4 Millionen Jahre und Orrorin tugenensis, dessen kümmerliche Überbleibsel den umstrittenen Rekord als bisher ältester Hominidennachweis für sich beanspruchen, auf immerhin sechs Millionen Jahre.

Doch dann reißt die Kette ab. Und das ist für Anthropologen äußerst bedauerlich, denn irgendwann zwischen zehn und fünf Millionen Jahren vor unserer Zeit müssen sich Affen dazu entschlossen haben, sich zu Menschen weiter zu entwickeln. Und von diesem für die Evolution des Menschen entscheidenden Zeitfenster ist fast nichts bekannt. Die bisher gefundenen Überreste passen leicht in einen Schuhkarton.

Doch am 19. Juli 2001 grub Djimdoumalbaye Ahounta vom Centre National d'Appui à la Recherche im Tschad einen Schädel aus, der den Rekord brechen könnte. An dem Grabungsort Toros-Menalla in der Djurab-Wüste im nördlichen Tschad sucht ein internationales Team unter der Leitung von Michel Brunet und Patrick Vignaud von der Université de Poitiers bereits seit zehn Jahren nach Hominiden. Neben dem fast kompletten Schädel tauchten noch einige Kieferüberreste und Zähne auf, sowie – was für die Datierung entscheidend war – die Fossilien von mehr als 700 Wirbeltieren, die zu 42 Arten gehörten. Damit konnten die Forscher das Alter ihrer Fundstätte auf mindestens sechs, vermutlich sogar fast sieben Millionen Jahre schätzen.

Zunächst gaben die Wissenschaftler ihrem Fund den Namen "Toumaï" – zu deutsch "Lebenshoffnung". So nennen die Bewohner der Djurab-Wüste Kinder, die unmittelbar vor Beginn der Trockenzeit auf die Welt gekommen sind. Doch jetzt hat "Toumaï" auch einen wissenschaftlichen Namen: Sahelanthropus tchadensis.

Damit etablieren die Wissenschaftler nicht nur eine neue Art, sondern gleich eine neue Gattung. Die Forscher begründen diesen ungewöhnlichen Schritt mit den besonderen Eigenschaften des Fundes: Der Schädel, der ein Gehirn von vielleicht 350 Kubikzentimeter barg, erinnert zunächst an einen Schimpansen. Doch das flache Gesicht und besonders die Zähne sind so menschenähnlich, dass die Forscher nicht an der Zugehörigkeit zur Familie Hominidae zweifeln. Vielleicht ging Sahelanthropus tchadensis sogar aufrecht, auch wenn Belege hierfür noch fehlen.

Damit wäre Sahelanthropus tchadensis der bisher älteste bekannte Hominide. Doch war er auch unser Vorfahr und damit das missing link zwischen Affen und Menschen? Bernard Wood von der George Washington University zweifelt daran: "Ich glaube, dass er weder ein Vorfahre der Schimpansen noch der Menschen war, sondern ein Wesen, das zur gleichen Zeit lebte."

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