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Fortpflanzung: Stammzellen aus menschlichem Eierstockgewebe

Eizelle
Lange Zeit herrschte die Meinung, der Eizellvorrat einer Frau werde im Fötus angelegt und im Lauf des Lebens nicht mehr erneuert. Vor acht Jahren allerdings war es Forschern um Jonathan Tilly vom Massachusetts General Hospital gelungen, im Eierstockgewebe von Mäusen Stammzellen nachzuweisen, die sich zu Eizellen differenzieren konnten. Nun fanden sie solche Stammzellen auch in menschlichem Eierstockgewebe von jungen Frauen. Damit öffnen sich womöglich neue Wege für die Therapie von Fruchtbarkeitsstörungen.

Tilly und seine Kollegen hatten zunächst an Mäusen eine neue Methode erprobt, gezielt Vorläuferzellen für Eizellen zu gewinnen. Mit Hilfe verschiedener Experimente wiesen sie nach, dass sie tatsächlich Stammzellen isoliert hatten. Diese entwickelten sich zudem in der Petrischale wie auch zurück im Körper von Mäusen spontan zu Eizellen weiter und brachten nach einer Befruchtung augenscheinlich gesunde Embryonen hervor.

Mit dieser Methode gelang es ihnen im nächsten Schritt, aus zuvor tiefgefrorenem Eierstockgewebe von Frauen zwischen 20 und 30 Jahren Zellen zu gewinnen, die ähnliche genetische und morphologische Eigenschaften wie die Mausstammzellen zeigten. Sie differenzierten sich ebenfalls spontan zu Zellen aus, deren Aussehen und genetische Aktivität mit der von Eizellen übereinstimmen. Noch dazu waren einige davon nur noch mit einem halben Chromosomensatz ausgestattet, wie es für Keimzellen nach der Meiose typisch ist. Als die Forscher diese potenziellen Stammzellen mit grün fluoreszierendem Protein (GFP) markierten und zusammen mit menschlichem Eierstockgewebe in Mäuse transplantierten, konnten sie einige Tage später entsprechende unreife Follikel mit GFP-haltigen Eizellen aufspüren.

Damit eröffnen sich neue Wege für Frauen mit Kinderwunsch, die unter vorzeitigen Wechseljahren leiden oder sich beispielsweise wegen einer Krebserkrankung einer Chemo- oder Strahlentherapie unterziehen müssen: Nach Biopsie eines Eierstocks könnten aus den darin enthaltenen Stammzellen Eizellen für eine künstliche Befruchtung gewonnen werden. Das Verfahren wäre eventuell auch eine Alternative, wenn die gängige hormonelle Stimulation der Eierstöcke von Frauen bei einer Fruchtbarkeitsbehandlung vermieden werden soll.

Elmar Breitbach, Reproduktionsmediziner an der Deutschen Klinik Bad Münder, bleibt aber zunächst vorsichtig, was die Zukunftsaussichten betrifft: "Wir wissen, dass es eine Vielzahl von Faktoren gibt, welche zum einen mit zunehmendem Alter die Fähigkeit der Eierstöcke zur Eizellproduktion einschränken, und kennen zum anderen die Fähigkeit der Eizellen, sich nach einer Befruchtung zu einem gesunden Embryo zu entwickeln. Nicht all diese Faktoren sind uns bekannt, so dass man nur spekulieren kann, ob diese Ergebnisse auch einen Eizelljungbrunnen ermöglichen würden. Wäre dies der Fall, könnte man mit Fug und Recht von einer Sensation sprechen."

Bevor eine solche Stammzellkultur an den Kliniken Einzug hält, müssten auch noch einige wichtige Punkte untersucht werden, so der Kinderwunschexperte weiter: "Bei der hormonellen Stimulation wurden und werden beispielsweise negative epigenetische Einflüsse diskutiert. Ob die Stammzellkultur diesbezüglich ebenfalls ein erhöhtes Risiko aufweist, müsste unbedingt geklärt werden. Und auch, ob Aneuploidien und andere Chromosomenverteilungsstörungen häufiger auftreten."

Wann es so weit sein könnte, dass Frauen mit Kinderwunsch über Stammzellen aus dem Eierstock behandelt werden, sei daher noch völlig offen, so Breitbach: "Der Weg bei solchen Verfahren ist immer lang, und eine Prognose ist daher auch immer mutig. Aber mehrere Jahre wird es sicherlich dauern, wenn wir denn überhaupt das Stadium der routinemäßigen klinischen Anwendung erreichen. Schließlich warten wir auch schon ein paar Jahre auf aus Stammzellen gezüchtete Spermien – trotz Erfolg versprechender Studien."

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