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Buchkritik zu »Der Versuch, die Seele zu wiegen«

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchte der amerikanische Arzt Duncan McDougall, auf experimentellem Weg das Gewicht der Seele zu bestimmen, und kam zu einem konkreten Ergebnis: 21 Gramm. Der Aufbau des Experiments war im Prinzip nicht zu beanstanden. McDougall legte Sterbende samt Sterbebett auf eine Präzisionswaage, bestimmte das Gewicht vor und nach Eintritt des Todes und diskutierte ausführlich die möglichen Störfaktoren.

Es ist nicht nur die Methode, die Wissenschaftliches von Unwissenschaftlichem trennt. Motivationen, Arbeitsweisen, aber auch die Umwelt beeinflussen die Arbeit eines Forschers bis hin zur Wahl seiner Themen. Die Geschichte der Wissenschaft gleicht mitnichten einer geraden Straße, vielmehr einem verschlungenen Waldpfad mit vielen Windungen, Stolpersteinen, Möglichkeiten, im Kreis zu laufen, und vor allem Sackgassen. Echten Sackgassen oder solchen, die sich im Nachhinein doch als gangbar herausstellten, weil als gesichert geltende Vorstellungen widerlegt wurden oder weil ein Wissenschaftler sich herausgefordert fühlte, dort weiterzubohren, wo der Kollege es als aussichtslos aufgegeben hatte. Obendrein spielen Kuriositäten und Zufälle eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Diese Thematik zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Kapitel des Buchs. Len Fisher studierte Physik, Chemie und Biologie; derzeit forscht er an der Universität Bristol und verfasst Kolumnen für den "Guardian". Bereits im Jahr 2003 bewies er mit seinem Bestseller "Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis " (Spektrum der Wissenschaft 6/2003, S. 102), dass ihm die verständliche und unterhaltsame Darstellung der Naturwissenschaften am Herzen liegt. Dem Stil dieses Werks ist Fisher treu geblieben: Er vermittelt schwierige Themen mit Hilfe lebhafter Sprache in Form von kleinen Geschichten. Die acht Kapitel sind voneinander unabhängig, nicht streng chronologisch geordnet und ohne Anspruch auf vollständige Beschreibung eines wissenschaftlichen Gebiets.

Indem Fisher zum Beispiel die Leistungen Galileis und Newtons in enger Verflechtung mit deren Biografien beschreibt, bringt er die Koryphäen dem Leser als Menschen nahe – und die spannende Geschichte lässt ihn mitfiebern. Auch Forscher wie Luigi Galvani (1737 – 1798), der durch Elektrizität die Schenkel toter Frösche zum Zucken brachte, und sein Zeitgenosse Alessandro Volta (1745 – 1827), der im öffentlichen Bewusstsein nur als Namensgeber für die Einheit der elektrischen Spannung fortlebt, finden Erwähnung. Nicht zuletzt würdigt Fisher das Verdienst der Alchemisten als Wegbereiter der modernen Chemie und Physik. Ein Kapitel über die wichtigsten Postulate und Theorien der modernen Physik komplettiert das Werk.

Das ganze Buch ist durchsetzt mit Anekdoten aus dem Leben des Autors und einem gehörigen Maß an Humor. Ganz beiläufig erklärt Fisher dabei, wie die ersten Batterien funktionierten, weshalb Klone eigentlich nichts Neues sind oder wie sich die Wellenstruktur des Lichtes mit den eigenen Fingern erkennen lässt: Man presse Zeige- und Mittelfinger fest zusammen, halte sie gegen starkes Licht und öffne sie gerade so weit, dass ein schmaler Spalt entsteht. Dann sieht man in dieser Lücke eine Reihe dunkler Linien in der Luft schweben. Der Effekt ist dadurch zu erklären, dass die von den Rändern der Finger abgelenkten Lichtwellen miteinander interferieren.

Bei all der scheinbaren Leichtigkeit sind die Themen gut recherchiert und in einem über fünfzig Seiten fassenden Anhang dokumentiert. Dieser enthält neben Quellen auch zahlreiche Anekdoten oder Tipps zur weiterführenden Lektüre.

Aber er ist handwerklich schlecht gemacht. Eine Fußnote im Text lässt nicht erkennen, ob sie lediglich auf einen Literaturnachweis verweist oder auf wichtige Erläuterungen von mehr als einer Seite oder gar auf eine skurrile kleine Geschichte, die direkt an die betreffende Textzeile anknüpft. Also bleibt dem Leser nur die Wahl, andauernd zu blättern oder aber auf einige Schätze zu verzichten. Zu allem Überfluss sind die Fußnoten nicht fortlaufend nummeriert; vielmehr beginnt die Zählung bei jedem Kapitel neu, und in dem langen Anhang weiß man nie, zu welchem Kapitel die aktuellen Fußnoten gerade gehören. Wer nicht dauernd einen Finger im Anhang lässt, blättert sich müde.

Umso gelungener ist am Ende des Buchs das Register der wichtigsten Themen, Termini und Forscher mit entsprechenden Seitenzahlen.

Len Fisher schafft auch in seinem neuen Werk den richtigen Mittelweg zwischen Unterhaltung und Information sowie einfacher Sprache und notwendiger Komplexität. Der Laie erhält auf unterhaltsame Weise Einblicke in die Grundlagen der Naturwissenschaften. Dem fachlich Versierten werden sich ganz neue Hintergründe erschließen.

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