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2,8 Kilogramm Astronomie

Die Astrophysiker Susanne und Peter Friedrich sowie Klaus-Peter Schröder unternehmen mit ihrem "Handbuch Astronomie" den Versuch, beobachtenden Amateurastronomen das gesamte Fachgebiet in einem Band nahezubringen. Satte 2,8 Kilogramm bringt der 560 Seiten umfassende Wälzer aus dem Oculum-Verlag auf den Tisch – und als Leser(in) ist man um 70 Euro leichter.

Im Vorwort umreißt Verleger Ronald Stoyan den Anspruch des, wie er schreibt, "bis dato umfassendsten Werks": Es solle einen "kompetenten, aktuellen und relevanten Überblick über die gesamte Bandbreite der Astronomie" geben, "von den Grundlagen unseres Verständnisses von Raum und Zeit bis zu den neuesten Erkenntnissen der Astrophysik und Kosmologie." Als Zielgruppe definiert Stoyan aktive Himmelsbeobachter: "Wohl noch nie hat es solch ein Astronomiebuch gegeben, bei dem die Aspekte Wissen und Beobachtung auf ähnliche Weise vereint waren."

Neben den einführenden Worten des Verlegers vermisst man allerdings solche der Verfasser. In angelsächsischen Publikationen ist es seit Jahrzehnten üblich, dass Autoren eingangs ein paar Worte über ihre Motive, die Ziele und die Gliederung ihres Werks verlieren. Ohne sie bleibt der Einstieg seltsam dis­tanziert, und auf die Verlegerworte folgt im "Handbuch Astronomie" direkt das achtseitige Inhaltsverzeichnis. Daran schließen sich elf Kapitel an. Die mit "Raum und Zeit" überschriebene Einführung präsentiert astronomische Koordinatensysteme, Zeitrechnungen, Kalender und führt mit der speziellen sowie der allgemeinen Relativitätstheorie in das aktuelle physikalische Weltbild ein.

Nützliche Tipps zur Ausrüstung

Bereits das zweite Kapitel zur Optik und das dritte über Beobachtungsmethoden setzen den selbst formulierten Anspruch, ein Buch für Praktiker zu sein, anschaulich um. Amateurastronomen finden auf den mehr als 100 Seiten dieser beiden Abschnitte umfassendes Material, um sich dem Weltraum visuell oder fotografisch zu nähern. Das Optik-Kapitel beginnt mit wichtigen theoretischen Grundlagen, die zur Beurteilung astronomischer Beobachtungsinstrumente und ihres Zubehörs nötig sind. Wer den Kauf eines eigenen Teleskops plant, findet in der Übersicht unterschiedlicher Instrumenttypen auch solche außerhalb des Mainstreams.

Das dritte Kapitel über Beobachtungsmethoden belegt die ausgeprägte einschlägige Erfahrung der drei Autoren. Sie beschreiben alle notwendigen Faktoren, die Sternguckern erfolgreiche Beobachtungsnächte bescheren können – von der Wahl eines Standorts bis hin zum Anfertigen eigener Himmelszeichnungen. Mit der Interferometrie, der Detektion von Neutrinos oder dem Nachweis von Gravitationswellen sprechen die Autoren allerdings Beobachtungsmethoden an, die für normale Amateurastronomen wohl eher selten machbar sind. Hier zeigt sich die sprichwörtliche Zwickmühle eines so umfangreichen Kompendiums: Wo sollen Autoren einzelne Themengebiete einordnen, ohne inhaltliche Überschneidungen zu produzieren? Sehr oft passen Ausführungen eben in mehrere Abschnitte, und es ist notwendig, in unterschiedlichen Kontexten auf sie einzugehen. So ganz ohne Überschneidungen geht es nicht.

Im vierten Kapitel über Planetensysteme behandeln Friedrich, Friedrich und Schröder nicht nur unser Sonnnensystem mit all seinen Planeten, Monden, Planetoi­den und Kometen. Einige Seiten widmen sie auch dem Forschungsfeld der Exoplaneten, den verschiedenen Nachweismethoden und dem Thema "Außerirdisches Leben". Die Aktualität des Buchs ist an den Aufnahmen von Pluto und Charon zu erkennen, die die Raumsonde New Horizons erst kurz vor Drucklegung zur Erde gefunkt hatte. Jeder Planet des Sonnensystems wird ausführlich porträtiert und jedes Planetenkapitel schließt mit wertvollen Beobachtungstipps.

Der fünfte Abschnitt "Sterne" spannt den Bogen von den Gesetzen der elektroma­gnetischen Strahlung über den Aufbau und die Entwicklung von Sternen bis hin zu Sternkatalogen. Ihm hätte das achte Kapitel "Endstadien der Sternentwicklung" angegliedert werden können. Die Sonne ist Gegenstand des sechsten Kapitels, das ebenfalls reichlich Futter für eigene Beobachtungen enthält; das siebte befasst sich mit Sternsystemen, Veränderlichen und pekuliäre Sternen.

Ritt durch die Kosmologie

Unsere Heimatgalaxie steht im Mittelpunkt des neunten Kapitels "Milchstraße". Auch hier gelingt es den Autoren, die mehrere Regal­kilometer Lektüre, die zu dem Thema existieren mögen, grundsätzlich aufzubereiten und den Fokus auf wesentliche und aktuelle Aspekte zu lenken. Neben der Struktur und Physik der Milchstraße geht es um galaktische Objekte wie Nebel, offene Sternhaufen oder die weiter entfernten Begleiter wie Kugelsternhaufen. Auch dieser Abschnitt schließt mit einer Beschreibung von Katalogen galaktischer Objekte. Der folgende Passus stellt Galaxienklassifikationen vor und führt in die Morphologie und Dynamik von Sterninseln ein. Die ausführliche Vorstellung wichtiger Galaxien­kataloge weckt Lust auf die Beschäftigung mit den Originalwerken. Das abschließende elfte Kapitel "Kosmologie" ist recht knapp gehalten. Die Autoren präsentieren hier grundsätzliche Gedanken zu Größe, Alter und Struktur des Universums, seiner Expansion und zu den großen Rätseln der Dunklen Materie und Dunklen Energie.

Im Schlagwortregister zeigen sich satztechnische Probleme: Umlaute erscheinen durchweg punktfrei und "ß" als "s". So liest man "Bildfeldwolbung", "Offnungsverhaltnis" oder, in der Kombination beider Fehler, "Grosenklasse" oder "Vergroserung". Zudem enthält das Register nicht alle im Text beschriebenen Stichworte. Vergeblich sucht man beispielsweise "Helium-Fusion" oder einige der Galaxienkataloge, die im zehnten Kapitel ausführlich behandelt werden.

Dem Buch liegt eine DVD bei, deren Sinn sich nicht erschließt. Ihre Inhalte, Bilder und Software, sind durchweg frei erhältlich und zählen zum täglichen Brot versierter Amateurastronomen. "Interessante Filme und Dokumente", auf die Werbetexte verweisen, enthält die DVD nicht. Angesichts des gewichtigen und reich illustrierten Buchs erscheint das aber fast als nebensächlich. Die Textstil ist zwar nicht ganz homogen, aber durchweg gut verständlich.

Als gute Idee erweist sich ein durchlaufender, etwa 5,5 Zentimeter breiter, grauer Rand, auf dem sich Bildunterschriften, Tipps und mit QR-Codes bestückte Weblinks finden. Auch wenn man dem auf dem Buchrücken prangenden Satz "Das vorliegende Werk ist eines der umfangreichsten Kompendien zur Astronomie überhaupt" mit Blick auf ähnliche ­Werke nicht zustimmen kann, ist das "Handbuch ­Astronomie" eine großartige Leistung der drei Autoren. Ihnen gelingt es in jedem der elf Kapitel, die wesentlichen Inhalte und Erkenntnisse der Astronomie zu präsentieren.

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