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Welt der Kerbtiere

Was Insekten ausmacht und warum sie so wichtig für uns sind: Ein Übersichtsband.

»Insekten sind merkwürdig, kompliziert, komisch, bizarr, lustig, liebenswürdig, einzigartig und immer für eine Überraschung gut. Die Welt ist so reich an kleinen Wundern – aber so arm an Augen, die sie sehen.« Die norwegische Entomologin Anne Sverdrup-Thygeson öffnet ihren Lesern die Augen für die wunderbare Welt der Insekten und vermittelt ihnen, wie sehr diese Lebewesen die Grundlage unserer Existenz bilden. Mit persönlich geprägten, humorvollen Schilderungen bietet ihr Buch – populärwissenschaftlich im besten Sinne – umfangreiches Wissen über das Leben und die Bedeutung der Kerbtiere.

Insekten kommen überall auf der Welt vor und stellen mit rund einer Million Arten weit mehr als die Hälfte aller mehrzelligen Tierarten. Es gibt sie seit etwa 500 Millionen Jahren, und dieser evolutionäre Erfolg verdankt sich offenbar ihrem Körperbau mit Kopf, Brust, Hinterleib, sechs Beinen, vier Flügeln und zwei Fühlern, ihrer Flugfähigkeit, ihrem schützenden Außenskelett, ihrer überragenden Fortpflanzungsfähigkeit und ihrer Entwicklung in Metamorphosen – Larven und ausgewachsene Tiere können unterschiedliche Lebensräume und Nahrungsquellen nutzen.

Eng mit den Pflanzen verbunden

30 Insekten-Ordnungen mit zahlreichen Familien, Gattungen und Spezies gibt es, und die Autorin stellt deren Eigenschaften verständlich und gelungen dar. Dabei geht sie auf Atmung, Duftsprache, Sexualverhalten, Nahrungssuche, Sinneswahrnehmung, Jagd- und Kommunikationsverhalten sowie Lernvorgänge ein, und das mit spürbarer Begeisterung und Empathie. Aus der Lektüre geht hervor, wie Komplexität und der Variantenreichtum der Kerbtiere aus Millionen Jahren der Evolution resultierten. Unter anderem haben sie enge Wechselbeziehungen zu Pflanzen entwickelt; bei mehr als 80 Prozent der Wildpflanzen wird die Samenbildung durch den Blütenbesuch von Insekten gefördert, für viele Kulturpflanzen ist er unabdingbar. Auch die Bedeutung der Kerbtiere als Nahrungsmittel – sie werden von Vögeln, Fischen und etlichen Säugetieren gefressen – und Lieferanten von Honig, Wachs, Seide, Karminrot oder Schellack ist überaus groß. Die Autorin beschreibt, welche Rolle die Tiere künftig für die Ernährung der Weltbevölkerung spielen könnten.

Insekten dienen zudem als Vorbilder für technische Innovationen, wie Sverdrup-Thygeson ausführt. Die Entwicklung von Drohnen (Libellen), pyroelektrischen Sensoren (Kiefernprachtkäfer), Strukturfarben (Schmetterlinge), Mikrostrukturen (Bockkäfer), energiesparenden Hochhäusern (Termitenhügel) und vieles mehr basiere auf Studien an Kerbtieren. In der Forschung wiederum seien Taufliegen als Modellorganismen unverzichtbar. Einige Insektenfamilien, darunter die Ameisen, produzieren Antibiotika und andere Stoffe, was Ansätze für die Entwicklung neuer Medikamente bietet.

Besondere Bedeutung besitzen Insekten als Destruenten, wie die Autorin betont. Die Tiere bauen organische Substanzen ab und zerlegen sie – oft in Symbiose mit Pilzen – in anorganische Bestandteile. Indem sie Abfall, Kot und Aas »entsorgen«, stellen sie sicher, dass Kreisläufe geschlossen werden, die für Krankheitsvermeidung, Bodenfruchtbarkeit und Erosionsschutz eine wichtige Rolle spielen.

Sverdrup-Thygeson thematisiert freilich nicht nur Positives, sondern geht auch auf die Bedeutung von Insekten als Schädlinge ein. So treten Kerbtiere als Pflanzenfresser, Blut saugende Parasiten oder Krankheitsüberträger in Erscheinung. Dabei legen sie oft überaus komplexe Verhaltensweisen an den Tag.

Das letzte Buchkapitel gibt einen Überblick über die derzeit sehr schwierige Lage der Insekten. Ihre Zahl hat sich weltweit fast halbiert, in Deutschland etwa ist ihr geschätztes Gesamtgewicht um mehr als drei Viertel zurückgegangen, rund 20 Prozent der Arten sind in den zurückliegenden 30 Jahren ausgestorben. Die Konsequenzen davon kann niemand wirklich absehen. Als Hauptursachen des Insektenrückgangs gelten Flächenverbrauch, Klimawandel, intensive Landwirtschaft und der Einfluss invasiver Arten. Die Autorin plädiert dafür, Insekten im öffentlichen Bewusstsein mehr Platz und ein positiveres Bild einzuräumen und dafür zu sorgen, dass sie »in Flächennutzungsplänen und öffentlichen Untersuchungsberichten, in Landwirtschaftsverhandlungen und im Staatshaushalt Berücksichtigung finden«. Das Buch öffnet seinen Lesern die Augen für wichtige ökologische Zusammenhänge und Insektenschutzmaßnahmen. Es vermittelt umfangreiches Wissen sowie Empathie für die Tiere und macht klar, wie wichtig deren Überleben für uns ist.

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