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Dramatische Bestandsaufnahme

Seit dem 19. Jahrhundert sind 80 Prozent des in Deutschland brütenden Vogelbestands verschwunden. Dieses Buch bildet ausgestorbene und verbliebene Arten ab und plädiert für unverzügliche Rettungsmaßnahmen.

Nach dem Insektensterben tritt nun auch das Vogelsterben in den Fokus der Aufmerksamkeit. Eine zwangsläufige Entwicklung, lebt doch ein großer Teil der Vogelwelt von Insektenkost. Doch die Gründe für den Rückgang das Vogelbestands, der speziell seit den 1980-er Jahren drastisch an Fahrt aufgenommen hat, sind vielfältiger und unterscheiden sich je nach Art und Region. Wie Peter Berthold, Deutschlands bekanntester Vogelexperte, in diesem Buch aufführt, spielt nicht nur Nahrungsmangel eine Rolle, sondern auch Lebensraumzerstörung, Tod durch Nachstellen (etwa durch Fang oder Jagd), Unfälle, Beeinträchtigung durch Lärm, sonstige Störungen sowie der Klimawandel. Berthold legt Zahlen vor, die einen schwindeln lassen: von ehemals 300 Millionen Brutpaaren in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat sich die Anzahl auf aktuell etwa 60 Millionen Paare reduziert, das heißt um 80 Prozent – und die Talfahrt ist noch lange nicht zu Ende.

Von theoretischem Wissen zu konsequentem Handeln zu wechseln, fällt uns Menschen schwer, solange keine Katastrophe eingetreten ist beziehungsweise solange es nicht an den Geldbeutel geht. Im gesellschaftlichen Interessenkampf gehen die Belange des Naturschutzes nur zu oft unter. Dabei sind die Medien voll von aufrüttelnden Informationen: Naturschutzverbände, Wissenschaftler, Fachjournalisten und -autoren füllen Websites, Zeitschriften, Zeitungen und Bücher. Aus Gesprächen mit Lesern seiner zahllosen Publikationen weiß der Autor jedoch, dass viele Informationen schlicht überlesen werden. Der Mensch sei ein Augentier, befindet er, und ein Bildband deshalb ein probates Mittel, um wichtige Informationen zu vermitteln; im vorliegenden Fall, um auf die dramatische Bedrohung unserer Vogelwelt aufmerksam zu machen.

Von Gänsegeier bis Kohlmeise

Das Buch bildet etwa die Hälfte der 285 Vogelarten ab, die jemals seit 1800 regelmäßig in Deutschland gebrütet haben. Rund jedes dritte der 233 hochwertigen und sehr ansprechenden Aufnahmen stammt vom vielfach ausgezeichneten Fotografen Konrad Wothe, dessen Markenzeichen ausdrucksstarke Bilder von freilebenden Tieren in natürlicher Umgebung sind. Hinzu gesellen sich Agenturbilder, etwa von Okapia, Shutterstock und Lookphotos. Sie alle zeigen Vögel in den unterschiedlichsten Lebenslagen aus großer Nähe, angefangen beim spektakulären, hierzulande bereits ausgestorbenen Gänsegeier bis hin zur noch allgegenwärtigen Kohlmeise. Die wichtigsten Informationen zu den jeweiligen Arten tauchen in Form kurzer Textspalten neben den Fotos auf. Darin erfahren die Leser einige artspezifische Besonderheiten, beispielsweise zu Merkmalen des äußeren Erscheinungsbilds, zum Zugverhalten und Habitat sowie zum aktuellen Gefährdungsgrad.

Die Vögel sind entsprechend ihres Gefährdungsgrads in Deutschland auf fünf Buchkapitel aufgeteilt, wobei Berthold nicht strikt der üblichen Einteilung Roter Listen folgt. Der erfahrene Ornithologe nimmt natürlich Bezug auf die aktuelle »Rote Liste der Brutvögel Deutschlands« (Grüneberg et al. 2015), ebenso wie auf die von Barthel & Helbig zusammengestellte »Liste der Vögel Deutschlands« (2005). Allerdings, schreibt er, gälten Arten in der Roten Liste noch als ungefährdet, obwohl sie bereits aus ganzen Landstrichen verschwunden seien. Dies sei im Wesentlichen der naturgemäß mangelnden Aktualität einer Roten Liste geschuldet.

Nach kurzer Einleitung stellt Berthold im ersten Kapitel die sechzehn in Deutschland bereits ausgestorbenen Vogelarten vor. Wunderbare Aufnahmen zeigen wahrhaft exotisch anmutende Arten, wie man sie sich hierzulande kaum noch vorstellen kann, etwa den imposanten Schlangenadler oder die in verschiedensten Blautönen schillernde Blauracke – beides Ernährungsspezialisten, die bei uns kein ausreichendes Angebot an Schlangen, Eidechsen oder Großinsekten mehr vorfanden und somit ausblieben.

Es folgt ein Kapitel über die aktuell größten Sorgenkinder: 30 Arten, deren Aussterben bevorsteht, wenn nichts Entscheidendes zu ihrer Rettung unternommen wird. Ihr Bestand hat seit 1800 oder auch nur während der zurückliegenden drei Jahrzehnte um mehr als 50 Prozent abgenommen. Dazu zählt das Auerhuhn, das mittlerweile fast nur noch in den Restbeständen lichter, heidelbeerkrautreicher Mischwälder im Schwarzwald, Bayerischen Wald und im Fichtelgebirge vorkommt. Aber auch Haselhuhn und Rebhuhn tauchen in diesem Kapitel auf, denn anders als die Rote Liste betrachtet Berthold die beiden Arten nicht mehr nur als »stark gefährdet«, sondern als bereits vom Aussterben bedroht. Denn sie benötigen Habitate wie strukturreiche Wälder oder kleinräumige und vielfältig strukturierte Kulturlandschaften, die in Deutschland so selten geworden sind, dass die Bestandsgrößen in kurzer Zeit dramatisch, im Falle des Rebhuhns um 90 Prozent, eingeknickt sind, wie der Autor anführt.

Ebenfalls von den Roten Listen abweichend folgt Berthold nicht der üblichen differenzierteren Unterteilung in »stark gefährdete«, »gefährdete« und auf der »Vorwarnliste« stehende Arten, sondern kombiniert im Kapitel »Trudelflug« kurzerhand alle Arten, deren Bestand seit 1800 oder auch erst in den zurückliegenden paar Jahrzehnten um mehr als 20 Prozent abgenommen hat. Auf diese kategorische Weise macht der erfahrene Publizist seinen Lesern bewusst, dass es nun auch den »Allerweltsarten« an den Kragen geht. Dies gilt für Feldlerchen oder Bluthänflinge, aber auch für Schwalben oder Sperlinge. Einst häufig auftretende, mitunter sogar als lästige Schädlinge empfundene Arten sind binnen kurzem in verschiedenen Regionen Deutschlands verschwunden oder sehr selten geworden. Dass es richtig ans Eingemachte geht, stellt der Experte hiermit unmissverständlich klar.

Allerdings unterschlägt er nicht, dass die Situation von etwa von einem Viertel der Arten stabil geblieben ist oder sich sogar verbessert hat. Dazu gehören einst stark gefährdete Arten, die von Artenhilfsprogrammen der vergangenen Jahre profitierten, beispielsweise Kraniche oder Seeadler. Aber auch Kulturfolger wie Stadttauben, oder mit der Klimaerwärmung von Süden eingewanderte Arten wie Orpheusspötter, Silber- und Seidenreiher oder sogar Exoten wie Nilgans, Nandu und Alexandersittiche, die aus Gefangenschaft ausgebüxt und erfolgreich verwildert sind.

Mit einem knappen und nachdrücklichen Aufruf an alle Vogelliebhaber, unverzüglich Hilfsmaßnahmen jenseits staatlicher Verordnungen zu ergreifen, endet der bemerkenswerte und wärmstens zu empfehlende Bildband.

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