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Rätsel der Rastlosen

Ein Vogelkundler stellt die wichtigsten Zugvögel, ihre Routen und erstaunlichen Flugleistungen vor – ebenso wie die Gefahren, die unterwegs drohen.

Noch im 18. Jahrhundert waren viele davon überzeugt, dass Schwalben im Schlamm von Gewässern überwintern. Sie sahen, wie die Schwalben nach der Brutzeit zu Tausenden in Schilfflächen einfielen – und wie sie im Winter plötzlich alle verwunden waren. Der logische Schluss daraus: Die Vögel konnten sich nur im Schlamm versteckt haben.

Heute sind die Wanderungen der mehr als 50 Milliarden Zugvögel, die jedes Jahr hunderte oder tausende Kilometer weit in ihre Winterquartiere fliegen, in etlichen Details aufgeklärt. Der Biologe und Vogelschützer Klaus Richarz berichtet in seinem Buch viel Wissenswertes darüber, wobei er auf das Reiseverhalten, den Orientierungssinn, die Rastgebiete sowie die Ernährung der Tiere eingeht und die entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden erörtert. Dabei stellt er ausgewählte Arten mit ihren Besonderheiten vor. So sind Meisen häufig zusammen mit Vertretern anderer Arten unterwegs, während Lerchen bevorzugt unter sich bleiben und Laubsänger eher allein fliegen. Bei Amseln wiederum zeigen sich die Weibchen deutlich reiselustiger als die Männchen, die eher in ihrem Siedlungsgebiet verweilen.

Mini-Rucksack für Federtiere

Richarz erklärt, wie Vögel navigieren, und stellt deren unterschiedliche Flugrouten vor. Gerade in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten haben Vogelforscher dank innovativer Untersuchungsmethoden viele neue Entdeckungen gemacht. Dazu gehört die Satellitentechnik: Geeignet große Vögel bekommen die inzwischen nur noch wenige Gramm schweren GPS-Geräte wie einen Mini-Rucksack umgeschnallt, was deren Reiserouten detailliert aufzuklären hilft. Mithilfe der Satellitenüberwachung ist es beispielweise möglich, herauszufinden, ob die Tiere über Berge hinweg fliegen oder drum herum. Sie hat auch die Erkenntnis geliefert, dass die unerfahrenen Jungtiere des Schreiadlers das Mittelmeer an breiten Stellen überfliegen, während die Alttiere thermisch günstigere Wege um das Gewässer herum bevorzugen.

Nebenbei erwähnt Richarz einige Rekorde der Vielflieger. So kann die Reise bei manchen Vögeln ein halbes Jahr dauern. Das führt bei Rußseeschwalben (Onychoprion fuscatus) mitunter dazu, dass die Tiere als Jungvögel starten und ausgewachsen ankommen. Ein weiterer Rekord: Mauersegler (Apus apus) verbringen die zwei Jahre vom Flüggewerden bis zur ersten Landung am Brutplatz durchgängig in der Luft. Um so lange zu fliegen, nutzen sie einen Trick: Sie schlafen jeweils nur mit einer ihrer Hirnhälften, während die andere wacht.

Richarz war einmal in der universitären Forschung tätig, wechselte dann aber in die Naturschutzverwaltung der Landesämter. Dem entsprechend berichtet er ausführlich über die vielen Risiken des Vogelzugs. Dazu gehören natürliche Räuber, die auf ihre Beute lauern, vor allem aber Hauskatzen und menschliche Jäger. Fotos in dem Buch zeigen nicht nur tellerweise gebratene Grasmücken (eine Gattung von Singvögeln), sondern auch die Netze, mit denen sie gefangen werden. Hierzu kann der Autor freilich auch Positives berichten: Gerade in Italien, das früher zu den führenden Ländern der Vogeljagd zählte, sind erfolgreich Schutzprogramme aufgelegt worden. Leider rücken nun neue Bedrohungen in den Fokus, nämlich die schädlichen Folgen des Klimawandels sowie die Risiken von Freilandleitungen, rotierenden Windrädern, Lichtverschmutzung, Pestiziden und Plastikmüll.

Das Buch vermittelt viel Wissenswertes über Zugvögel und ihre Flugkünste. Anschauliche Grafiken laden dazu ein, deren Reiserouten zu studieren. Zahlreiche hochwertige Farbfotos von Vögeln und Landschaften sind allein schon optisch ein Genuss. Der sachlich geschriebene Text führt verständlich ins Thema ein und bildet den aktuellen Forschungsstand weitgehend ab; das Literaturverzeichnis listet Arbeiten bis 2017. Am Ende widmet sich der Autor dem grenzüberschreitenden Schutz von Zugvögeln und stellt zahlreiche Orte meist in Deutschland vor, wo sich die Tiere in Schutzgebieten gut beobachten lassen – etwa auf Helgoland, den Rieselfeldern bei Münster oder am Chiemsee.

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