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Die mit dem Wolf tanzen

Der Wolf ist auf dem Vormarsch – ob wir es wollen oder nicht: im Osten Deutschlands, in der sächsischen Oberlausitz, und auch in der Schweiz, in Italien und in Frankreich. Seit Jahrhunderten verfolgt, dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Abholzung der Wälder ihres Lebensraumes und ihrer Nahrungsgrundlagen fast vollständig beraubt, hatten Wölfe in den Alpen und in weiten Teilen West- und Zentraleuropas lange Zeit kaum noch eine Überlebenschance.

Erst seit wenigen Jahren erobern sich einzelne Wolfsrudel in Mitteleuropa nach und nach Reviere zurück und sind auch bei uns in Deutschland wieder vermehrt Beobachtungen dieser ausdauernden Langstreckenläufer möglich. Die Ursachen: langsame Regeneration der Wälder mit deutlicher Zunahme der Waldfläche und natürlich der gesetzliche Schutz. Dazu brachte in der Schweiz die Einführung eines geregelten Jagdbetriebes mit Schonzeiten und Banngebieten die Beutetiere des Wolfes – Gämse, Reh und Hirsch – zurück in die Alpen.

Das Buch "Der Wolf" des Schweizer Autorenquartetts um Hansjakob Baumgartner – bis auf den Fotografen allesamt Biologen und Wildtierexperten – ist ein Plädoyer für einen neuen, zeitgemäßen Umgang mit dem Wolf. Es will Wissen vermitteln, "mit Fakten, wahren Geschichten und klaren Worten" aufklären und lässt verschiedene Sichtweisen auf den Wolf zu. Das Resultat ist eine spannend zu lesende Natur- und Kulturgeschichte des Wolfes und des Menschen, reich und bestens bebildert. Berichte von Wolfbegegnungen und Interviews mit so genannten "Beteiligten" wie mit Wolfsbeauftragten, Schweizer Schafzüchtern, Hirten und Jägern und mit dem WWF Schweiz vervollständigen das Bild vom heute überwiegend positiven Meinungsspektrum zur Rückkehr der Wölfe.

Warum dann aber dieser Untertitel? "Ein Raubtier in unserer Nähe" – suggeriert dies nicht Gefahr? Spielt die Formulierung – wenngleich wohl unabsichtlich – nicht doch nur wieder mit unseren tief verwurzelten Ängsten? "Ein Raubtier" – und dann noch "in der Nähe"? Zum Glück widmen sich die Autoren auch diesem Thema und stellen klar, dass Wölfe durchaus fähig sind, Menschen anzugreifen, zu verletzen oder gar zu töten, doch dass sie dies extrem selten auch wirklich tun.

Wild lebende Wölfe sind von Natur aus sehr scheu und weichen direkten Begegnungen mit dem Menschen aus, wie gleich zwei umfangreiche Studien aus neuerer Zeit belegen. Immer sind Wolfsübergriffe mit speziellen Umständen verbunden, sind angriffslustige Tiere tollwütig oder gar keine Wölfe, sondern Wolf-Hund-Mischlinge oder verwilderte Hunde.

Wie also mit dem Wolf in Zukunft umgehen? Von Wolfsmanagement ist da die Rede, ebenso von Prävention, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung mit ehrlicher und sachlicher Information. Auch der Staat ist gefragt, um finanziell Wolfsrisse an Schafen auszugleichen oder den Herdenschutz zu verbessern. Schon gibt es einen "Wolfstourismus" in Gegenden, die touristisch bisher nicht besonders frequentiert wurden, Wolfstouren, Beobachtungsreisen und Treckingangebote und – wer hätte das gedacht – in der Oberlausitz sogar einen "Wolfs – Radwanderweg".

Geben wir also dem langbeinigen, struppigen Gesellen mit dem großen Kopf und gelben Augen eine Chance. Denn eins macht das Buch und die Auseinandersetzung mit dem Thema klar: Längst haben wir uns – zumindest gedanklich -mit der Rückkehr der Wölfe arrangiert. Wer dies vertiefen möchte, dem sei die Lektüre wärmstens empfohlen.

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