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Unzulässige Schlussfolgerungen

Die Methoden der modernen Hirnforschung bringen oft fantastische Ergebnisse hervor. Craig Bennett von der University of California in Santa Barbara legte einmal einen toten Lachs in einen Magnetresonanztomografen und zeigte ihm Fotos von Menschen. Der verstorbene Fisch sollte angeben, "welches Gefühl das Individuum auf dem Foto empfand". Tatsächlich schienen manche Hirnregionen des restaurantreifen Probanden auf die Fotografien anders zu reagieren als auf einen schwarzen Bildschirm – alles eine Frage der statistischen Auswertung.

Dieses wissenschaftliche Kabinettstückchen belegte auf originelle Weise, dass die gängigen neurowissenschaftlichen Methoden in die Irre führen können: Wer zigtausend winzige Ausschnitte des Gehirns gleichzeitig untersucht, findet halt (fast) immer einige zufällige Effekte. Der eindrucksvolle Kontrast zwischen wackeligen Methoden und gewagten Schlussfolgerungen schreit geradezu nach einem Buch, wie es der Psychologe Stephan Schleim von der niederländi-schen Universität Groningen nun vorgelegt hat.

Neben dem "Voodoo-Lachs" schildert er etliche weitere methodische Probleme der Magnetresonanztomografie. So ist noch immer unklar, welche physiologischen Prozesse den im fMRT gemessenen Veränderungen eigentlich zu Grunde liegen. Noch dazu stellt sich die Frage, in welcher Hirnstruktur sich die Reaktio-nen abspielen. Denn wo laut Lehrbuch die für Furchtreaktionen zuständige Amygdala sitzen müsste, fängt bei manchen Probanden bereits der an Gedächtnisprozessen beteiligte Hippocampus an. Der Hirnscanner misst bei ihnen folglich Aktivität im falschen Hirnteil.

Schleim zögert nicht, namhafte Forscher anzugreifen und ihre Schlussfol­gerungen zu hinterfragen. So erzählt er den viel zitierten Fall des Bahnarbeiters Phineas Gage anders als gewohnt. Bei einem Unfall im Jahr 1848 schoss Gage eine zentimeterdicke Eisenstange durch den Kopf und verwandelte den zuvor gewissenhaften Mann angeblich in einen rücksichtslosen Lügner. Schleim fand allerdings anhand von Originalberichten heraus, dass Gage nur seine Nichten und Neffen mit erfundenen Geschichten unterhalten wollte.

Der prominente Hirnforscher Antonio Damasio führte Gages Persönlichkeits­veränderungen auf Verletzungen in dessen präfrontalen Kortex zurück und bescheinigte Patienten wie ihm eine er­worbene Psychopathie. Doch auch hier meldet Schleim Zweifel an: Er weiß von Fällen zu berichten, die Damasios Deutung widersprechen.

Solche Diskussionen lassen sich nicht führen, ohne tief in die Details der Untersuchungen hinabzusteigen. Schleim erläutert alles, was die Leser wissen müssen, um seiner Argumentation folgen zu können. Er schreibt gut, doch eine leichte Bettlektüre liefert er damit nicht – ebenso wenig wie den thematischen Rundumschlag, den der Titel erwarten lässt. Er nimmt hauptsächlich Hirnforscher aufs Korn, die sich in juristische Fragen ein­mischen, verschont aber beispielsweise selbst ernannte Neuro-Gurus, die pädagogische Konzepte aus den Befunden der Hirnforschung ableiten wollen. Um Fortsetzung wird gebeten.

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  • Quellen
Gehirn&Geist 4/2011

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