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Qual der Wahl?

Wer für ein feines Wildkräuter-Menü auf die Suche nach dem delikaten Wiesenkerbel geht, muss ihn vom ungenießbaren Kälberkropf oder gar vom giftigen Schierling unterscheiden können. Ohne botanische Vorkenntnisse ist das gar nicht so einfach, denn nur mit einem gewöhnlichen Foto-Pflanzenbuch ausgestattet, erreicht der Naturfreund bald eine Grenze: Die drei Pflanzen sind auf den meisten Fotografien nämlich kaum zu unterscheiden. In diesem Fall führt kein Weg an den ungeliebten wissenschaftlichen Bestimmungsschlüsseln vorbei.

Die promovierte Biologin Rita Lüder hat deshalb mit ihrem "Grundkurs Pflanzenbestimmung" dem Standardwerk "Schmeil-Fitschen – Die Flora von Deutschland" eine Praxisanleitung zur Seite gestellt, mit der auch Ungeübte den Umgang mit diesem wissenschaftlichen Standardwerk Schritt für Schritt lernen können – endlich! Herkömmliche Bestimmungsbücher sind nämlich kryptische Textwüsten mit wenigen Abbildungen, und die sind oft auch nicht dort, wo der zugehörige Text steht. Die Autorin leitet dagegen seit mehr als zehn Jahren Kurse zur Pflanzenbestimmung. Sie weiß genau, wo ein Anfänger sich schwer tut und diese Erfahrung steckt in ihrem Buch.

Wer zum Beispiel vor der Entscheidung steht, ob die fragliche Pflanze gegenständige oder wechselständige Blätter hat, müsste in den herkömmlichen Büchern erst umständlich zurückblättern, um nachzuschauen, was "gegenständig" oder "wechselständig" überhaupt ist. Zudem sind die Bücher voller Abkürzungen und Fachbegriffe – freiwillig kämpft sich da niemand durch, und der Naturfreund verwendet für sein Menü statt Wiesenkerbel doch lieber die Petersilie aus dem Garten. Rita Lüder dagegen erklärt alle notwendigen Details dort, wo sie im Bestimmungsvorgang auftauchen und illustriert sie zudem reich mit Fotos und Zeichnungen. Die Merkmale sind auf den Bildern gut zu erkennen, und die Zeichnungen zeigen dem ungeübte Leser genau, wo er hinschauen muss.

Im ersten Teil des Buches gibt die Autorin eine Einführung in das System der botanischen Namen und erläutert den grundsätzlichen Aufbau einer Pflanze. Wichtige Begriffe, die später häufig auftauchen, erklärt sie so, dass jede sie versteht. Ein Kapitel über die Zeigereigenschaften von Pflanzen rundet die Einleitung ab. Dann folgen die zwei Hauptkapitel mit den Bestimmungsgängen: Der erste führt zu den Pflanzenfamilien, der zweite zu den Arten. In dem handlichen Buch werden die 550 häufigsten Arten vorgestellt. Der Leser steht dabei stets vor zwei Möglichkeiten und entscheidet, welche für seine Pflanze zutrifft. Nun gelangt er zum nächsten Merkmal, bei dem er wiederum entscheiden muss – also genau so, wie es in den wissenschaftlichen Bestimmungsbüchern auch üblich ist. Ein umfangreiches Stichwortregister und eine Übersicht über die wichtigsten Pflanzenorgane auf den Buchdeckeln geben zusätzliche Orientierung.

Mit diesem Buch kann man an "Allerwelts"-Pflanzen üben, wie man mit einem Bestimmungsschlüssel auch die seltenen Arten eindeutig bestimmt. Das Üben selbst kann Lüder einem zwar nicht ersparen, aber es fällt viel leichter und vor allem macht das Lernen mehr Spaß, weil sie Abbildungen, Fotos und zahlreiche Hinweise auf Verwechslungsmöglichkeiten dort anbietet, wo man sie braucht, um im Bestimmungsgang weiter zu kommen.

Das Buch ist deshalb auch besonders geeignet für alle, die in relativ kurzer Zeit diese Technik lernen müssen – beispielsweise angehende Botaniker, Forstwirte oder Geoökologen. Zudem gibt Rita Lüder zahlreiche Hinweise auf besondere Eigenschaften der Gewächse, ob sie zu den Heilkräutern zählen oder als Wildgemüse zubereitet werden können. Sie bietet dem Botanik-Neuling damit ein Schatzkästlein, in dem er auch stöbern kann – am besten unterwegs an einem schönen Platz in der Natur. Das kleine Buch passt nämlich in jede Jackentasche und ist dank festem Einband robust genug fürs Gelände.

Trotz einiger Fehler schließt es eine klaffende Lücke im Reigen der Pflanzenführer und ist ohne Einschränkungen empfehlenswert. Die letzte Sicherheit gewähren ohnehin nur die klassischen Bestimmungsbücher, ob sie nun "Schmeil-Fitschen", "Rothmaler" oder "Oberdorfer" heißen. Deren Prinzip aber lernt der Naturfreund mit der "Lüder", und dann würzt er mit Wiesenkerbel, nicht nur mit Petersilie.

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