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Japan und der GAU

Entstanden ist dieses aufschlussreiche Buch aus einem Forschungsprojekt der japanologischen Institute in Frankfurt und Leipzig. Es enthält Kommentare, Interviews mit Atomaktivisten, Übersetzungen von japanischen Blogs und Medienbeiträgen. Hauptsächlich Studenten und Absolventen beider Universitäten haben die Texte zusammengetragen und kommentiert.

Der Band gliedert sich in vier Teile. Zunächst geht es um Japans Atompolitik. Die Leser erfahren, wie sich die Atomenergie dank geschickter PR- und Lobbyarbeit in Japan durchsetzen konnte – trotz historischer Katastrophen wie jenen in Hiroshima und Nagasaki und trotz der Operation "Castle", dem verunglückten Kernwaffentest der USA, bei dem ein japanisches Fischerboot radioaktiv verstrahlt wurde. Das Buch arbeitet heraus, welch große Rolle die "Atom for Peace"-Rede spielte, die US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1953 vor den Vereinten Nationen hielt. Hierin warb er einerseits für weltweites atomares Abrüsten und andererseits dafür, die Atomenergie friedlich zur Stromerzeugung zu nutzen. Durch die geschickte Verknüpfung mit dem Wort "Frieden" gelang es ihm, "gute" und "schlechte" Atomenergie voneinander zu trennen, wodurch sich auch in Japan die gesellschaftliche Einstellung zu Kernkraftwerken änderte.

Weiterhin zeigt das Buch auf, dass in der Region Fukushima die Energiegewinnung schon seit Langem eine bedeutende Rolle spielt. Die dortige Joban-Kohlegrube war eines der drei größten Kohlefördergebiete Japans. Ab den 1950er Jahren begann jedoch Erdöl die Kohle als Energieträger zu verdrängen. Dadurch brach das wirtschaftliche Fundament der Region weg und Fukushima musste auf neue Industrien setzen, um die Abwanderung der Bevölkerung zu stoppen. Es wurde ein Kernkraftwerk gebaut und gleichzeitig ein "Atomdorf" inklusive Erholungsgebiet für die Arbeiter und ihre Familien errichtet, um die Attraktivität der Gegend zu erhöhen.

Die Texte stammen vielfach aus der Feder ehemaliger Mitarbeiter von Atomkraftwerken, nicht wenige von ihnen an Krebs erkrankt. Sie geben schockierende Einblicke in mangelhafte Sicherheitsstandards und zeigen auf, wie die meist ungelernten Laienarbeiter manipuliert wurden. Statt über mögliche Risiken und korrektes Arbeiten aufzuklären, betrieben die Verantwortlichen eher eine Art Gehirnwäsche. Hinzu gesellen sich skandalöse Hintergrundberichte, etwa über eine Gerichtsverhandlung, in der die Bürger der Stadt Ikata den Bau eines Kernkraftwerks verhindern wollten. Einem Wissenschaftler zufolge, der der Verhandlung beiwohnte, "waren die Bewohner [argumentativ] haushoch überlegen". Daraufhin wurde kurzerhand der vorsitzende Richter ausgetauscht und die Bürger verloren den Prozess.

Im zweiten Teil des Werks geht es um den Einfluss der Fukushima-Katastrophe auf Japans zeitgenössische Kunst. Vor allem die Mangaszene griff den Unfall fast unmittelbar auf. Die Zeichner erzählten in ihren Comics von verstrahlten Großstädten und malten düstere Zukunftsszenarien an die Wand. Zum Teil enthielten die Comics echte Fotos aus der Unfallregion, was die Katastrophe für Leser greifbarer machte.

Der dritte Teil widmet sich dem Thema "Medienmanipulation und mediale Aufklärung". Er macht deutlich, dass Japans Medien sich nach dem Unfall vielfach mit dem Vorwurf konfrontiert sahen, sie berichteten zu kritiklos. Es bildete sich eine atomkritische Gegenkultur in dem Land heraus – Thema des letzten Teils. Er stellt viele Personen dieser Protestkultur vor und erläutert, warum und wie sie sich gegen die Atomenergie wehren. Zu ihnen gehört Yamamoto Tarô, ein bekannter Schauspieler, der heute auf Bahngleisen Sitzstreik hält mit der Begründung, wenn er jetzt nicht seine Stimme erhebe, käme dies einer Unterstützung der Atomkraft gleich.

Es sind ganz normale Bürger, die die atomkritische Öffentlichkeit in Japan unterstützen und mittragen, so das Fazit. Die meisten von ihnen hoffen wohl, dass die Tragödie dem Land auch eine Chance gibt – nämlich die auf ein Umdenken in der Energiepolitik.

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