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Die ausgetretenen Pfade verlassen

Wie verhilft man einem Menschen zu einem starken und stabilen Selbstwert? Und für wen ist das gut? Die beiden in Freiburg tätigen Psychologinnen Friederike Potreck-Rose und Gitta Jacob legen mit diesem Buch ein Programm dazu vor.

Ein gesunder Selbstwert basiert nach Überzeugung der Autorinnen nicht allein auf dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Leistungen. Eine ebenso wichtige Säule des Selbstwertes ist die Selbstakzeptanz, eine grundsätzlich positive Einstellung zu sich selbst. Hinzukommen müssen soziale Kompetenz und das Eingebundensein in ein soziales Netz.

Das Programm enthält eine Vielzahl aufeinander aufbauender Übungen und therapeutischer Interventionen, die in Einzelsitzungen durchgeführt werden und die ersten beiden Säulen des Selbstwertes – Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz – fördern helfen. Soziale Kompetenz kann in einer Gruppenpsychotherapie besser geübt werden und wird daher hier kaum einbezogen.

Am Beginn stehen Übungen zur Achtsamkeit für den Körper und seine Bedürfnisse, die Sinne sowie Gefühle. Dabei geht es einerseits darum, die Wahrnehmung zu sensibilisieren und differenzieren; andererseits ist es für Menschen oft einfacher, automatisierte Muster und alltägliche Routinen in Bewegungsabläufen zu erkennen und zu verändern als bei eingefahrenen kognitiven Vorgängen. Der zweite Schritt ist dann die „liebevolle Begegnung mit sich selbst“ (S. 118). Manch einer erkennt nicht, dass er sich mit negativen Gedanken selbst entmutigt, sich nach Misserfolgen selbst noch zusätzlich bestraft oder es sich unnötig schwer macht. Vielen Menschen fehlt aber noch eine weitere wichtige „Grundfertigkeit“ (S. 151): Selbst für sich zu sorgen; „nicht länger auf den Prinzen [zu] warten“ (S. 153), der einem den aus der Kindheit stammenden Wunsch, umsorgt zu werden, erfüllt, kann eine schwere Entscheidung sein. „Es ist für viele Patienten ein bitterer und zugleich befreiender Schritt anzuerkennen, dass in der Erwachsenenrealität die Verantwortung für ihr Wohlergehen bei ihnen selbst liegt.“ (S. 155) Potreck-Rose schlägt eine Reihe ebenso einfacher wir wirkungsvoller Interventionen vor, um dem Patienten die Entscheidung zwischen Versorgungswünschen und Autonomie zu erleichtern, z.B. die Fragen zu stellen: „Wie lange warten Sie schon?“ oder „Wie aussichtsreich ist es, weiter zu warten?“

Die zweite Säule, die Selbstakzeptanz, beinhaltet die Gebote und Werte, nach denen jeder Mensch sein Leben ausrichtet. Zunächst gilt es, diese zu erkennen, zu entrümpeln und zu erneuern. Denn mit dysfunktionalen Normen oder unflexiblen, perfektionistischen Werten legt sich der Mensch immer wieder selbst Steine in den Weg, ist im Falle von Hindernissen oder gar Krisen schlecht gewappnet und hindert sich insgesamt an einer Wertschätzung seiner eigenen Person.

Den Abschluss bietet eine verhaltenstherapeutische Strategie zu Selbstregulation und Selbstkontrolle, um den Menschen in die Lage zu versetzen, angemessene Ziele zu setzen und auch zu erreichen. Denn wenn man immer wieder Erfahrungen des Scheitern hinnehmen muss, wird man auf lange Sicht sich selbst nicht wertschätzen können. Das Buch zeichnet sich durch große theoretische Klarheit aus. Es bietet erstaunlich einfache und effektive Hilfen und Anregungen für die psychotherapeutische Praxis. Aber auch Menschen, die sich selbst helfen möchten, erhalten vielfältige Perspektiven. So lässt das Werk den Leser in zuversichtlicher Stimmung und mit der Überzeugung zurück, dass Menschen sich verändern können. Nicht zuletzt deshalb ist ihm ein großer Leserkreis zu wünschen.

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