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AC/DC

Was wäre die Welt heute ohne elektrischen Strom zu Hause, im Büro oder in den Fabriken, ohne Fernsteuerung und Radar? Überhaupt: Die zweite industrielle Revolution wurde erst durch die allgemeine Verbreitung von Strom ermöglicht. Eng mit dieser Revolution verbunden sollte eigentlich der Name des serbischstämmigen Erfinders und Elektroingenieurs Nikola Tesla aus dem österreichisch-ungarischen Kaisertum sein. Ihn versucht Michael Krause nun mit seinem Buch "Wie Nikola Tesla das 20. Jahrhundert erfand" zurück aus der Vergessenheit zu holen.

Ursprünglich sollte Tesla Priester oder Soldat werden, doch er nahm 1875 sein Studium der Ingenieurwissenschaften in Graz an der k.u.k.-Technischen Hochschule auf. Sein Stipendium erhielt er von der Militärakademie Zagreb; er musste sich dafür aber mindestens acht Jahre beim Militär verpflichten. Es zog ihn aber auch hinaus in die Welt: nach Prag, Budapest und Paris – damals alles Städte von Weltrang. Schon in dieser Zeit tastete sich der Erfinder an Elektromotoren und alternative Stromsysteme (mit Wechselstrom!) heran, er erlitt aber auch Rückschläge wie einen Schwächeanfall, unter dem er monatelang litt.

In dieser Zeit begann die Elektrifizierung in den Städten, die sich einen regelrechten "Kampf" um die ersten beleuchteten repräsentativen Gebäude wie Opernhäuser, Theater oder Bahnhöfe lieferten. Fast nichts unterlag jedoch einer Normierung. Während Thomas Edison seine Anlagen mit Gleichstrom betrieb und diese bereits weltweit aufbauen ließ, konterte Tesla mit seinem wechselstrombetriebenen System, mit dem er bald dem Weltmarktführer die Stirn bieten konnte. Dabei arbeitete Tesla sogar zeitweise bei Edison: in der Société Électrique Edison, die den Straßburger Bahnhof als eine der Stationen des Orient-Express von London nach Konstantinopel im Licht erstrahlen lassen sollte (die Konkurrenz war übrigens den Firmen Siemens und Schuckert groß).

Teslas erfolgreiches Wirken bei Edison blieb nicht lange unbekannt: George Westinghouse, Unternehmer aus New York, wollte einen funktionstüchtigen, billiger und risikoarmen Motor entwickeln und suchte dafür Ingenieure – ein Wunsch, den ihm leicht erfüllen konnte. Zugleich bot er Westinghouse ein komplettes System zur Konvertierung und Transmission von Wechselströmen an. Das war der Durchbruch: Im Mai 1888 wurden Tesla sieben Patente zuerkannt, die ihm einen Platz im Pantheon der Technik bescherten – und eine hübsche Summe Geld, denn im gleichen Jahr verkaufte der Ingenieur sein Polyphasen-System an Westinghouse für gutes Geld. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Geburt von General Electric als Verschmelzung sämtlicher Edison-Firmen und unter Mithilfe von J.P. Morgan als Geldgeber: So entstand der Konkurrent zu Westinghouse Electric, für das Tesla arbeitete.

Konkurrent Edison versuchte wenig später den Wechselstrom sogar als lebensgefährlich darzustellen ("death current"): 1889 wurde in New York die Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl eingeführt und Edison beauftragt, die nötigen Vorrichtungen hierfür zu entwickeln. Perfiderweise verwendete er Wechselstrom und diskreditierte dadurch die Erfindung seines ehemaligen Mitarbeiters, wobei diese Art des Tötens sogar als "to westinghouse" Eingang in die Wörterbücher fand. Im Endeffekt war dieses Ansinnen jedoch erfolglos, denn langfristig setzte sich der Wechselstrom durch. Trotz der unschönen Querschüsse und eines Brands in seinem Labor, der alle Geräte vernichtete, gefiel es Tesla sehr gut in New York: Vor allem die Gesellschaft und Feste schätzte er sehr – ebenso wie das Waldorf-Astoria, in dem er wohnte.

Während seines Schaffens veröffentlichte Tesla nie in wissenschaftlichen Zeitschriften; seine Ideen zur Nutzung der Umgebungsenergie – eine metaphysische Steilvorlage – erzeugten wiederum nur Negativschlagzeilen in der Presse. Und mit seinen Ankündigungen verschiedener technischer Visionen wie der "Todesstrahlenmaschine" machte er sich zeitweise völlig unglaubwürdig sowie zum Ziel von obskuren Verschwörungstheorien. Mit der Entwicklung des Radios und der Fernsteuerung gelangen ihm dagegen weitere Geniestreiche, auch ihm wenn Guglielmo Marconi das Urheberrecht auf Radioübertragung streitig machte und dafür sogar den Nobelpreis für Physik bekam, obwohl dieser Tesla zugestanden hätte (wie Edison erhielt er diese Ehrung übrigens nie, was auf die Streitereien zwischen beiden zurückgeführt wird). Als Namensgeber der Einheit für die magnetische Feldstärke bleibt Teslas Name allerdings auch so für immer geläufig.

Der Autor – ein glühender Verfechter von Tesla und der Besitzer der weltweit vielleicht umfangreichsten Sammlung von Texten, Büchern und Filmen zu dem Ingenieur – wird in seinem ansonsten spannenden Buch manchmal von seinem Eifer etwas zu weit getragen. Jedes Buchkapitel schließt mit einigen Paragraphen über Tesla ab, die aus der Feder hochrangiger Politiker oder Wissenschaftlern stammen. Sie fassen die Kapitel jeweils zusammen, sind aber vielleicht ein wenig des Guten zu viel.
15. KW 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15. KW 2010

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