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Kann denn Fliegen Sünde sein?

Der Klimawandel ist zurzeit in aller Munde. Insbesondere der neue Bericht des mittlerweile nobelpreisgekrönten Weltklimarats (IPCC) und die klimapolitischen Aktivitäten von Angela Merkel bescherten dem Thema in diesem Jahr eine enorme mediale Präsenz. In all dem Wirbel geht allerdings fast unter, dass den vielen großen Worten bislang – auch in Deutschland – nur sehr mangelhafte Taten gegenüberstehen.

Die Journalisten Toralf Staud und Nick Reimer beginnen ihr Buch mit einer Ursachenanalyse dieses Missverhältnisses. Der anthropogene Klimawandel lege zwei "Grundprobleme des Kapitalismus bloß: Wachstum heißt sein erstes, die Externalisierung von Kosten sein zweites". Würde diese Wirtschaftsweise unreguliert sich selbst überlassen, wäre eine ungebremste Freisetzung von Treibhausgasen in das "Gemeingut" Atmosphäre unausweichlich. Das gesellschaftliche Leitmotiv "größer, schneller, weiter" mitsamt dem von Geschwindigkeitsrausch und Konsumismus geprägten Lebensstil trage ebenfalls zum Klimaproblem bei. Und das sei nicht unbedingt ein Charakterfehler des Einzelnen: Gewisse politisch-ökonomische oder auch technologische Strukturen "legen bestimmte Lebensweisen nahe", und man brauche dann "fast einen Heiligenschein", um anders zu handeln. Bislang erliege die Politik jedoch zu oft mächtigen Wirtschaftslobbys und dem kurzfristigen Wiederwahlinteresse.

Trotz dieser vertrackten Lage, so die optimistische Kernbotschaft der Autoren, sei gefährlicher Klimawandel selbst mit bereits verfügbaren Technologien noch abzuwenden. Dies sei sogar weit gehend ohne Verlust an Lebensqualität zu haben und zudem viel billiger als Nichtstun, bei dem man später mit drastischen und teuren Klimafolgen konfrontiert würde. Es müsse nur jetzt schnell und mutig gehandelt werden. Da die Industrieländer als Hauptverursacher des menschengemachten Treibhauseffekts die Hauptverantwortung tragen, sind sie es, die sowohl emissionsarme gesellschaftliche Alternativen vorleben und den ärmeren Ländern freizügig zur Nachahmung anbieten als auch Kompensationszahlungen für dort auftretende Klimaschäden leisten müssen.

Ausbuchstabiert wird die Kernbotschaft in Form von elf Vorschlagsbündeln, deren Realisierung nach Meinung der Autoren in Deutschland zu einer Halbierung der heutigen Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 führen würde. Die durchweg konkreten Vorschläge beziehen sich vorwiegend auf die vier besonders emissionsrelevanten Bereiche Energieversorgung, Verkehr, Bauwesen und Landwirtschaft und umfassen Appelle an die Einzelnen sowie von Politik und Wirtschaft umzusetzende Maßnahmen.

Viele der Ideen beruhen auf dem Grundprinzip, dem Ausstoß von Kohlendioxid einen Preis zu geben. Ein radikaler und interessanter Ansatz ist die Individualisierung des Emissionshandels durch die Einführung eines Kohlendioxid-Kontos für jeden Menschen mit global gleichen jährlichen Pro- Kopf-Emissionsrechten. Wer sein Guthaben vor Jahresende aufgebraucht hat, müsste noch verfügbare Emissionsrechte von anderen erwerben. Dabei würden erhebliche Geldmengen von den reichen Ländern in ärmere Regionen fließen. Durch Einführung einer Kerosinsteuer und die Berechnung der Kfz-Steuer auf der Basis des CO2-Ausstoßes würden weitere – überfällige – Anreize zu emissionsärmerem Verhalten geschaffen.

Im Bereich der erneuerbaren Energien setzen die Autoren besonders auf solarthermische Kraftwerke, deren Strom relativ verlustfrei von Südeuropa und Nordafrika nach Deutschland transportiert werden könnte, und auf Offshore-Windparks. Jeder könne innerhalb von fünf Minuten den Umbau des Energiesystems in diese Richtung beschleunigen, indem er zu einem Ökostromanbieter wechselt. Unter den fossilen Energien sollten vor allem kleine Gaskraftwerke in Kraft- Wärme-Kopplung zum Einsatz kommen. Der Neubau von Kohlekraftwerken sollte verboten werden, solange das so genannte CCSVerfahren (carbon capture and storage) zur Abscheidung des Kohlendioxids direkt am Kraftwerk und anschließenden Lagerung in geologischen Formationen nicht als sichere Technologie zur Verfügung steht. Für mehr Energieeffizienz bieten sich ordnungspolitische Emissionsgrenzwerte an, sei es für Kühlschränke, Autos oder den Heizwärmebedarf von Häusern. Damit ließe sich auch der nötige Druck auf die Industrie ausüben, denn technisch sei oft viel mehr möglich, als bisher umgesetzt wird.

Bei der Ernährung lautet die Devise "weniger Fleisch, mehr Bio", unter anderem weil tierische Produkte mit Methan-Emissionen aus Wiederkäuermägen verbunden sind und in der konventionellen Landwirtschaft große Mengen Kunstdünger eingesetzt werden. Schließlich wird zum Pflanzen von Bäumen und zur Ersetzung von energieintensiven Baustoffen wie Ziegel oder Zement durch Holz aufgefordert, da der Atmosphäre dadurch Kohlendioxid entzogen wird.

Der außerordentlich gut les- und verdaubare Reportagestil sorgt für eine angenehme Lektüre. An die stellenweise etwas moralisch-pathetische Sprache kann man sich gewöhnen, und letztlich haben Slogans wie "Fliegen ist Sünde" oder "Fleisch ist ein Stück Klimakollaps" auch einen gewissen Unterhaltungswert. Obwohl die Autoren meist gut informiert Argumente und Gegenargumente ausbreiten, neigen sie im Eifer des Gefechts zuweilen zu einer etwas suggestiven Faktenwiedergabe, etwa wenn sie die steigenden Schadenssummen durch Extremwetterereignisse allzu einseitig mit dem Klimawandel in Verbindung bringen oder die Atmung der globalen Viehherden als gewaltige Kohlendioxidquelle darstellen, was zwar stimmt, aber zunächst keinen Nettoeffekt hat. Die meisten der emissionssenkenden Vorschläge sind sinnvoll, viele in der Tat sofort umsetzbar, manches dagegen erscheint politisch etwas naiv und unterschätzt die derzeitigen Machtverhältnisse.

Eines allerdings fällt auf: Kaum ein Vorschlag adressiert das als eine Ursache des Klimaproblems identifizierte Wirtschaftswachstum. Offenbar gehen die Autoren davon aus, dass sich das erste der beiden anfangs diagnostizierten Grundprobleme des Kapitalismus durch die Lösung des zweiten kurieren lässt.

Wer sich aktiv am Klimaschutz beteiligen will und eine anregende Sammlung von originellen und innovativen Ideen sucht, ist mit dem vorliegenden Buch gut beraten.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 01/2008

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