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Lektüretipps: Unsere Top Ten

 
Zehn gute und unterhaltsam geschriebene Bücher zu den Grundlagen der Psychologie


1. Einen kritischen Überblick
über das Fach Psychologie gibt Norbert Bischof in "Psychologie: Ein Grundkurs für Anspruchsvolle" (Kohlhammer, 2014).

Dieses Lehrbuch ist wahrlich ein anspruchsvoller Grundkurs – doch die Mühe lohnt sich. "Psychologie jenseits des üblichen Fächerkanons", so charakterisiert den Band G&G-Rezensent Nikolas Westerhoff, heute Psychologieprofessor an der Business School in Potsdam. Anstatt einfach die klassische Gliederung des Fachs etwa in Entwicklungs- und Sozialpsychologie zu präsentieren, bietet Bischof eine ungewöhnliche Perspektive. Der Autor kritisiert daneben auch den üblichen Vorlesungsstoff: Dieser käue allzu oft längst widerlegte Theorien wieder. Während die meisten Psychologielehrbücher dem Leser diese als vermeintliche Wahrheiten verkaufen, kassiert Bischof sie wieder ein und demonstriert die methodischen und wissenschaftstheoretischen Probleme des Fachs.

2. Ein starkes Stück Wissenschaftsgeschichte
präsentiert Deborah Blum in "Die Entdeckung der Mutterliebe: Die legendären Affenexperimente des Harry Harlow" (Beltz, 2010).

Am Beispiel des Psychologen Harry Harlow (1905-1981), schon zu Lebzeiten einer der umstrittensten Vertreter seiner Zunft, schildert die Journalistin Deborah Blum ein grausames Kapitel der Wissenschaftsgeschichte. Über 40 Jahre hinweg experimentierte Harlow mit Affenkindern: Er sperrte sie in dunkle Räume und untersuchte, ob man sie auch mit einem künstlichen Mutterersatz aufziehen könne. Die Affenbabys ließen dabei drahtige Futterspender nach der Nahrungsaufnahme links liegen und klammerten sich an weiche Kuschelkissen. Harlow widerlegte die verbreitete Annahme, dass der Nachwuchs von Primaten allein das Bedürfnis nach regelmäßiger Fütterung habe – auch Wärme und Zuneigung sind wichtige Faktoren. Trotz dieses großen Verdienstes steht die Autorin dem Porträtierten nach eigenem Bekunden zwiespältig gegenüber. Ihre Reportage zieht den Leser in Bann.

3. Über die Hirnanatomie von Mensch und Tier
doziert überaus unterhaltsam Helmut Wicht in "Anatomische Anekdoten" (Steinkopff, 2009).

Augenzwinkernd und mit vielen sprachlichen Pirouetten berichtet der Neuroanatom Helmut Wicht über den Kortex des Schleimaals, eine selbstreinigende Klebefalle im Gehirn und andere Absonderlichkeiten des menschlichen Gehirns. Ganz nebenbei präsentiert er auch allerlei Wissenswertes über andere Körperteile und vermittelt Einblicke in seinen Forschungs- und Lehralltag an der Universität Frankfurt am Main. Bei so viel gelehrter Unterhaltung kann der Leser gar nicht anders, als ein paar anatomische Fachbegriffe im Gedächtnis zu behalten.

4. Eine Bilderreise durch die Kuriositäten der Wahrnehmung
unternimmt Otmar Bucher in "Kopfwelten: Was ist wahr an unserer Wahrnehmung?" (NZZ Libro, 2010).

Die Sinne prägen unsere Sicht der Welt – was wir als real empfinden, ist deshalb im wahrsten Sinn des Wortes "Ansichtssache". Der Schweizer Grafiker Otmar Bucher demonstriert auf seiner reich bebilderten Reise durch die Tiefen der Wahrnehmung, wie das Gehirn die Realität aus persönlich gefärbten Interpretationen von Sinneseindrücken konstruiert – und dass es uns dabei öfter narrt, als wir uns eingestehen wollen. Eine anregende Lektüre und ein vergnüglicher Erlebnisparcours fürs Auge!

5. Denken ist nicht nur Kopfsache,
und das ist gut so, findet Jonah Lehrer in "Wie wir entscheiden: Das erfolgreiche Zusammenspiel von Kopf und Bauch" (Piper, 2009).

Welche Rolle spielt das Stirnhirn bei der Wahl eines Möbelstücks? Der Neurowissenschaftler Jonah Lehrer verwebt in diesem Buch neue Erkenntnisse seines Fachs mit den kniffligen und oft folgenschweren Entscheidungen, die beispielsweise Piloten oder Anlageberater im beruflichen Alltag treffen. In seinem Resümee gibt der Autor Tipps, wie wir das Zusammenspiel von Vernunft und Intuition optimieren können: Gerade in komplexen Angelegenheiten solle man sich demnach lieber auf das Bauchgefühl verlassen! G&G-Rezensentin Sabrina Boll vom Institut für systemische Neurowissenschaften am Hamburger Uniklinikum ist begeistert: Jonah Lehrer holt die Hirnforschung aus dem Labor in den Alltag und setzt die Einzelbefunde kunstvoll zu einem Gesamtbild zusammen.

6. Warum das Gedächtnis ein begnadeter Geschichtenerzähler ist,
erläutert Sue Halpern in "Memory! Neues über unser Gedächtnis" (DTV, 2009).

Die Wissenschaftsjournalistin Sue Halpern führt den Leser durch Forschungslabore und verknüpft dabei breite Fachkenntnisse mit Erfahrungsberichten und amüsanten Anekdoten. Nachdem sie die Funktionsweise des gesunden Gehirns erläutert hat, widmet sich die Autorin seinen Erkrankungen, vor allem der Demenz. Doch auch das gesunde menschliche Gedächtnis sei weniger zuverlässig, als man gemeinhin glaube: Jeder dritte Augenzeuge erinnere sich nach einem Unfall an falsche Details – und glaube dabei felsenfest an seine Aussage. Das Gedächtnis sei eben ein begnadeter Geschichtenerzähler. Das Fazit von G&G-Rezensentin Katja Schwab: Wer etwas über das Gedächtnis lernen und nicht so schnell wieder vergessen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

7. Einen Instinkt für Sprache
beweist Ruth Berger in "Warum der Mensch spricht: Eine Naturgeschichte der Sprache" (Eichborn, 2008) gleich im doppelten Sinn.

Zum einen brilliert die Sprachwissenschaftlerin mit ihrem eleganten und präzisen Stil; zum anderen belegt sie ihre These vom genetisch programmierten Sprachinstinkt, der Kinder biologisch auf Kommunikation einstellt. Berger durchstreift dafür die Evolution der menschlichen Kommunikation und revidiert historische Irrtümer mit so bestechender Gründlichkeit und logischer Stringenz, dass der Leser jeder weiteren Theorie mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnet. Wissenschaftsgeschichte verständlich, spannend und anspruchsvoll erzählt – nach dieser Lektüre ist auch der Leser von Kopf bis Fuß auf Sprache eingestellt.

8. Ein großes Buch über kleine Unterschiede
bietet Lise Eliot mit "Wie verschieden sind sie? Die Gehirnentwicklung bei Mädchen und Jungen" (Berlin Verlag, 2010).

Von wegen rosa und himmelblau! Lise Eliot, Neurobiologin an der Chicago Medical School in Illinois (USA), nimmt die Entwicklung von Kindern unter die Lupe: Welche Unterschiede sind naturgegeben und welche eher der Erziehung und Gesellschaft geschuldet? Beim Heranreifen des Embryos im Mutterleib hinterlassen Sexualhormone ihre Spuren. Doch später prägen vor allem die Umwelt und das Elternhaus den Nachwuchs. Eliots Kredo: Unterschiede in den Denkorganen von Männlein und Weiblein sind zwar von Anfang an gegeben, fallen häufig aber so marginal aus, dass sie geschlechtsspezifische Stereotype nicht rechtfertigen. Anstatt die Unterschiede mit Vorurteilen zu festigen, sollten die Eltern etwaige Defizite ausgleichen. Eine gehaltvolle Lektüre, die nicht nur Mütter, Väter und Pädagogen bereichert.

9. Die fünf Dimensionen der Persönlichkeit
erklärt und analysiert Thomas Saum-Aldehoff in "Big Five: Sich selbst und andere erkennen von Thomas Saum-Aldehoff" (Patmos, 2007).

Was braucht es, um das Spektrum menschlicher Eigenarten zu erklären? Fünf Faktoren, so die Standardantwort der Psychologie. Das Modell der Big Five, ein Gemeinschaftsprodukt etlicher Forscher, gilt als eine Art Weltformel der menschlichen Persönlichkeit: Die Eigenschaften Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen sollen alle Variationen des menschlichen Charakters erklären. Zunächst gibt der Psychologe Thomas Saum-Aldehoff einen kurzweiligen Überblick über die Geschichte der Persönlichkeitsforschung, dann skizziert er die Big Five und ihre Bedeutung für unseren Alltag. Ob frühkindliche Neugier oder Alkoholkonsum im Erwachsenenalter – der Autor begründet empirisch fundiert, wie sie mit den Big Five zusammenhängen. Im Anhang kann der Leser einen Fragebogen ausfüllen und sein persönliches Profil errechnen. Rundum kompetent und mit viel Lesespaß präsentiert!

10. Eine lehrreiche Lektion in Sozialpsychologie
erteilt Jens Förster in "Kleine Einführung in das Schubladendenken. Über Nutzen und Nachteil des Vorurteils" (Deutsche Verlags-Anstalt, 2007).

Im Alltag sind vorgefertigte Urteile oft nützlich: Das Schubladendenken reduziert die Informationsfülle, erleichtert Entscheidungen und hilft uns, die Welt zu deuten, schreibt der Bremer Sozialpsychologe Jens Förster. Während ein Stereotyp lediglich emotional neutrales Pseudowissen beinhaltet, sind Vorurteile mit Gefühlen beladen und begünstigen Diskriminierungen. Tabus helfen da wenig, sagt Förster – man könne damit sogar einen Bumerangeffekt auslösen, weil die Unterdrückung von Stereotypen diese mehr denn je aktiviere. Der Autor präsentiert Experimente und Einsichten in das menschliche Schubladendenken in einer ganz und gar unprofessoralen Art, findet G&G-Rezensent Alexander Kluy: "leichthändig, ohne oberflächlich zu sein, ungezwungen und sehr persönlich".

Weitere Bücher zu den Grundlagen der Psychologie finden Sie im Science Shop

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