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Urinier-Psychologie: Warum muss man Pipi, wenn man Wasser plätschern hört?

Es ist schon merkwürdig. Hört man Wasser plätschern, rauschen oder tropfen, verspürt man auf einmal ein dringendes Bedürfnis. Warum? Nun ja, für dieses Phänomen gibt es keine Erklärung, die wissenschaftlich belegt ist - aber drei plausible Vermutungen.
Manneken Pis Brunnenstatue in BrüsselLaden...

Zwar wissen wir nicht sicher, warum man aufs Klo muss, wenn man Wasser fließen hört. Niemand bezweifelt aber, dass das Phänomen existiert. 1974 wurde zum Beispiel in der medizinischen Fachzeitschrift »The New England Journal of Medicine« ein Artikel abgedruckt, in dem ein Arzt über die Erfolge des »Audio-Katheters« schreibt: Prostata-Patienten, die nach einer OP Schwierigkeiten hatten, Wasser zu lassen, spielte man Wassergeräusche vom Tonband vor. Und siehe da: Spätestens nach einer halben Stunde Hörgenuss hatten sich 60 von 80 Patienten erleichtert. Eine ganz ähnliche Studie hat man 2015 durchgeführt, statt vom Tonband kamen die Wassergeräusche diesmal allerdings vom Smartphone. Die Wirkung blieb dieselbe.

Pavlov lässt grüßen …

Aber wieso muss man nun pieseln, wenn man Wasser fließen hört? An diesem Phänomen könnte eine Art Konditionierung schuld sein. Ob tröpfelnder Wasserhahn, rauschender Bergbach oder plätschernder Zimmerspringbrunnen – all dies klingt nach dem, was wir beim Wasserlassen hören. Unser Gehirn hat die Handlung (Pinkeln) und das Geräusch (Plätschern) von klein auf miteinander verknüpft, besagt diese Theorie. Und weiter: Hören wir das eine, erinnern wir uns unbewusst an das andere. Das Resultat: Wir müssen auf einmal dringend für kleine Hasen. Und das von klein auf: Ganze Generationen von Kindern hat man nach dem Prinzip »auf den Topf und Wasserhahn auf« trainiert und von der Windel entwöhnt.

Dauerpinkler mit Kultstatus
Die kleine Brunnenfigur Manneken Pis strullert seit 1619 in Brüssel. Das beruhigende Geplätscher wurde schon so einigen seiner Fans zum Verhängnis, denn in der Innenstadt gibt nur eine einzige öffentliche Toilette.

… Darwin auch

Doch: Was war zuerst da – Henne oder Ei? Vielleicht steckt des Pudels Kern aber auch in einer im weitesten Sinne evolutionsbiologischen Begründung: Um zu überleben, mussten sich unsere Vorfahren vor allerlei Feinden hüten. Dafür galt es, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Wegen seines penetranten Geruchs war Urin eine Art von Hinterlassenschaft, die es tunlichst zu vermeiden galt, wollte man besagte Feinde nicht auf die eigene Fährte locken. Also erleichterten sich unsere gewieften Ahnen möglichst in Flüsse, Bäche oder eben dann, wenn es regnete. Die unterbewusste Assoziation von Wasserlassen und rauschendem Wasser könnte also ein evolutionäres Relikt sein, das unseren Vorfahren das Überleben sicherte.

Erst entspannt, dann erleichtert

Ein weiterer Erklärungsansatz wird neurologisch: Wassergeräusche wirken entspannend, stimulieren dadurch den Parasympathikus und verursachen deshalb Harndrang. Aber der Reihe nach: Wir können die Muskulatur unserer Blase nicht bewusst steuern, zumindest den überwiegenden Teil davon nicht. Stattdessen wird die Blasenmuskulatur vom vegetativen Nervensystem kontrolliert. Dabei sorgt der Parasympathikus für eine Anspannung der Muskulatur: Die Blase zieht sich zusammen, wir verspüren Harndrang. Der Sympathikus hat die gegenteilige Wirkung. Seinetwegen entspannt die Muskulatur, so dass die Blase erschlafft und Urin sammeln kann.

Haben wir Stress, hat der Sympathikus die Oberhand. Logisch, denn wenn wir flüchten oder kämpfen müssen, haben wir keine Zeit für anderweitig dringende Bedürfnisse. Sind wir entspannt, regiert der Parasympathikus und wir können den Dingen wortwörtlich freien Lauf lassen. Und egal ob Meeresrauschen oder Rasensprinkler: Wassergeräusche jedweder Art sollen entspannend wirken und könnten dadurch den Parasympathikus verstärken, der wiederum für Harndrang sorgt.

Gleichberechtigung in Sachen Urinieren
Inzwischen pieselt Manneken Pis nicht mehr allein in den Straßen Brüssels. Seit 1987 leistet ihm sein weibliches Pendant Jeanneke Pis Gesellschaft – in einer deutlich unbequemeren Position. Hut ab!

Damit wir aber Drang verspüren können, muss die Blase auch zu einem gewissen Teil gefüllt sein. Unsere Harnblase kann bis zu 600 Milliliter Urin fassen und ist mit Druckrezeptoren ausgestattet, die ihren Füllstand überwachen. Ab etwa 200 Milliliter geben die Rezeptoren Impulse an das Gehirn und das vegetative Nervensystem einen Befehl an die Blasenmuskulatur: Die Blase zieht sich zusammen, wir verspüren Harndrang.

Der, und das kennen wir wirklich alle, kommt oft just zum falschen Zeitpunkt. Manchmal gerade dann, wenn man so gar nicht entspannt ist. Umso besser, dass wir mitbestimmen können, wann wir uns erleichtern.

Pss, Pss
Manchmal kommen einem ja in den merkwürdigsten Situationen die besten Ideen. Der Chansonsänger Maurice Chevalier war vom Manneken Pis so inspiriert, dass er ihm ein ganzes Lied widmete. Unbedingt den lautmalerischen Refrain abwarten!

An der Miktion – der Entleerung der Blase – sind nämlich zwei Muskelringe, Sphinkter genannt, beteiligt. Einer dieser Schließmuskeln befindet sich am oberen Ende der Harnröhre, gleich unterhalb der Blase. Er wird unwillkürlich gesteuert, genauso wie der Muskel namens Musculus detrusor vesicae, der »Austreiber der Harnblase«. Der Parasympathikus bewirkt, dass der Detrusor-Muskel anspannt und der obere Sphinkter sich öffnet – ob wir wollen oder nicht. Anders verhält es sich mit dem zweiten Ringmuskel, der die Harnröhre am unteren Ende verschließt: Den können wir bewusst steuern, und dank ihm können wir bestimmen, wann wir uns erleichtern. Wassergeräusche hin oder her!

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