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Zeitsprünge: Kleine Geschichte der Lügensteine oder wie wunderlich Forschung war

Im 18. Jahrhundert entdeckte man bei Würzburg skurrile Fossilien: kopulierende Frösche, Spinnen, Kometen. Alle Stücke seien natürlich entstanden, schrieb damals der Gelehrte Johann Beringer, obwohl er einen Betrug witterte.
Kopulierende Frösche auf einem »Lügenstein« (Gipsabguss)Laden...

Johann Beringer war begeistert. Der Naturforscher und Medizinprofessor sah die angeblichen Fossilfunde erstmals im Mai 1725. Studenten zeigten ihm die außergewöhnlichen Stücke. Daraufhin besuchte Beringer den Fundort, einen Weinberg in der Nähe von Würzburg. Ganz Forscher wollte er wissen, ob es noch mehr von den besonderen Steinen gab. Also heuerte er die Studenten an, um nach weiteren zu graben.

Und die jungen Männer fanden jede Menge ungewöhnlicher Stücke aus mainfränkischem Muschelkalk – »Figurensteine«, wie sie damals genannt wurden. Spinnen, die noch in ihrem Netz sitzen, Kometen mit Schweif, Sonnen mit menschlichen Gesichtern und sogar Platten mit hebräischen Schriftzeichen. Bei den handtellergroßen Steinen handelt es sich um keine Versteinerungen, sondern Reliefarbeiten. Teilweise zeigen sie nicht einmal Skelette, sondern die Tiere in ihrer lebendigen Form, darunter kopulierende Frösche, vollständige Schmetterlinge, Fische mit Schuppen oder gefiederte Vögel. Das heutige Urteil ist klar: plumpe Fälschungen, die kein Forscher je ernst nehmen würde. Aber! Wir befinden uns im 18. Jahrhundert. Die Lehre der Fossilisation steckte noch in den Kinderschuhen. Ebenso stand die Paläontologie als Wissenschaftsdisziplin noch ganz am Anfang.

Ein Jahr nachdem Beringer (1667-1738) die ersten »Figurensteine« erhalten hatte, publizierte er im Mai 1726 seine Ergebnisse. Unter dem Titel »Lithographiae Wirceburgensis« (Wer das Original lesen möchte, hier entlang.) erschien ein Buch, in dem auf 21 Kupferstichtafeln insgesamt 204 Funde abgebildet sind. Eine exakte Erklärung, wie die Figuren entstanden seien, lieferte Beringer nicht. Er vertrat aber die These der »vis plastica«. Der lateinische Begriff bedeutet in etwa »Bildungskraft« und geht unter anderem auf den Gelehrten Avicenna aus dem 10. und 11. Jahrhundert zurück. Der persische Arzt ging davon aus, dass alle natürlich vorkommenden Lebensformen als plastische Modelle in Stein vorgeformt waren. Beringer hielt die Funde also nicht für versteinerte Tiere und Pflanzen, sondern für Naturprodukte.

Gefälschtes FossilLaden...
Gefälschtes Fossil eines ... | ... Hühnergerippes? Man weiß es nicht. Sicher ist aber, dass es sich um den Abguss eines Würzburger Lügensteins handelt.

Betrüger oder Betrogener?

Offenbar hatte Beringer aber Zweifel, ob es sich bei den Steinen nicht doch um Fälschungen handeln könnte. In seinem Buch heißt es, kurz vor Fertigstellung des Werks habe er Gerüchte gehört, dass die Steine von Menschenhand behauen seien. Anlass waren wohl die jungen Männer, denen Beringer die Steine abgekauft hatte. Sie waren verhört worden. Auch scheinen Gelehrtenkollegen Kritik an Beringers Deutung der Fundstücke geübt zu haben. Hatte der Würzburger Forscher die Zweifel geflissentlich ignoriert?

Der Gedanke, dass alle Steine vielleicht nur Fälschungen sind, könnte ihm schon bei der Analyse der Funde gekommen sein – denn an anderer Stelle in seinem Buch wundert sich Beringer, dass die abgebildeten Gestalten stilistisch dem Oeuvre eines gewissen Bildhauers verblüffend ähneln würden. Hätte Beringer die Fälschungen also erkennen müssen? Oder hat er sie erkannt und nicht reagiert – war er also nicht der Betrogene, sondern der Betrüger?

Die genauen Umstände, wie die »Lügensteine« schließlich aufflogen, sind nicht bekannt – auch nicht, wer die Steine hergestellt hat. Die bizarre Episode der Forschungsgeschichte gelangte aber zu einer gewissen Berühmtheit: In späteren Lehrbüchern der Geologie und Paläontologie gerierte sie zum illustren Wissenschaftsschwank, der immer wieder diverse Ausschmückungen erfuhr. Daher existieren mehrere Theorien und vor allem viele Ungereimtheiten über die Herkunft der Steine, die sich wohl nie gänzlich klären lassen.

»Lithographiae Wirceburgensis«Laden...
»Lithographiae Wirceburgensis« | Abbildungen der »Würzburger Figurensteine« im Werk von Johann Beringer, das mit ganzem Titel »Lithographiae Wirceburgensis, Ducentis Lapidum Figuratorum, A Potiori Insectiformium, Prodigiosis Imaginibus Exornatae Specimen Primum« heißt.

Die Fossilienfälschungen machen Karriere

Seit der »Entdeckung« der Steine kursierten wohl schon diverse Gerüchte. Eines lautete, zwei von Beringers Kollegen hätten den Betrug angezettelt: Der Mathematiker Ignatz Roderique und der Hof- und Universitätsbibliothekar Johann Georg von Eckhart sollen Studenten dafür bezahlt haben, die Fälschungen aus dem lokalen Kalkstein herzustellen und sie an Beringer zu verkaufen. Ans Licht kam die Sache angeblich, weil auf einem Stein Beringers Name zu lesen war. Diese Geschichte stimmt aber sehr wahrscheinlich nicht. Ein solcher Stein ist zumindest nie aufgetaucht. Hinzu kommen weitere Ungereimtheiten: Roderique kam nach Würzburg, als Beringer schon die ersten gefälschten Fossilien erhalten hatte. Damit ist es unwahrscheinlich, dass er die »Figurensteine« in Auftrag gab.

Beringer blieb zwar nach der Fälschungsgeschichte wissenschaftlich aktiv und schrieb noch mehrere Bücher. Doch bis zu seinem Tod im Jahr 1738 machte er einen großen Bogen um geowissenschaftliche Themen.

Und obwohl die Würzburger Figurensteine Fälschungen sind, haben sie eine steile Karriere hingelegt. Heute sind dutzende Stücke in verschiedenen Museen und Sammlungen zu besichtigen und erfreuen sich großer Beliebtheit – manch einer vermutet, dass es inzwischen auch Fälschungen von den Fälschungen gibt. Insgesamt 434 Steine sind bekannt, aber vermutlich waren einst mehr als doppelt so viele hergestellt worden.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche eine Geschichte aus der Geschichte auf ihrem Podcast »Zeitsprung«. Auch auf »Spektrum.de« blicken sie mit ihrer Kolumne in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.
Alle bisherigen Artikel der »Zeitsprünge« gibt es hier.

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