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Springers Einwürfe: Umweltpolitik ohne China?

Westliche Industriestaaten möchten die Verflechtung mit China einschränken. Das erschwert den Weg zu einer ökologisch angepassten Weltwirtschaft.
Fabrik in Schanghai

Binnen weniger Jahrzehnte hat sich das alte Reich der Mitte von einem bettelarmen Land der Dritten Welt zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht hochgearbeitet. Das gelang mit einer historisch einmaligen Mixtur von politischem Zen­tralismus und liberaler Marktwirtschaft. Jetzt stößt das paradoxe Erfolgsmodell an seine Grenzen. Zum einen zieht das Regime im Innern die Zügel an, zum anderen kursiert in den klassischen Industrie­ländern die Sorge, ihnen wachse da ein eher undurchsichtiger Konkurrent über den Kopf.

Unter Donald Trump begannen die USA, den Handel mit China durch Zölle zu bremsen und Embargos gegen Firmen wie Huawei zu verhängen. Außerdem stellte eine so genannte China-Initiative des Justizministeriums jede wissenschaftliche Kooperation zwischen chinesischen und US-amerikanischen Personen unter Spionageverdacht. Dieser Unfug wurde erst unter Joe Biden beendet, nachdem die Fachwelt heftig protestiert hatte und mehrere fälschlich angeklagte Forscher freigesprochen werden mussten.

Dennoch ist der vormals ansehnliche Prozentsatz von Artikeln mit gemischter US-chinesischer Autorschaft deutlich gesunken. Angesichts dessen warnt die britische Fachzeitschrift Nature in einem Editorial davor, die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit China aufs Spiel zu setzen – und zwar nicht nur in der Grundlagenforschung, sondern auch hinsichtlich Seuchenbekämpfung, Artensterben und Klimawandel.

Welche Konsequenzen hätte eine Abnabelung des Westens von China für den Übergang zu einer kohlenstofffreien Weltwirtschaft? Das hat ein Team um den Politologen Michael R. Davidson von der University of California in San Diego untersucht.

Nach Einschätzung der US-Gruppe wären die Folgen beträchtlich. Gegenwärtig produziert China drei Viertel des weltweiten Bedarfs an Lithium-­Ionen-Batterien, zwei Drittel der Solarzellen sowie einen erheblichen Anteil der Bauteile für Windkraftanlagen. Der Handel mit diesen »grünen« Technik­komponenten ist derzeit international so intensiv verflochten, dass eine echte Entkopplung kaum durchführbar wäre – oder nur, wenn man dafür enorme Investitionen in den zähen Aufbau nationaler Ersatzindustrien in Kauf nähme und entsprechend höhere Produktpreise.

Damit stiege aber die relative Attraktivität der fossilen Energieträger, von denen man doch loskommen möchte. Das wiederum träfe vor allem die Entwicklungsländer, die, um ihre Klimaziele zu erreichen, besonders auf erschwingliche Umwelttechnik angewiesen sind.

Die Autorinnen und Autoren der Studie wägen die Nachteile einer Distanzierung von China gegen das Risiko ab, einem mächtigen Staat, dessen Innen- und Außenpolitik internationale Konflikte heraufbeschwört, wirtschaftlich allzu ausgeliefert zu sein. In puncto Energieabhängigkeit sind grüne Technologien allerdings besonders vorteilhaft, da sie das eigene Land von fossilen Importen ja gerade befreien. Ein Problem bereitet hingegen der Schutz geistigen Eigentums vor Wirtschaftsspionage und Patentverletzungen. Das fällt bei Batterien und Fotovoltaik weniger ins Gewicht als bei der Entwicklung von »grünem Stahl«. Gewiss lohnt es, diese Zukunftstechnologie, bei deren Entwicklung USA und EU eng zusammenarbeiten wollen, vor neugierigen Augen zu schützen.

Angesichts der Spannungen zwischen China und der westlichen Welt drängt sich manchem Beobachter der Vergleich mit dem Kalten Krieg auf. Doch zu Zeiten der Sowjetunion bestand eine ungleich geringere Verflechtung der Weltwirtschaft, und Klimawandel war kein Thema. Heute käme die Abkopplung von China einer schmerzhaften Amputation mit ungewissem Ausgang gleich.

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