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Hirschhausens Hirnschmalz: Wie affig

Von den Tücken der »Hackordnung« im OP und warum gemischte Medizinerteams harmonischer operieren.
Dr. Eckart von Hirschhausen

Als Student musste ich mir im Operationssaal noch Sprüche anhören wie: »Was ist die Aufgabe des Assistenten? Haken halten, Fresse halten.« Die Chirurgie war immer schon berüchtigt für ihre rauen Umgangsformen und einen eher derben Humor. Kein Wunder, denn zum einen hat diese Zunft ihr Handwerk historisch auf dem Schlachtfeld entwickelt, und bis heute spielen sich hier auch in friedlichen Zeiten häufig ziemlich große Dramen des Lebens ab.

Auf Englisch heißt der OP übrigens »operating theatre«. Der Bauchraum als Bühne, samt Scheinwerferlicht, Blut, Schweiß und Tränen – meistens nicht von derselben Person. Chirurgen gelten nicht umsonst einerseits als strahlende, wortkarge Helden, andererseits als Blender und Aufschneider, Letzteres im wahrsten Sinne. Höchste Zeit also, sich den Verhaltensmustern im Krankenhaus mit dem Blick eines Primatenforschers zu nähern. Niemand Geringeres als der vielfach ausgezeichnete Frans de Waal und ein Team von US-Wissenschaftlern haben für eine Studie über das Verhalten von OP-Teams nun Methoden aus der Konfliktforschung an Affen eingesetzt. Schließlich werden gerade unter Stress die höheren Zentren der Kognition zu Gunsten primitiverer Reaktionen vernachlässigt. De Waal hatte zuvor bereits die Drohgebärden von Politikern analysiert – daher war das Chefgehabe der Chirurgen eigentlich nur einen Skalpellwurf entfernt. Und statt mit den üblichen Fragebogen wurde klassisch ethologisch gearbeitet, mit teilnehmenden Beobachtern im Feldversuch.

Erstes Ergebnis: Es gibt im OP neben all der technischen auch jede Menge allzu menschliche Kommunikation. Die Leute tanzen, singen, plaudern, flirten, immerhin ohne direkte Fortpflanzungsakte. Überhaupt, die Geschlechter! Gab es einen Alpha-Mann als Chef und waren die meisten Leute im Saal ebenfalls männlich, so verzeichneten die Forscher mehr Konflikte und weniger Kooperation. Aber auch wenn eine Chirurgin mit einer überwiegend weiblichen Entourage zu Gange war, litt die Zusammenarbeit. Am besten harmonierten gemischte Teams, die gut eingespielt und stabil waren. Warum? Je mehr Menschen des gleichen Geschlechts um ihren Rang kämpfen, desto mehr sinkt die Solidarität. Dagegen bringen Frauen offenbar die weichen Seiten in den harten Kerlen zum Schwingen, egal ob als Chefin oder Schwester.

»Darf ich Ihnen den Bauchraum offenhalten?« – das hat schon was von einem Kavalier alter Schule. Eigentlich nicht so überraschend. Überraschend ist nur, warum man erst allmählich beginnt, das ernst zu nehmen. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, wie viel Ablenkung bis hin zu tödlichen Fehlern durch Imponiergehabe und daraus resultierenden Stress entsteht.

Ein anderer unterschätzter Risikofaktor ist die Zeit. Je länger man sich bei komplizierten Eingriffen die Beine in den Bauch steht – wobei der Bauch ja nicht voller wird, im Gegensatz zur Blase –, desto eher rastet mal einer aus. Was sagt uns das? Mischt euch und macht mal Pause! Denn Menschen sind oft auch bloß Affen. Und wenn wir eine humane Humanmedizin wollen, sollte man sich nicht scheuen, Affenforscher zu Rate zu ziehen. Oder bricht da wem ein Zacken aus der Krone der Schöpfung?

12/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 12/2018

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