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Vince Ebert extrapoliert: Was wäre, wenn wir mit Tesafilm den Radiologen ersetzen könnten?

Physiker können sich schon an kleinen, ganz alltäglichen Dingen erfreuen. Zum Beispiel beim Öffnen ihrer Post, kommentiert Wissenschaftskabarettist Vince Ebert.
Der Kabarettist Vince EbertLaden...

Wenn ich es bei mir zu Hause mal richtig krachen lassen will, trinke ich zwei, drei Clausthaler und besorge mir ein paar selbstklebende Briefumschläge. Dann verdunkle ich mein Zimmer und ziehe die gummierten Klebeseiten ruckartig auseinander. Wunderschöne, blaue Lichtblitze werden sichtbar. Tja, manchmal bin ich eben ein ganz schöner Aufreißer.

Bei den beobachteten Funken handelt es sich um echte Miniblitze: elektrische Entladungen, mit denen man sogar ganze Rundfunkübertragungen stören kann. Reißt man nämlich einen solchen Briefumschlag neben der Antenne eines Mittelwellenradios auf, verursachen die Blitze ein Knacken im Lautsprecher. Ähnlich, wie das auch während eines Gewitters passiert. Wer hätte das gedacht? Ein popeliger Briefumschlag ist sozusagen Stroboskop und Störsender in einem!

Was hier passiert, ist eine komplexe physikalische Kettenreaktion. Zunächst einmal werden beim Auseinanderziehen der gummierten Klebestreifen positive und negative Ladungen voneinander getrennt. Eine solche elektrostatische Aufladung kennt jeder, der beim Reiben an einem Acryl-Pulli schon mal eine gewischt bekommen hat. Und damit meine ich nicht die Ohrfeige von der im Pulli steckenden Person.

Kurzfristig ist also der eine Teil des Klebebands negativ geladen, der andere positiv. Und das setzt die gesamte Situation ordentlich unter Spannung. Die überschüssigen Elektronen auf der negativ geladenen Klebeseite sagen sich: ab durch die Mitte, Spannung ausgleichen! Also sausen sie von einer Klebeseite zur anderen, und auf diesem kurzen Weg passiert etwas, was fast unmöglich klingt: In dem schmalen Abstand zwischen den beiden Streifen wird die Luft für kurze Zeit ionisiert: Die beschleunigten Elektronen kollidieren mit den Luftteilchen und schlagen dabei einzelne Elektronen aus den Molekülen heraus. Zurück bleiben positiv geladene Kerne. Es entsteht also nichts Geringeres als ein so genannter Plasmazustand, ein Gemisch aus freien Ladungsträgern. Genau derselbe Zustand, in dem sich fast die gesamte leuchtende Materie in unserem Universum befindet: ein Plasma – neben gasförmig, flüssig und fest der vierte Aggregatzustand! Das, wovon schon die griechischen Philosophen immer schwärmten! Und Sie können es erzeugen. Zu Hause auf Ihrem Schreibtisch.

Das, was also zwischen Ihrem Briefumschlag funkt, ist nicht der Klebstoff, der leuchtet, sondern die ionisierte Luft. Die freien Elektronen rekombinieren mit den positiven Ionen der Luft. Dabei wird das typisch bläuliche Licht abgestrahlt.

Einen ganz ähnlichen Effekt können Sie übrigens erreichen, wenn Sie mit einer Kombizange einen Zuckerwürfel zerdrücken. Auch hier werden durch das Zerstoßen der Zuckerkristalle elektrische Ladungen getrennt, die beim erneuten Zusammenkommen Funken schlagen.

Und sollten Sie in Ihrem Hobbykeller zufälligerweise eine Vakuumkammer installiert haben, können Sie zusammen mit einem weiteren Büroartikel sogar noch eindrucksvollere Strahlung erzeugen: Nehmen Sie eine Rolle Tesafilm, bauen Sie ein Vakuum auf, und rollen Sie dann das Klebeband mit einer Geschwindigkeit von mindestens drei Zentimetern pro Sekunde ab. Das jedenfalls haben Forscher der University of California in Los Angeles getan. Zusätzlich zu den schon bekannten blauen Lichtblitzen konnten sie dabei frei werdende Röntgenstrahlung beobachten! Dies ist anscheinend möglich, weil die frei werdenden Elektronen auf Grund des Vakuums auf eine höhere Geschwindigkeit beschleunigen und damit hochenergetische Strahlung freisetzen können. Wenn Ihr Sohn also das nächste Mal mit Verdacht auf Knochenbruch vom Fußballspielen kommt, können Sie sich unter Umständen den Gang zum Radiologen sparen. Eine Rolle Tesafilm und ein Vakuum reichen zur Diagnose.

Ist es nicht faszinierend, mit welch banalen Mitteln man die spektakulärsten physikalischen Effekte erzeugen kann? Um zum Beispiel die aus der Sciencefiction-Serie »Star Trek« bekannten ominösen Wurmlöcher zu erzeugen, benötigen Sie keine exotische Materie mit negativer Energiedichte, wie das einige theoretische Physiker mit komplizierter Mathematik berechnet haben. Ein hölzernes Frühstücksbrettchen und ein handelsüblicher Kurbelbohrer reichen vollkommen aus.

Mehr physikalische Besonderheiten gibt es in Vince Eberts aktuellem Programm »Zukunft is the Future«. Tickets und mehr unter www.vince-ebert.de

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