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Warkus' Welt: Wein oder nicht Wein?

Sprache ist nicht nur ein Mittel, um die Welt zu beschreiben, sondern auch ein Werkzeug, um sie zu verändern. Das zeigt zum Beispiel die Frage, wer den Wein zum Weihnachtsessen mitbringt.
Rotwein und Weißwein werden aus der Flasche ins Glas eingeschenkt. Laden...

Am Dienstag war ich zu einem Gänseessen eingeladen. Der Gastgeber hat mich zwei Tage vorher gefragt, ob ich mich um den Wein kümmern könnte, und ich habe Ja gesagt.

Wer auf eine Frage mit Ja antwortet, bestätigt nach landläufiger Meinung, dass er oder sie den in der Frage enthaltenen Satz für wahr hält. Wie in meiner letzten Kolumne beschrieben, könnte damit beispielsweise gemeint sein, dass dieser Satz, wenn man ihn in eine standardisierte Behauptungsform (zum Beispiel "S ist P") bringt, die Tatsache, ein bestimmter Gegenstand draußen in der Welt verfüge über eine bestimmte Eigenschaft, korrekt beschreibt. Wenn das so ist, könnte mein Ja bedeutet haben: Es gibt eine Person namens Matthias Warkus, und sie hat die Eigenschaft, diejenige zu sein, die am 19.12. den Wein kauft.

Nun ist "am 19.12. Wein kaufen" allerdings eine ganz seltsame Eigenschaft für einen Menschen – zumindest, solange der 19.12. noch nicht vorbei ist. Wenn mir vor dem Supermarkt mein Portmonee gestohlen wird, mich ein Bus überfährt oder ich es mir aus irgendwelchen Gründen in letzter Minute anders überlege und die anderen auf dem Trockenen sitzen lassen möchte, werde ich eben keinen Wein kaufen. Damit wird der Satz "Matthias Warkus ist der, der am 19.12. den Wein kauft" plötzlich unwahr.

Vielleicht ist ein solcher Satz also eher eine Prognose? Vielleicht bedeutet er nur so viel wie "Matthias Warkus ist wahrscheinlich der, der am 19.12. den Wein kauft". Damit fehlt aber die entscheidende Komponente – ich bin ja eben nicht nur eine Person, die es an sich hat, wahrscheinlich Wein mitzubringen. Das kann ich auch ohne vorherige Absprache tun. Es könnte zum Beispiel sein, dass ich derartig zuverlässig die Angewohnheit habe, zu festlichen Anlässen eine Kiste Wein mitzubringen, dass man gut damit rechnen kann. Aber man rechnet nicht bloß damit: Ich habe es versprochen. Ich muss es tun. Ich kann es sogar versprochen haben, obwohl kein Mensch damit rechnet: weil ich völlig pleite bin und nicht einmal einen Karton Wein von der Tankstelle bezahlen kann.

Auf manche Fragen gibt es keine falschen Antworten

Ich hätte auf die Frage allerdings auch mit Nein antworten können. Dann wäre ich nicht der, der den Wein kauft – auch ein wahrer Satz. Merkwürdige Frage, die immer wahrheitsgemäß beantwortet ist, ganz gleich, ob man Ja oder Nein sagt!

Dasselbe gilt übrigens für "Willst du mich heiraten?", "Noch ein Bier?" oder "Gehen wir ins Kino?". Es gibt Fragen, die man mit Ja ebenso gut beantworten kann wie mit Nein, so dass die Antwort in beiden Fällen etwas unzweifelhaft Richtiges über die Gegenwart aussagt (dass ich Wein mitbringen soll oder eben nicht), aber auch etwas über die Zukunft, was vielleicht richtig ist und vielleicht falsch (dass ich wirklich den Wein mitbringe). Dies hat wiederum damit zu tun, ob in der Frage die befragte Person selbst eine Rolle spielt. Jede andere Person kann eben nicht beliebig darauf antworten, ob ich den Wein kaufe oder nicht. Ihre Antwort muss mit meiner übereinstimmen, und habe ich noch keine gegeben, dann kann jemand anderes die Frage überhaupt nicht richtig beantworten.

Falls wir bisher also noch geglaubt haben, dass Sprechen letztlich bedeutet, richtige oder falsche Sätze darüber zu sagen, wie die Welt beschaffen ist, dann dürfte diese Vorstellung allmählich ins Wanken geraten. Es scheint nämlich so, dass ich durch bestimmte Antworten auf bestimmte Fragen die Beschaffenheit der Welt nicht beschreibe, sondern sie ändere.

John Langshaw Austin (1911–1960) und seinem Schüler John Searle zufolge – zwei der wichtigsten Sprachphilosophen der vergangenen 100 Jahre – ist mein Ja auf die Frage, ob ich den Wein kaufe, ein so genannter performativer Sprechakt. Das Ja bekräftigt nicht, dass ich eine bestimmte Darstellung der Welt für richtig halte; es ist ein Handeln, es greift in die Welt ein.

Damit ist Sprache nicht nur ein Mittel, um die Welt zu beschreiben, sondern auch ein Werkzeug, um sie zu verändern. Letztlich ist dies das Hauptgeschäft von Verwaltung und Gerichten. Sätze wie "Der Angeklagte ist schuldig des Totschlags" oder "Die Höhe der Nachzahlung beträgt 17 364 Euro" beschreiben keine Tatsachen, sondern erzeugen sie. Große Teile des menschlichen Lebens bestehen darin, auf sprachlichem Weg die Wirklichkeit zu verändern oder dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Höchstwahrscheinlich ist das auch etwas, was Menschen grundlegend von Tieren unterscheidet.

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