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Futur III: The Real Deal

Investition in die Zukunft. Eine Kurzgeschichte aus der Reihe Futur III von Kris Brynn
Entwerfen der perfekten Person

»Meinen Sie nicht, das ist vorschnell? Die Auswahl ist groß, und ich habe noch längst nicht alle Fotos angeschaut.«

Die Beraterin lächelt nachsichtig. »Real Deal« ist erst seit Kurzem ihr Arbeitgeber, und doch weiß sie aus Erfahrung in ihrem neuen Job, dass diese Frage bei jedem Gespräch auftaucht. »Es ist natürlich Ihre Entscheidung, Herr Richter. Laut Ihrem Antrag möchten Sie jedoch Ihren sozialen Status weiter aufwerten. Sie haben das Geld, den nötigen wirtschaftlichen Background; und die Person, mit der Sie die nächste Zeit verbringen werden, soll das optisch noch unterstreichen.« Scheinbar interessiert wischt sie auf ihrem Pad in den Kundenunterlagen, obwohl sie genau weiß, welche Angaben Richter gemacht hat. Dann sieht sie wieder auf, neigt den Kopf ein wenig, streicht sich dabei eine Strähne aus der Stirn. Spielt die Unsichere. Kommt immer gut an. Und auch heute wirkt es. »Nicht wahr?«

»Ja, doch. Stimmt alles.«

»Dann vergessen Sie die biologische Komponente. Ob die ›Chemie stimmt‹, ist nicht von Belang. Heute nicht mehr.«

Er nickt. Bedächtig. Überlegt. »Sie haben sicher Recht. Könnten wir auch noch über die digitalen Auswahlmöglichkeiten sprechen? Ich möchte gerüstet sein. Für jede Lebenslage, alle meine … Bedürfnisse, verstehen Sie? Über meine Gesellschaftsposition hinaus.«

Sie runzelt überrascht die Stirn. Dieses Mal nicht aufgesetzt. »Davon steht nichts in Ihrem Antrag.«

»Das ist richtig. Aber vielleicht ist es möglich, das noch dazuzubuchen?«

»Nachträglich?«

»Wenn es geht.«

»Sicher.« Sanft tippt sie auf das entsprechende Formular. Dreht es zu Richter. Zeigt darauf. »AI-Dolls oder rein digital? Was darf ich eintragen?« Wieder ein Lächeln. Nicht zu breit, nicht zu verschämt. Verständnisvoll.

Er zögert. »Nun … die Einwilligung des Objekts soll natürlich wegfallen.«

Auch diese Bemerkung hat sie inzwischen schon etliche Male gehört. »Aber ja, das ist Standard. Sie bestimmen, was Sie wollen; das Objekt übt Ihren Wunsch aus. Ist gefügig.«

»Es macht alles?«

»Alles.«

»Immer?«

»Immer.«

»Wie sieht es mit dem … Alter des Objekts aus? Wenn ich … also, verstehen Sie? Minderjährig …?« Er beißt sich auf die Unterlippe. Schaut kurz zu Boden.

Innerlich verdreht sie die Augen. Äußerlich bleibt sie professionell. Verklemmte, Spanner, Psychos. »Selbstverständlich alles anpassbar«, beruhigt sie ihn.

»Gut. Ich möchte schließlich nicht enttäuscht werden. Es soll emotional sicher für mich sein. Liebeskummer, Schwangerschaft, nachlassende Libido und dergleichen … Eine Beziehung muss frei von Störungen dieser Art sein.«

»Das ist nur allzu nachvollziehbar. Ist das alles?« Das war es nämlich meist nicht. »Oder haben Sie noch etwas auf dem Herzen?«

»Die rechtliche Seite ist geklärt, nehme ich an?«

Na also. Wie erwartet. »Herr Richter, würde ich es Ihnen sonst anbieten? Ich will nicht mit Ihnen über die absurden Vorwürfe gewisser Gruppen bezüglich der Bagatellisierung von Vergewaltigung und dergleichen sprechen müssen. Haben Sie denn damit ein Problem? Für diesen Fall stünde Ihnen meine Kollegin für eine juristische Beratung zur Verfügung. Wir sind up to date. Die Rechtslage ist klar. Sie haben nichts zu befürchten.«

»Nein … ich …«

»Welche Gewaltverbrechen der Käufer oder die Käuferin ausüben will, bleibt individuell. Uns geht es nur um die Frage der Materialbeschädigung. Die Garantie beträgt drei Monate. Die Kostenübernahme für Reparaturen der danach entstandenen Schäden tragen Sie.«

Er nickt beipflichtend. »Das dachte ich mir, ist aber durchaus akzeptabel.« Das Gespräch scheint ihm gutzutun. Seine Gesichtszüge entspannen sich. »Natürlich habe ich diverse sexuelle Vorlieben, die ich ohne Gegenwehr des Gegenübers …«

Sie wischt seine Bemerkung mit einer sanften Handbewegung fort. Dass manche Kunden die Beratung auch immer als Seelenstriptease missverstehen. Einzelheiten sind ihr ein Gräuel. Abartige Details interessieren sie nicht. Nicht, weil sie damit ein moralisches Problem hat, nein. Es langweilt sie schlicht zu Tode. »Selbstverständlich haben Sie die«, erwidert sie und legt alle Empathie, die sie aufbringen kann, in diesen Satz. »Ich möchte Ihnen auf jeden Fall unser AI-Real-Modell RM-4B empfehlen. Die optische Gestaltung überlassen wir, wie gesagt, ganz Ihnen. Sie könnten also das Foto 124, das wir uns vorhin angeschaut haben, als Vorlage für die Produktion einer RM-4B-Einheit verwenden. Gar kein Problem.«

Er reißt erstaunt die Augen auf. Lächelt. »Ich bin beeindruckt.«

»Wir vertreten die Individualisierung der Partnerschaft, Herr Richter.«

»Das ist ganz in meinem Sinne.«

»Durchaus. Deswegen sind Sie ja hier. Bei uns. Wir sind die Besten der Branche. In jeglicher Beziehung.« Sie lächelt über ihren eigenen Wortwitz.

»Ich will Kontrolle.«

»Selbstverständlich.«

»Unsicherheiten müssen ausgeschlossen sein.«

»Natürlich.«

Er nickt. Schweigt.

Sie gibt ihm einige Sekunden, in denen sie so tut, als betrachte sie ihn aufmerksam, dabei sieht sie an ihm vorbei auf die Wand hinter seinem Rücken. »Wollen Sie noch einen Schritt weiter gehen?«, fragt sie schließlich, als sie meint, er sei für ihren nächsten Vorschlag bereit. »An die Zukunft denken?«

»Tue ich das nicht?« Richter sieht überrascht aus.

War sie zu forsch? Hätte sie noch warten sollen?

»Was meinen Sie?«, fragt er.

Sie strafft die Schultern. »Das AI-Real-RM-4B wird ewig leben.«

»Ja und?«

Sie senkt die Augenlider, als bereite es ihr Unbehagen, in diese Regionen vorzudringen. »Sie selbst nicht. Das AI-Real RM-4B lässt sich auch kontinuierlich nach Ihren Wünschen modernisieren.«

Er stutzt. Sie kann förmlich sehen, wie es in ihm arbeitet. Wie Rädchen ineinandergreifen.

»Oh. Sie bieten auch Individualoptimierung an?«, haucht er schließlich.

Innerlich macht sie das Victory-Zeichen. Er hat angebissen. Wenn sie diesen Deal abschließt, dann steht ihr eine gewaltige Provision ins Haus. Ihre erste. In Rekordzeit eingeholt. »Ein Add-on für unsere A-Kunden.« Sie senkt ihre Stimme. »Der Mensch ist ein suboptimales System, das man verbessern muss.«

Er scheint erneut nachzudenken. Jedoch nicht lange. »Dem kann ich nur zustimmen.«

»Gegen einen Aufpreis wird bei uns ein postbiologisches Upgrade möglich.« Sie schiebt erneut ihr Pad über die Tischplatte und deutet auf eine Zahl.

Seine Hand fährt an sein Kinn. Knetet es. »Das ist eine beachtliche Summe.« Wieder knabbert er an der Unterlippe, die Investition scheint ihn nervös zu machen.

Sie merkt, dass er unsicher wird. Der nächste Schritt sollte also sein Selbstbewusstsein wiederherstellen, sie muss ihn in seiner Entscheidung begleiten, ihn unterstützen. »Eine Investition in die Zukunft, wie gesagt. Denken Sie darüber nach. Wollen Sie wirklich, dass Ihr AI-Real-RM-4B jugendlich und frisch bleibt, während Sie …« Sie macht eine entschuldigende Geste. »Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, Herr Richter.«

»Nein! Schon gut! Auf welchen Ebenen bieten Sie die Optimierung an? Nur körperlich?«

»Körper und Geist. Ja, ich weiß, das klingt altmodisch, aber mit diesen Begrifflichkeiten kommen unsere Klienten besser zurecht. Geist …« Sie lacht leise. »Schon komisch, nicht? Sie sind doch sicherlich auch der Überzeugung, dass die Denkweise, auf einer Einheit von Körper und Geist zu beharren, komplett überholt ist, nicht?«

»Vollkommen richtig«, antwortet er hastig.

»Ansonsten müsste ich unser Gespräch hier leider beenden. Was äußerst bedauerlich wäre.«

»Reden Sie weiter.«

»Intellektuell würden Sie in Ihrer neuen Beziehung natürlich stets auf der höheren Stufe stehen.«

»Etwas anderes wäre für mich auch inakzeptabel.«

»Nun, dann lassen Sie uns in medias res gehen …« Sie zieht das Pad wieder zu sich, will gerade die entsprechenden AGBs aufrufen, als sie am äußeren Rand ihres Blickfelds eine Bewegung wahrnimmt, die sie stutzig macht. Richters Hand nähert sich der Innentasche seines Jacketts. Zuerst sehr langsam. Dann plötzlich sehr schnell.

Eine Sekunde später spürt sie den kalten Stahl eines Waffenlaufs an ihrer Schläfe.

»Anti-Mechanische-Sektion«, krächzt er.

Sie schließt kurz in stiller Verzweiflung die Augen, lehnt sich dann aber entspannt zurück. Man hatte sie gewarnt. Die Sektierer fielen momentan ein wie die Schmeißfliegen. Anti-Mechanische-Sektion. Was für ein dämlicher Name. War die Gruppierung neu? Inzwischen hatte sie den Überblick verloren. »Sie waren gut, Herr Richter. Sehr überzeugend«, seufzt sie. »Aber lassen Sie diese Mätzchen doch bitte. Glauben Sie nicht, dass Sie damit durchkommen.«

Sein Atem geht schneller. »Wir sind sterblich und sollten es auch bleiben. Alle«, stößt er hervor. »Beziehungen sind nur im gegenseitigen Einverständnis einzugehen. Das Gleiche gilt für Sex.« Die Waffe zittert in seiner Hand. »Leute wie … Ihresgleichen müssen weg.«

Sie lacht kurz auf. »Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie und Ihre … Sektion … Sie sind keine Bedrohung. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Sie können uns mal.«

Erregt springt er auf, sein Stuhl kippt nach hinten, die Waffe zeigt immer noch auf ihre Stirn. »In dieser Minute steht in jeder Niederlassung Ihrer Firma weltweit jemand wie ich jemandem wie Ihnen gegenüber«, sagt er mit lauter Stimme. »Auf Hunderte von Köpfen richten sich Hunderte von Pistolenläufen.«

»Glauben Sie, Sie können hier einfach so Ihr Ding abziehen?«, rügt sie ihn mit Oberlehrerinnenstimme. »Nein, das können Sie nicht. Nicht hier und auch nirgendwo sonst.« Sie fühlt sich sicher. Nein, sie ist sicher, denn der Spuk wird gleich ein Ende haben. Zuverlässige Mechanismen sorgen dafür, dass sie in wenigen Minuten ihren nächsten Kunden empfangen kann. Wie jedes Mal, wenn ein verquerer Spinner dem Unternehmen sein konfuses Gedankengut mit Gewalt eintrichtern will. Den Knopf unter der Tischplatte braucht sie gar nicht zu drücken; die in die Zimmerwände eingelassenen Sensoren und Kameras übertragen alles in Echtzeit. So hat man es ihr beigebracht, so wird es auch geschehen.

Die Tür springt auf, den Bruchteil einer Sekunde später durchquert eine Sicherheitsfrau mit drei großen Schritten den Raum, bleibt mit ausgestrecktem Arm vor Richter stehen. Die Waffe lässig in ihren Fingern. Ein kurzes Zucken des Mundwinkels. Dann ruckt ihr Handgelenk kaum merklich nach oben. Das »Plopp« ist fast unhörbar.

Richters Körper wird nach hinten geworfen, er taumelt, verliert schließlich das Gleichgewicht und stürzt über den umgeworfenen Stuhl auf den Boden. Kurz hüpfen seine Glieder, dann bleibt er bewegungslos liegen.

Die Beraterin sieht auf das unschöne Loch in seiner Stirn. »Könnten Sie bitte nächstes Mal an den Teppich denken?«

»Die Geschosse verformen sich und bleiben im Gehirn stecken«, antwortet die Sicherheitsfrau, während sie ihre Waffe wieder ins Holster zurücksteckt. »Ihr Teppich wird wunderbar sauber bleiben.«

»Sie wissen, was Sie zu tun haben.« Die Beraterin steht auf und streicht sich den Rock glatt. »Löschen Sie die Audio- und Videoaufzeichnung.«

»Kein Problem.« Die Sicherheitsfrau holt ein kleines Pad aus einer ihrer Beintaschen, tippt, scrollt. Stutzt. Scrollt noch einmal. Aus ihrem Gesicht weicht plötzlich alle Farbe.

»Was ist?« Die Beraterin wirft einen skeptischen Blick in ihre Richtung. »Kommen Sie mit dem Update des Systems von letzter Woche nicht klar?«

»Das ist es nicht.« Sie hält inne, setzt neu an. »Wir haben ein Problem.«

Die Beraterin stürzt zu ihr, reißt ihr das Pad aus der Hand. Fassungslos starrt sie auf das darauf laufende Video. »Geht das etwa gerade viral?«, fragt sie krächzend. Der Film zeigt in Split-Screens verschiedene Einstellungen. Auf allen sind Real-Deal-Mitarbeiter zu sehen – sitzend, stehend, mit gelassener oder vor Einsetzen eingefrorener Miene –, an deren Schläfen Waffenläufe kleben. »Unser Logo …« Ihr Blick wird angstvoll, sie zeigt auf das Display. »Man kann es überall deutlich sehen! In jeder Einstellung! Auf jedem Revers, hinter jedem Schreibtisch, an jeder Wand!«

»Anscheinend konnten sie die Feeds vor der Löschung abfangen und speichern.«

»Aber, wie ist das möglich?«

»Mut zur Menschlichkeit! Mut zur Sterblichkeit! Mut zum Scheitern!«, brüllt es aus dem Lautsprecher des Geräts.

»Es tut mir leid, Beraterin«, sagt die Sicherheitsfrau mit hörbarem Bedauern in der Stimme. »Allem Anschein nach ist es so weit. Paragraf 5d.« Ihre Finger öffnen erneut das Holster, entnehmen die Waffe. Die routinierten Bewegungen einer Frau, die weiß, was sie als Nächstes zu tun hat. »Wir alle wissen, dass es nur einen Weg gibt, die Firma sauber zu halten. So steht es in allen Arbeitsverträgen. Auch in Ihrem.«

Die Augen der Beraterin werden groß, und das Pad entgleitet ihren Fingern. »Nein! Moment! Da muss es doch einen Ausnahmeparagrafen geben! Es gibt einen Zusatz! Bei 5d! Sicher!«

»Tut mir leid, das verneinen zu müssen. Regeln sind Regeln. Das Unternehmen taucht für eine gewisse Zeit ab.« Die Waffe gibt ein leichtes Klacken von sich, als sie entsichert wird. »Die Vorbereitungen dafür müssten in diesem Moment anlaufen. Meine Order ist klar. Vernichtung aller Beweise. Inklusive der körperlichen.« Die Sicherheitsfrau hebt den Arm, ihr Finger berührt den Abzug. »Der Teppich wird wirklich keinen Schaden nehmen, Beraterin.« Sie lächelt, die Ruhe selbst. »Das verspreche ich.«

»Halt!« Der Schrei kommt erstickt aus der Kehle. »Sie können doch nicht …«

»Die Kugel wird Ihre linke Herzkammer zerreißen, machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Gehirn wird unbeschädigt in die Kryostase gehen können. Sie glauben doch nicht etwa an eine Seele? Dieser Unsinn bezeichnet nichts anderes als ein Programm, das unser Gehirn laufen lässt, damit unsere unwissenden Vorfahren sich sicher fühlen konnten.« Der Mund über dem Pistolenlauf lächelt. »Damit sage ich Ihnen doch nichts Neues.«

»Nein, aber …«

»Gut. Warum wären Sie dann auch hier?«

»Ja. Nein. Aber, hör… Hören Sie! Warten Sie! Wir müssen noch …! Ich bin noch in der Probezeit, habe die Kryostaseabmachung noch gar nicht unterzeichn…«

Der Kopf der Beraterin sackt schlagartig nach vorne, als sich die Patrone in ihren Brustkorb bohrt. Die störrische dunkle Strähne fällt ihr ein letztes Mal in die hohe Stirn. Die Frau stürzt auf die Knie, ihr Blick wechselt von fassungslos zu leer; dann kippt ihr Körper zur Seite.

Mit gerunzelter Stirn sieht die Schützin in die weit aufgerissenen Augen ihrer ehemaligen Kollegin. Sie kniet sich neben den toten Körper, lässt einen Scanner über das Handgelenk der Frau gleiten. »Probezeit. Tatsächlich.« Abschätzig schnalzt sie mit der Zunge, schüttelt den Kopf. »Nun ja. Fehler passieren.«

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