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Am Rande: Urfluch und Ekstase im Weltall



Wenn ein Gast erklärt: Ich möchte ein Thema auf die Tapete bringen, das eigentlich gar nicht in meinen Tresor fällt, wäre er auf vielen Partys gleich unten durch. Am Gebrauch des Fremdworts erkennen die Gebildeten, ob einer zu ihnen gehört.

Zu neuen Höhen treibt dieses Gesellschaftsspiel der Prosaist, Dramatiker und Begriffslyriker Botho Strauß in der "Zeit" vom 20. Dezember. Unter dem Titel "Wollt ihr das totale Engineering?" tut er kund, dass sein Ekel vor allem Gegenwärtigen, bekannt seit seinem "Spiegel"-Essay "Anschwellender Bocksgesang", nun auch Technik und Naturwissenschaft erfasst hat. Auszug: "Der Wissenswille hebt sich mit Urfluchdrall über den Menschen hinweg und wird als reine noetische Ekstase ohne ihn durchs Weltall irren."

Für seinen Rundumschlag bedient sich Strauß erlesener Bildungsbrocken. Offensichtlich sollen sie den Abstand zu den Zeitgenossen noch weiter vergrößern. Unter den Fremdwörtern, die er auffährt, sind einige so rar, dass die "Zeit"-Redakteure dem Essay eigens ein Glossar beifügen mussten. Dort erfährt man etwa, dass "Fulgurist" etwas mit Blitzen zu tun hat, "Kenosis" Entleerung bedeutet und sich hinter "Empuse" eine weibliche Schreckensgestalt verbirgt. Das ist sicher ein Gewinn: Entdeckt beispielsweise einer im Theater aus der Loge unten im Parkett seine Schwiegermutter, kann er ungestraft von der Empore mit Emphase "Empuse" rufen, denn welche Schwiegermutter liest schon Botho Strauß.

Um zu beweisen, dass er sich auch in den Naturwissenschaften auskennt, belehrt uns der Schöngeist, was ein "Pictonewton" ist, nämlich der "Hauch einer Kraftveränderung" oder – ganz populärwissenschaftlich – die "Kraft, die der gebündelte Lichtkegel einer Taschenlampe auf eine angestrahlte Fläche ausübt".

Damit bringt er leider etwas auf die Tapete, was offensichtlich nicht in seinen Tresor fällt. Denn zwar gibt es Pikonewton, das heißt billionstel Newton, aber Pictonewton gibt es nicht. Piktogramme hingegen weisen allerorten auf Nützliches hin, etwa auf das stille Örtchen für die Kenosis. Botho Strauß hält das Piktogramm offenbar für den winzigen Bruchteil eines Gramms und adelt es nach dem aus der Werbung für Circus und Cigarette bekannten Vorbild durch ein "c".

"So werden die Maße der Technik immer feiner und die des Geistes immer gröber", folgert Strauß. Wie wahr. Er sollte als Erfinder der neuen Maßeinheit "1 Pictobotho" in die Geisteswissenschaft eingehen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 88
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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