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Wahrnehmung: Blind für die ferne Zukunft

Knappes Trinkwasser, Grenzkonflikte, Ausbreitung von Tropenkrankheiten: Die angekündigten Folgen des Klimawandels sollten Anlass zur Sorge geben. Warum also zögern viele Menschen, die grundlegendsten Maßnahmen zu ergreifen? Offenbar ist zumindest das Gehirn von egozentrischen Personen der fernen Zukunft gegenüber gleichgültig, wie ein Experiment von Tobias Brosch und seinen Kollegen an der Universität Genf nahelegt.

Das Forscherteam bat 36 Versuchspersonen, auf einem Fragebogen einzuschätzen, wie sehr sie sich gedanklich mit sich selbst beschäftigen. Außerdem sollten sie angeben, wie schlimm wohl die zu erwartenden Folgen des Klimawandels in der näheren oder ferneren Zukunft (bis 2080) ausfallen werden. Währenddessen maßen die Wissenschaftler ihre Hirn­aktivität mittels fMRT.

Egozentrische Menschen machen sich demnach viel weniger Sorgen darüber, was nach ihrem Tod geschehen wird. So weit nicht überraschend. Doch das Team entdeckte darüber hinaus eine Besonderheit in einem bestimmten Teil ihres Stirnhirns, des ventromedialen präfrontalen Kortex. Frühere Arbeiten hatten gezeigt, dass sich dieser Bereich besonders intensiv regt, wenn wir uns die ferne Zukunft vorstellen, und zwar umso mehr, wenn diese mit unseren persönlichen Zielen verknüpft ist. Aber bei den egoistischen Versuchspersonen war kein entsprechender Anstieg der Hirnaktivität zu beobachten, wenn ihnen eine Klimakatastrophe für das Jahr 2080 angekündigt wurde.

Ihr Gehirn schien sich weniger mit der fernen Zukunft zu befassen als das der übrigen Versuchspersonen. Ein Befund, der die Forscher an Patienten mit »Kurzsichtigkeit für die Zukunft« erinnert, wie sie insbesondere der Neurologe Antonio Damasio beschrieben hat. Infolge einer Läsion in der betreffenden Kortexregion fällen diese Patienten oft absurde Entscheidungen, weil sie die Folgen ihres Handelns nur schwer vorhersehen können.

9/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2018

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  • Quelle
Cogn. Affect. Behav. Neurosci. 18, S. 476–484, 2018