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Brief an die Leser


Verehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,


"astronomisch" sagen wir, wenn wir unvorstellbar Großes meinen – zu Recht. Denn die Astronomen selbst rechnen mit uns geläufigen Kilometern allenfalls im Sonnensystem, ansonsten mit eigenen Maßen: Astronomischer Einheit (AE, der mittleren Entfernung Erde-Sonne, die auf ein Promille genau erst im Jahre 1931 bekannt war und 1976 auf 149597870 Kilometer festgelegt wurde, wobei es wegen einer gewissen Unsicherheit über die Lichtgeschwindigkeit eben einer solchen Vereinbarung bedurfte), sowie Lichtjahr (Lj, gleich 9,4605 Billionen Kilometer und definiert als die Strecke, die ein Lichtsignal im Vakuum während eines tropischen Jahres zurücklegen würde) und schließlich Parsec (pc, entsprechend 3,262 Lj, 206264,8 AE oder 30,86 Billionen Kilometern).

Mit dem pc wird es für Laien doch recht kompliziert. Parsec ist nämlich seinerseits die Abkürzung für Parallaxensekunde, und Parallaxe ist die scheinbare Bewegung eines Objekts zwischen dem fernen Hintergrund und dem Beobachter, wenn dieser sich quer zur Sichtrichtung bewegt (Ihnen dürfte das Phänomen vom Blick etwa aus einem Zugfenster bekannt sein). Im astronomisch engeren Sinne versteht man unter Parallaxe den Winkel zwischen zwei Visierlinien zu einem Gestirn, die von verschiedenen Beobachtungspunkten ausgehen; ein Parsec ist die Entfernung, in welcher der mittlere Erdbahnradius unter einem Winkel von einer Bogensekunde erscheint.

Warum behellige ich Sie damit? In diesem Jahrhundert hat sich unser Weltbild im Wortsinne dramatisch erweitert. Es war 1915, als der Leiter des Johannesburger Observatoriums Robert T.A. Innes (1861 bis 1933) den lediglich 4,27 Lichtjahre entfernten, freilich lichtschwachen Nachbarn der Sonne entdeckte: Proxima Centauri. Im Jahre 1923 unterschied der Amerikaner Edwin Powell Hubble (1889 bis 1953) erstmals Einzelsterne im Andromeda-Nebel; er bewies dann durch Entfernungsbestimmung, daß solche Nebel nicht zum Milchstraßensystem gehören, wir uns also auf einer kosmischen Insel befinden und jenseits davon weitere Galaxien schweben. Hubble erkannte zudem 1929 beim Vergleich der Entfernung von Galaxien mit ihrer (anhand der Rotverschiebung ermittelten) Radialgeschwindigkeit, daß das All expandiert. Inzwischen ermöglicht modernes Instrumentarium, dessen Weiten, Strukturen und Veränderungen so tief auszuloten, daß viele Distanzen in Kilo-, Mega- oder gar Gigaparsec angegeben werden.

Verläßliche Entfernungsabschätzungen sind dementsprechend kritisch, auch für Aussagen über Vergangenheit und Zukunft des Universums. Deshalb finde ich nebenstehenden Ausschnitt einer Aufnahme der Spiralgalaxie M33 faszinierend. Dort spielt sich etwas ab, das den Astronomen erlaubt, ihre Entfernungsskala gleichsam zu eichen. Soviel vorweg: Wie Moshe Elitzur (Seite 36) erläutert, erreichen dabei zusammengeschaltete Radioteleskope ein Auflösungsvermögen, wie Ihre Augen es hätten, wenn Sie diesen Text aus einem Abstand von nicht weniger als rund 4000 Kilometern zu entziffern vermöchten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1995, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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