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Rezensionen: Das vorauseilende Gehirn.Die Evolution der menschlichen Sonderstellung.

Aus dem Amerikanischen von Kurt Neff.
S. Fischer, Frankfurt am Main 1996. 528 Seiten, DM 49,80.

Gehirnvergrößerung und Evolution des Menschen hängen ohne Zweifel aufs engste zusammen. Aber was brachte dieses Organ dazu, mit einem für die Evolution sonst unüblichen Tempo so groß zu werden?

Der deutsche Titel ist etwas irreführend. Der des Originals, "The Runaway Brain", läßt an ein durchgehendes Pferd oder eine Maschine mit durchgeknallter Sicherung denken, während in unserem Sprachgebrauch gemeinhin nur der Gehorsam vorauseilt. Aber das ist schon das einzige Manko an dieser ausnehmend gelungenen Übersetzung. Der gute Stil hilft auch über viele unnötige Längen hinweg; so fragt man sich, was die Geschichte der Taufliegen-(Drosophila-)Genetik mit der Evolution des Menschen zu tun hat.

Um eben diese geht es, nicht etwa speziell um die Gehirnevolution. Das macht Christopher Wills, Professor für Biologie an der Universität von Kalifornien in San Diego, zwar von Anfang an klar, verbirgt jedoch sein eigentliches Anliegen fast bis zum Schluß. Vorher relativiert er fast alle gängigen Theorien zur Entstehung unserer Gattung.

So läßt er die "mitochondriale Eva" (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seite 72) von den zumeist angenommenen 130000 auf 600000 bis eine Million Jahre altern, verspricht aber eine "neodarwinistische Erklärung für die Evolution des Menschen". Dann stellt er die Selektion als gestaltende Kraft der Evolution grundsätzlich in Frage, indem er im Einklang etwa mit dem japanischen Genetiker Motoo Kimura für die neutralistische Sicht eintritt (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1980, Seite 94): Die allermeisten Mutationen hätten weder einen positiven noch einen negativen Effekt für die Überlebenstüchtigkeit, so daß die natürliche Auslese an ihnen gar nicht angreifen könne. Gleichwohl sucht er traditionell darwinistisch-umweltbezogene, auf Selektion beruhende Begründungen für die Entwicklung des aufrechten Ganges in der Menschwerdung.

Wills hält die Vielschichtigkeit der Kultur für die wichtigste Determinante der beschleunigten Menschheitsevolution und stellt sich damit auch gegen die Mitglieder der Leakey-Familie, die ihre Funde von Hominidenfossilien in Ostafrika, wie manch andere Paläoanthropologen auch, zum Teil maßlos überbewertet hätten (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, August 1997, Seite 50).

Er geht nicht so weit, offen zu bezweifeln, daß der Ursprung der Gattung Mensch in Afrika liegt; aber ohne sich festzulegen und für sich und seine Position die Konsequenzen zu ziehen, rückt er klammheimlich von der "Out-of-Africa"-Hypothese ab und favorisiert die multi-regionale Entstehung unserer Art Homo sapiens aus dem Grundstock des Homo erec-tus in Asien und Afrika (vergleiche die Kontroverse zu diesem Thema in Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seiten 72 und 80).

Vielleicht sei auch Europa ein Schauplatz dieses Entwicklungsschritts gewesen. Wills liebäugelt durchaus mit der Möglichkeit, daß die Gene des Neandertalers doch in den unseren weiterleben. Der ist für ihn nämlich keine eigene Art, sondern nur eine Subspezies; und wieviel genetisches Material er mit dem modernen Menschen gemeinsam hat, hält Wills für irrelevant, weil der gemeinsame Ursprung ohnehin viel weiter zurückliege. Alles Menschliche datiere aus jener Entstehungszeit vor rund einer Jahrmillion und sei allen seither erschienenen Homo-Varianten gemeinsam, die Neandertaler eingeschlossen.

Von seinem multiregionalen Standpunkt aus hält Wills es durchaus für möglich, daß etwa die Aborigines Australiens von einer Homo-erectus-Population abstammen, die sich noch im Übergang zum Homo sapiens befand. Denn wenn man den Ursprung der Menschen so weit zurückverlegt wie er, folgt unvermeidlich, daß nicht nur die jetzt lebenden Rassen wieder weiter auseinanderrücken, sondern im Endeffekt direkt aus – zumindest nach Lebensräumen – verschiedenen Homo-erectus-Gruppen hervorgegangen sein müßten. Von da wäre es nicht weit zu der Behauptung, es gebe mehr oder weniger primitive Rassen, und mit der biologischen Gleichheit aller Menschen sei es nicht weit her.

Daß Sprengstoff in dieser Annahme liegt, ist dem Autor bewußt. Der Vorwurf des Rassismus – oder zumindest der, einer rassistischen Interpretation die Möglichkeit an die Hand gegeben zu haben – droht im Hintergrund. Politisch korrekt erscheint gegenwärtig nur das Szenario des afrikanischen Ursprungs von Homo sapiens.

So versucht sich Wills so vorsichtig wie nur möglich auszudrücken. Dazu bedient er sich des quantitativen Vergleichs ohne jede qualitative Wertung, um kleine Unterschiede groß und größer erscheinende dann doch wieder recht klein werden zu lassen. Wie bedeutsam sie wirklich sind oder sein könnten, das allerdings läßt Wills offen.

Offen läßt er auch, wie es eigentlich zum "davonlaufenden" Gehirn gekommen ist. Obwohl dies seine Kernthese ist, resümiert er sie fast kryptisch: Die Evolution des menschlichen (das heißt übergroßen) Gehirns sei eine Folge fortschreitender Gen-Duplikationen. Sie bildeten seiner Ansicht nach die Basis für das rasche Gehirnwachstum, denn "unser Gehirn ist zur Rolle des Meisterjongleurs selektiert", und die Entwicklung zum Homo sapiens in Ostafrika habe lediglich darin bestanden, "unter lauter Cleveren der Cleverste zu werden".

Nun, ein Meisterjongleur ist Christopher Wills sicherlich, denn allen Abschweifungen und regelrechten Abwegen vom Thema zum Trotz hält er das Gehirn des Lesers in geistiger Bewegung – bis zum Schluß. Es wäre ja auch zu schade um das Endprodukt dieses Wachstumsschubes: "Jedes Gehirn, dessen Leistungspotential nicht voll aktiviert wird, bedeutet zwei Milliarden Jahre vergeudeter Evolution."



Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998, Seite 133
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1998

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