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Die Rückkehr der Seuchen. Ist die Medizin machtlos?


Hans Schadewaldt, emeritierter Ordinarius für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf, spannt in seiner Einführung den historischen Bogen von der antiken Seuchenlehre bis zur aktuellen AIDS-Epidemie. Kenntnisreich zeigt er programmatisch für das ganze Werk, wie Seuchen nur im kultur- und zivilisationshistorischen Zusammenhang zu verstehen sind. Alle Beiträge belegen es: Epidemien folgen keineswegs einfach Naturgesetzen von Ansteckung und Bösartigkeit der Erreger; ihre Ausbreitung und eventuelle Kontrolle hängen vielmehr weitestgehend vom Verhalten der Menschen ab, wie es von der Gesellschaft, ihrem Lebensstil und ihren Normen geprägt ist.

Der Mikrobiologe, Infektionsepidemiologe und Tropenmediziner Hermann Feldmeier sowie die Wissenschaftsjournalisten Peter Frey, Norbert Lossau, Karin Sträter und Jürgen Voigt haben insgesamt neun Kapitel über jeweils eine Krankheit verfaßt. Der Leser findet hier nicht nur die Plagen, die das alte Europa heimsuchten, wie Pest, Tuberkulose und Cholera, sondern auch sogenannte Tropenkrankheiten wie das Gelbfieber, die Malaria, die Bilharziose und die Schlafkrankheit. Ein Begriffs- und ein Personenglossar, eine kurze Liste weiterführender allgemeinverständlicher Literatur und ein Register erlauben es, das Buch auch als kleines Nachschlagewerk zu nutzen.

Die brisante Hauptaussage ist: Viele der bewältigt geglaubten Infektionskrankheiten breiten sich wieder aus oder sind auf dem Weg zurück aus den tropischen oder armen Ländern zu uns in die Industrienationen.

Alle Kapitel sind nach einem durchgängigen Schema aufgebaut: Zunächst sind auf einer Seite die wichtigsten medizinischen Informationen übersichtlich zusammengestellt. Es folgt eine Weltkarte mit der Verbreitung der Krankheit. Der Text umfaßt einen historischen Überblick, eine Fallgeschichte, die es dem Leser erlaubt, sich ein lebhaftes Bild vom persönlichen und sozialen Leid der Betroffenen zu machen, und eine epidemiologisch orientierte Diskussion der Bedeutung für die gegenwärtige Welt und unsere gemeinsame Zukunft.

Für den fachkundigen Leser besonders spannend sind die von Hermann Feldmeier verfaßten Kapitel über Lepra, Malaria, Bilharziose und Schlafkrankheit. Der Autor verbindet ausgiebige klinische Erfahrung mit exzellenter Kenntnis des aktuellen mikrobiologischen Forschungsstandes und dem bevölkerungsbezogenen Blick des Tropenarztes. Wie seinen journalistischen Koautoren gelingt es ihm, sein Anliegen lebendig vorzutragen, ohne dabei oberflächlich zu werden oder gar unzulässig zu vereinfachen.

Gerade die Malaria zeigt die ganze Komplexität und Spannweite der Epidemiologie. Wir lesen am Beispiel des dramatischen Schicksals der Antonia aus Mirante da Serra im brasilianischen Amazonasgebiet, was die wichtigen Faktoren ihrer Verbreitung sind: Die Ökologie in Abhängigkeit von der Wirtschaftsform bestimmt die Lebensbedingungen der Überträgermücken, und die Migration der Bevölkerung beeinflußt den Immunitätsgrad. Die Kontrollprogramme stehen und fallen mit diesen ökologisch-sozialen Faktoren.

Der letzte Abschnitt des Kapitels fragt: "Malaria in Berlin?" Hier zeigt Feldmeier, daß das "Sumpffieber", das früher auf die mala aria – die schlechten Dünste – zurückgeführt wurde, lange in Europa bis vor unserer Haustür heimisch war. Der Leser wird die dringende Warnung des britischen öffentlichen Gesundheitsdienstes so schnell nicht vergessen, daß diese Krankheit bei nur ein paar Grad zivilisationsbedingter Temperatursteigerung rasch auch in unseren Breiten wieder ihren Tribut fordern kann.

Diesem sehr aktuellen Buch ist große Verbreitung zu wünschen. Denn nachdem die klinisch-therapeutische Medi-zin für lange Zeit unser Denken dominierte, müssen wir alle seinen Blickwinkel wieder einzunehmen lernen, wenn wir echte Krankheitsvorbeugung betreiben wollen.

Es bleibt anzumerken, daß weitere Auflagen es auch erlauben würden, einige – weniger bedeutende – redaktionelle Ungenauigkeiten zu berichtigen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1995, Seite 125
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 1995

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