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Richard Leakey und Roger Lewin:: Die sechste Auslöschung. Lebensvielfalt und die Zukunft der Menschheit.

Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt am Main 1996. 332 Seiten, DM 48,–.


Richard Leakey, der als Paläoanthropologe und durch seine Aktivitäten für den Naturschutz Kenias bekannt wurde, und der Biochemiker Roger Lewin haben bereits gemeinsam das Buch "Der Ursprung des Menschen" veröffentlicht (Spektrum der Wissenschaft, August 1995, Seite 115). In ihrem neuen Werk diskutieren sie die Bedeutung der Artenvielfalt für das Überleben des Ökosystems Erde.

Nach einem Einleitungskapitel erzählen sie im ersten Hauptabschnitt "Zeit und Wandel" die Geschichte der Lebewesen auf der Erde. Ihr Hauptaugenmerk gilt dem Massenaussterben von Arten; im Laufe der durch Fossilien dokumentierten Erdgeschichte lassen sich mindestens fünf dieser drastischen Einschnitte nachweisen. Für sie hat Charles Darwins (1809 bis 1882) Selektionstheorie keinen Erklärungswert: Wenn eine Art untergeht, weil die einzige Insel, auf der sie lebt, überschwemmt wird, liegt das nicht an ihren schlechten Genen, sondern wesentlich am Zufall. Für das Wiederaufblühen der Artenvielfalt nach der Katastrophe ist die Darwinsche Theorie dagegen anwendbar.

Im zweiten Hauptabschnitt "Motor der Evolution" untermauern Leakey und Lewin dieses Zufallsprinzip. Demnach war die Entstehung des Menschen keineswegs unvermeidlich, wie beispielsweise Teilhard de Chardin (1881 bis 1955) behauptet hatte. Als Motor der Evolution machen die Autoren den Wandel der Lebensverhältnisse aus; insbesondere können lokale Störungen wie ein Wirbelsturm oder ein Erdrutsch eine neue Zusammensetzung der Artengemeinschaften zur Folge haben und damit die Herausbildung neuer Formen fördern.

Speziell dieser Aspekt wird im dritten Abschnitt "Gleichgewicht der Natur?" in vielfältiger Weise erläutert. In computersimulierten Ökosystemen entstehen unter gleichen Bedingungen nicht zweimal dieselben Floren- und Faunengemeinschaften, selbst wenn die ursprünglich beteiligten Arten identisch sind. Ferner lassen sich damit Zyklen in der Populationsdynamik rekonstruieren, die vielschichtige Ursachen haben und die Artenvielfalt beeinflussen (Spektrum der Wissenschaft, November 1994, Seite 14).

Dieses höchst komplexe Zusammenwirken läßt sich, so postulieren die Autoren, eher mit den Mitteln der Chaostheorie als mit deterministischen Formeln beschreiben. Selbst bei exakter Kenntnis der Gesetze seien keine Voraussagen über die künftige Entwicklung von Ökosystemen möglich – allenfalls Aussagen der Art, daß eine hohe Biodiversität die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Systems unter sich ändernden Bedingungen zu erhöhen scheint.

Im letzten Teil des Abschnittes beschäftigen sich Leakey und Lewin mit den menschlichen Einflüssen auf das Ökosystem Erde. Dabei müssen sie mit der Mär vom "edlen Wilden", der im Einklang mit der Natur lebte, aufräumen: Menschen vernichten schon seit Jahrtausenden Arten durch Bejagung oder durch Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Nur das Tempo, in dem das heutzutage geschieht, ist neu und bislang beispiellos.

Der letzte Abschnitt "Die Zukunft" ist konsequenterweise einem engagierten Eintreten für die Erhaltung der Artenvielfalt gewidmet. Leakey und Lewin lassen keinen Zweifel daran, daß eine Fortführung der Ausrottung im derzeit praktizierten Umfang das Ende der Menschheit zur Folge haben wird.

Das Buch insgesamt ist ein großartiges Plädoyer für die Erhaltung der ökologischen Vielfalt. Über die Faktoren, die hier zusammenspielen – wichtig gerade für die Sicherung und Erhaltung unserer eigenen Nahrungs- und Sinnesgrundlagen (gemeint sind Gelegenheiten zum Erleben) –, gibt es bisher nur fragmentarisches Wissen. Es ist erfreulich, daß die Autoren auch im Hinblick auf die Diskussion um die ethische Verantwortung von Naturwissenschaftlern klar Stellung beziehen und ihren Standpunkt nicht als "objektive Wissenschaft", sondern als persönliche Konsequenz ihrer Kenntnisse über die Natur darstellen. Vereinfachungen, über deren Zulässigkeit sich streiten läßt, können dieses positive Gesamturteil nicht schmälern.

Meiner Ansicht nach ist eine wesentliche Stärke des Buches, daß es Widerspruch und dadurch Nachdenken provoziert. Auch im menschlichen Reflexionsprozeß sind es kleine Störungen, die zu Auslösern neuer Ideen werden.

Die Ausstattung durch den Verlag entspricht nicht der Qualität des Inhalts. Gleich die zweite Textabbildung (Seite 24) zeigt ein kaum als solches identifizierbares, zudem auf dem Rücken liegendes Lanzettfischchen. Auf der Karte des nördlichen Teiles von Mittelamerika (Seite 71) wurden die östlichen Küstenlinien einfach weggelassen. Im Text wird kaum auf die Abbildungen Bezug genommen. Auch das Wortmonstrum "Uniformitarianismus" (Seiten 55, 66 und 69) ist der mangelnden redaktionellen Überarbeitung anzukreiden.

Ich hätte mir zusätzlich zu den Endnoten auch ein Gesamtliteraturverzeichnis gewünscht. Insgesamt sind die Quellennachweise etwas spärlich - angesichts der kontroversen Thesen ein wesentlicher Mangel. Ferner wäre bei diesem Buch, in dem auch sehr fachspezifisch argumentiert wird, ein Glossar der Fachbegriffe hilfreich. Die sichtliche Bemühung des Übersetzers um eine allgemeinverständliche Ausdrucksweise macht die Erklärung verwendeter Fachwörter nicht überflüssig.

Gleichwohl kann ich das Buch jedem ökologisch interessierten Leser nur empfehlen und hoffe, daß es weitere Wissenschaftler anregt, ihre Positionen engagiert in die für die Menschheit überlebenswichtige Debatte einzubringen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1998, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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