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Energiewirtschaft, Automatisierung, Information


Nicht ohne Neugier konnte man auf diesen letzten Band der Propyläen-Technikgeschichte warten, denn er hatte eine schier unmögliche Aufgabe vor sich: eine Gesamtdarstellung der technischen Entwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart erzählend zu präsentieren, in weltweitem Rahmen und mit dem Auftrag, die Technik „in ihrem Wirkungszusammenhang mit Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft“ zu begreifen. Technikgeschichte als histoire totale – dieses Ziel läßt sich auf dem gegenwärtigen Forschungsstand vorwiegend in nationalem oder regionalem, kaum aber in globalem Rahmen erreichen, und man kann es den Autoren dieses Bandes nicht verübeln, daß sie das neue Konzept dieser Technikgeschichte zwar in zahlreichen Einzelpassagen, aber nicht durchgängig verwirklicht haben.

Als Grundlage der Periodisierung dienen die beiden Weltkriege; der erste Teil des Bandes beginnt 1914, der zweite 1945. Das Jahr 1914 wurde als Schicksalsjahr aus der politischen Geschichte übernommen. Wie Hans-Joachim Braun, Professor für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, bemerkt (Seite 11), überwiegt in der Technikgeschichte für jene Zeit der Eindruck der Kontinuität. Der Zweite Weltkrieg dagegen markiert nach Auffassung der Autoren auch technikgeschichtlich eine tiefe Zäsur, obwohl man, gemessen an der Verbreitung und Veralltäglichung neuer Technik, den epochalen Wandel eher in die fünfziger und sechziger Jahre legen könnte.

Walter Kaiser, Professor für Geschichte der Technik in Aachen und Verfasser des zweiten Teils („Technisierung des Lebens“), verweist an zahlreichen Stellen auf den kriegsbedingten Ursprung technischer Innovationen nach 1945. Es wäre lohnend, darüber zu diskutieren, was dieser Entstehungszusammenhang beweist. Gibt es den spin-off der militärischen Spitzentechnik tatsächlich als ein verbreitetes, gleichsam gesetzmäßiges Phänomen der modernen technischen Entwicklung? Wie erklärt es sich dann, daß ungeachtet der militärischen Ursprünge der Elektronik gerade ein Land wie Japan, das die entscheidenden Impulse nicht von der Rüstung bekam, in dieser Technik die spektakulärsten Erfolge erzielte? Auch Kaiser stellt sich diese Frage (Seiten 385 und folgende); hier geht er ausführlicher als anderswo auf die Bedeutung kultureller Traditionen für die Technik ein. Das Beispiel Japan könnte die Neuentdeckung kultureller Bedingungen der Technikstile auch in Europa inspirieren. Im übrigen zeigt die Entstehungsgeschichte des Personal Computers (Seite 375), daß auch die Bedeutung des privaten Spiels bei der Technik-Genese nicht zu vernachlässigen ist!

Die Gliederung des Bandes läßt kein einheitliches Konzept von den Determinanten und Triebkräften der modernen technischen Entwicklung erkennen, und vielleicht kann es ein solches Konzept auch nicht geben: Beim Abfassen einer Gesamtdarstellung der Technikgeschichte kommt man gewöhnlich in Schwierigkeiten mit Erklärungsmodellen, die einseitig auf bestimmte Ursachen fixiert sind. Weder die sogenannten Schlüsseltechnologien noch die Eigendynamik großtechnischer Systeme, aber auch nicht die Unersättlichkeit der Konsumgesellschaft treten kontinuierlich als bewegende Momente in Erscheinung. Braun bemerkt (Seite 11), daß technische Systeme „menschliches Handeln nicht bestimmt, ihm aber Grenzen gesetzt haben“.

Oft erwähnen die Verfasser politische Einflüsse auf die Technik; die Frage wäre interessant, ob die Geschichte eher den Sinn oder den Unsinn von Technologiepolitik beweist. Heute dient die Rolle des japanischen Industrie- und Handelsministeriums (MITI) oft als Argument dafür, daß eine energische Technologiepolitik erforderlich sei. Andererseits lassen – wie Kaiser auf Seite 381 bemerkt – europäische Erfahrungen „erhebliche Zweifel am Wert staatlicher Fördermaßnahmen aufkommen“.

Manchmal wünschte man sich, daß bestimmte Leitlinien – und seien es auch nur offene Fragen – konsequenter verfolgt würden. Die Technik ist im 20. Jahrhundert so unendlich ausgefächert, daß sie aus sich heraus nur noch sehr begrenzt eine Art von historischer Struktur produziert. Besonders bei den Kapiteln über Elektronik und Computer kann man erkennen, wie sich die Technikgeschichte als Apparategeschichte totläuft und der nichtspezialisierte Leser den Faden verliert.

Aber auch die Geschichte des Automobils in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts muß vor allem als Geschichte der Massenmotorisierung geschrieben werden; diese kommt, gemessen an ihrer ungeheuren Tragweite, in dem vorliegenden Band zu kurz. Der herkömmliche Hang der Technikhistorie zur jeweiligen Spitzentechnik bricht immer wieder durch, auch wenn der Band (ab Seite 277) ein Kapitel „Technik der Verlierer: fehlgeschlagene Innovationen“ enthält.

Die Abbildungen zeugen von dem Gestaltwandel der Technik im 20. Jahrhundert: Gerade in der modernsten Technik werden die Funktionszusammenhänge immer unanschaulicher und haben nicht mehr die optische Faszination der alten mechanischen Technik, die noch das Ringen der Kräfte vor Augen führte. Bei den Abbildungen von den Computern der IBM-Systeme 360 und 370 (Seiten 382 und 385) würde der Leser den Verfassern auch beliebige andere Bildunterschriften abnehmen. Visuell aufregend dagegen sind häufig die Reklamebilder, so etwa die Werbung für den AEG-Staubsauger „Vampyr“ von 1924 (neben Seite 96). Hier böten sich reizvolle Arbeitsfelder für eine marketing- und konsumorientierte Technikgeschichtsforschung.

Bei alledem bleibt der Band jedoch eine imposante Leistung und eine Fundgrube nicht nur für den Laien; in vielen Einzelheiten läßt er einen weiten Horizont und eine breite Kenntnis auch angloamerikanischer Literatur erkennen. Neue Themen wurden aufgegriffen: „Technisierung des Haushalts“, „Maschinenmusik und Musikmaschinen“, „Synthetische Materialien als neue Umweltprobleme“. Mit Recht bekommt die Medizintechnik für die Zeit nach 1945 ein eigenes Kapitel; auch sie erhielt „notgedrungen gewaltige Anstöße durch die Kriege“ (Seite 213). Kaiser präsentiert keine bloße Erfolgsgeschichte, sondern erörtert auch die Tragweite der Contergan-Katastrophe (Seite 496).

Mit diesem fünften Band gerät die Propyläen-Technikgeschichte in die Zone derjenigen Themen, die in den Technik-Diskussionen der letzten Jahrzehnte heftig umstritten waren. Die Verfasser haben sich sichtlich Mühe gegeben, den Kritikern gerecht zu werden und diesen Kontroversen historische Einsichten abzugewinnen. Kaiser behandelt die Geschichte der Kernenergie durchweg problemorientiert und widmet ihr mehr Raum als jeder anderen Technik; die Solartechnik allerdings, die auch bereits ihre Geschichte hat, wird nur ganz kurz erwähnt.

Während man früher manchmal befürchten mochte, die Technikhistorie könne sich in apologetischen Positionen festbeißen, hat sich die Lage mittlerweile entkrampft. Zu einer starren Frontenbildung zwischen Technikoptimisten und -pessimisten ist es unter den Technikhistorikern glücklicherweise nicht gekommen; davon zeugt auch der vorliegende Band. Nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen ist eine gewisse Vorsicht gegenüber neuer Technik ganz vernünftig: Diese Einsicht klingt häufig an.

Braun steht der (mit dem Namen des Auto-Industriellen Henry Ford verknüpften) Faszination für die auf die Spitze getriebene Massenproduktion distanziert gegenüber und erörtert weit ausführlicher deren Absatzprobleme. Er zeigt, daß dieses Produktionssystem von der Marktentwicklung eigentlich schon überholt war, als die Begeisterung dafür ihren Höhepunkt erreichte (Seite 106).

Ähnlich distanziert geht Kaiser mit der Faszination der Raumfahrt um und läßt erkennen, daß für ihn selbst aus dem zeitlichen Abstand von zwanzig Jahren der Sinn des „Apollo“-Programms noch nicht klar erwiesen ist (Seite 466). Die Mondlandung vom 20. Juli 1969 sollte damals ein Anfang, ein erster Schritt in den Weltraum sein; aus heutiger Sicht wirkt sie eher wie der Anfang vom Ende der galaktischen Träume. Die überschallschnellen Flugzeuge vom Typ „Concorde“ seien „eher industriepolitische Prestigeobjekte als wirtschaftlich einsetzbare Verkehrsflugzeuge geblieben“ (Seite 453).

Manchmal argumentieren die Verfasser gegen eine Überschätzung der verdinglichten Technik. Das „Überleben technischen Wissens“ in Deutschland 1945 trotz der Kriegszerstörungen sei „eine eindrucksvolle historische Erfahrung“ (Seite 427): Das ist es in der Tat. Gerade die deutsche Nachkriegsgeschichte zeigt, daß es nicht entscheidend auf die Dinge, sondern auf das Know-how, die Leistungsmotivation und die Märkte ankommt. Aber immer wieder stellt sich heraus, daß es nicht leicht ist, diese Einsicht zur Geltung zu bringen. Eigentlich müßte die Technikgeschichte helfen, die Suggestivkraft der Dinge zu überwinden. Während beispielsweise die Öffentlichkeit lange Zeit gebannt auf die Roboter starrte, kommt es – wie Kaiser zeigt (Seite 423) – auch im Computerzeitalter letztlich noch mehr auf den Organisationsstil als auf das technische Niveau der Automatisierung an. An manchen Stellen erkennt man die Wirksamkeit technischer Mentalitäten, so des „Druckluftdenkens“ im Bergbau der zwanziger Jahre (Seite 23), das die Elektrifizierung hemmte.

Technikdiskussionen der jüngsten Zeit setzen vielfach voraus, daß die Verwissenschaftlichung der charakteristische Leittrend der neuesten Technikentwicklung sei. Um diese Frage kreist das Schlußkapitel dieses Bandes. Mit Recht weist Kaiser darauf hin, daß hier „Wunschvorstellung und historische Wirklichkeit“ voneinander unterschieden werden müßten. Nicht nur in der alten Zeit, sondern noch im 20. Jahrhundert entstehe Technik „keinesfalls immer nur aus Wissenschaft“ (Seite 515).

Von besonderem Reiz sind die abschließenden Bemerkungen darüber, wie sich das nach wie vor unsichere Verhältnis zwischen Theoriebildung und technischer Praxis in den Ingenieurwissenschaften spiegelt (Seite 528). Der praktische Wert der Technikgeschichte könnte heute nicht zuletzt darin bestehen, die-ses unvermindert fortbestehende Eigengewicht der technischen Erfahrung gegenüber der Theorie im wissenschaftlichen Blick zu behalten.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1993, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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