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Favelas-Kulturen und die zweite Generation - Kinder von Migranten


Derzeit stehen weltweit einige hundert Millionen Menschen unter Migrationsdruck oder sind bereits auf Wanderung. Das kommende Jahrhundert könnte wesentlich durch die massenhafte Verschiebung von Bevölkerungsteilen geprägt sein.

Zielpunkte dieser Bewegung sind vor allem die großen Städte, gerade auch in den Entwicklungsländern, die sicherlich zu noch gewaltigeren Ballungszentren anschwellen: Die nächste Generation der Menschheit wird voraussichtlich zur Hälfte in urbanen Verhältnissen leben. Auf allen Kontinenten ist der Trend zu Megastädten erkennbar. Während es 1950 auf der Erde nur 13 Agglomerationen mit jeweils mehr als 4 Millionen Einwohnern gab, werden es im Jahre 2025 nahezu 140 sein. Wahrscheinlich werden bald drei Milliarden Menschen in 700 Metropolen leben.

Sowohl Formen der Wanderung als auch die Inbesitznahme von Wohnraum geraten dabei immer mehr außer Kontrolle. Nur allmählich treten diese umwälzenden gesellschaftlichen Vorgänge ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. Konferenzen wie die von den Vereinten Nationen im Juni 1996 in Istanbul ausgerichtete "Habitat II" sind Versuche, sie wenigstens zu benennen und auf die politische Tagesordnung zu setzen; ausreichend analysiert sind sie noch keineswegs. Unweigerlich aber werden uns in den nächsten Jahren Ursachen, Erscheinungen und Konsequenzen der Migration und des wilden Auswucherns der Städte beschäftigen.

Kaum zur Kenntnis genommen ist bislang ein Folgeproblem, das ich hier zu umreißen versuche, nämlich die ebenfalls weltweit wachsende Bedeutung der sogenannten zweiten Generation für das soziale Gepräge urbaner Zentren. Die Kinder der Migranten bilden im demographischen Gefüge eine besondere Gruppe, denn diese jungen Menschen sind gewissermaßen in Heimatlosigkeit hineingeboren worden: Sie haben kaum mehr einen Bezug zur Herkunftsregion ihrer Eltern und sind oft noch Fremde an ihrem Wohnort.


Favelas-Kulturen

Die meisten kommen in Quartieren zur Welt, die sich zwar nicht im Elend der Verhältnisse, aber sonst in manchem von den europäischen Slums des vorigen Jahrhunderts (der Begriff kam 1821 in England auf) unterscheiden. Das waren randständige oder innerstädtische Verfallsräume sowie von Unternehmern hochgezogene primitive Massenunterkünfte, in denen sich die in die neuen Industriereviere ziehenden Arbeiter mit ihren Familien drängten. Charakteristisch für die Landflucht seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Entwicklungsländern ist, daß nicht mehr Bergwerke, Stahlhütten und Fabriken Ziele der Wanderungswellen sind, sondern die Megalopolen selbst – als Stätten, die überhaupt noch Möglichkeiten zu bieten scheinen, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

An deren Peripherie, auf Brachland oder an Berghängen, entstanden so Areal um Areal unerlaubte und ungeordnete Siedlungen. Die eng aneinandergesetzten, notdürftig aus Zivilisationsmüll zusammengezimmerten Buden und Hütten, zunächst für die erste Übergangszeit geplant, bleiben – allmählich ausgebaut – für viele das Zuhause für den Rest ihres Lebens. Bezeichnend für das Ausmaß des Phänomens ist die Inflation der Namen: Berühmt-berüchtigt wurden die Favelas von Rio de Janeiro; doch ihnen entsprechen allein in Südamerika die Vilas von São Paulo, die Barriadas in Kolumbien, Ecuador und Peru, die Barrios in Venezuela, die Poblaciones Callampas in Chile, die Villas miserias in Argentinien und die Jacalas in Mexiko. Französisch Bidonvilles (Blechkanisterstädte) nannte man ursprünglich im nördlichen, später auch im übrigen Afrika die kümmerlichen, indes rasch wachsenden Satellitenorte, shanty oder squatter towns heißen sie, wo Englisch gesprochen wird, Basti in Indien, Gecekondu (wörtlich: über Nacht gebaut) in der Türkei.

Dort – aber auch in sonstigen urbanen Randzonen der Dritten Welt – entwickeln sich neue Lebensweisen und Sozialstrukturen, die sich auch von den traditionell gewachsenen der jeweiligen Region erheblich unterscheiden. In Ermangelung eines besseren Ausdrucks nenne ich sie Favelas-Kulturen.

Die Menschen, die in diesen Marginalquartieren leben und zuhauf zu ihnen hinströmen, sind in der Regel von keiner Behörde erfaßt, nicht gezählt, schlecht mit Wasser und Strom sowie selten mit Kanalisation und Müllabfuhr versorgt, und sie sind kaum in politische Einfluß- und Machtstrukturen eingebettet. Sie bewohnen ein politisch-administratives Niemandsland; ob es sich auch um ein kulturelles Niemandsland handelt bleibt zu diskutieren.

Zur Zahl der Betroffenen gibt es lediglich sehr ungenaue Schätzungen und Hochrechnungen. Nicht registrierte Bewohner außer den offiziell rund elf Millionen beziehungsweise nicht zugeteilte Wohnstätten soll es beispielsweise in der chinesischen Hauptstadt Beijing zwei Millionen geben. In Brasiliens Industriezentrum São Paulo, das samt Weichbild 17 Millionen Einwohner hat, dürften ebenfalls weitere zwei Millionen nicht registriert sein. Weltweit sind es Dutzende von Millionen Menschen, vergleichbar der Bevölkerung einer mittelgroßen europäischen Nation, die im Modernisierungsschatten leben; die Zahl der Bewohner aller Slums jeglicher Art auf der Erde wurde schon 1992 auf mehr als eine Milliarde taxiert.

Diese krätzigen Gürtel der Agglomerationen sind mit wenigen Ausnahmen bisher kaum erforscht. Sie werden erschöpfend von keiner Weltbank-Statistik erfaßt. Dunkelfeldforschung ist ohnehin teuer, schwierig und für Wissenschaftler der entwickelten wie erst recht der unterentwickelten Welt nicht attraktiv. Es geht um Menschen, die ihre angestammten Lebensorte verlassen mußten oder wollten, um in den Genuß eines Quentchens Modernität zu kommen und noch die geringste unsichere Chance für ein geregeltes Auskommen wahrzunehmen. Sie sind ausgezogen, aber im Grunde am Ziel ihrer Hoffnung niemals angekommen.


Zwischen zwei Kulturen – vorübergehend eine neue

Die Migrationsforschung hat in klassischen Einwanderungsländern Erkenntnisse gewonnen, die durchaus auf Verhältnisse in Europa übertragen werden können. Demnach werden übliche Vorstellungen von einer altansässigen Mehrheit einerseits und neueren Minoritäten andererseits der Wirklichkeit nicht mehr gerecht. Es gilt auch, die Illusion aufzugeben, unser Kontinent sei kein Einwanderungsgebiet – Abschottungsversuche einzelner Staaten scheitern. Soziale Gründe für Migration werden oft fälschlicherweise durch ethnische sozusagen überdeckt.

Slums des neuen Typs entstehen sehr wohl in unserer europäischen Nachbarschaft. Kürzlich überschrieb zum Beispiel eine französischen Tageszeitung den Bericht über unkontrollierte urbane Entwicklung mit dem eleganten, aber beschönigenden Titel "L'administration se retire" – was nichts anderes heißt, als daß die Polizei ebenso wie die Sozialverwaltung aus bestimmten Quartieren verschwindet. Für christliche Kirchen und Organisationen der Sozialarbeit sind die Vorstädte Frankreichs, in denen nun mehrheitlich muslimische Einwanderer aus nordafrikanischen Staaten zu Hause sind, ohnehin Diaspora.

Wichtige Erkenntnisse über Migranten in Großstädten vermittelte die für die Jugendsoziologie wegweisende, schon vor 50 Jahren erschienene Studie von William Foote Whyte über italienische Immigranten in Boston (Massachusetts), also im klassischen Schmelztiegel USA. Sie liegt erst seit dem letzten Jahr auch in deutscher Sprache vor ("The Street Corner Society – Die Sozialstruktur eines Italienerviertels", de Gruyter, Berlin/New York 1996.) Bereits Forschungspionier Whyte mußte feststellen, daß die Kinder der Einwanderer in den Ländern, in denen sie aufwachsen, weder eine politische noch eine kulturelle Lobby haben. Diese als zweite Generation deutlich auszumachende Gruppe im Gesellschaftsgefüge wird allenfalls dann wahrgenommen, wenn sie gegen bestehende Normen verstößt oder gar krimineller Taten wegen erfaßt wird.

Für diese Jugendlichen zwischen zwei Kulturen wird der Mangel an Einbindung in beide auf doppelte Weise problematisch: Sie werden nicht nur dadurch auffällig, daß sie sich gegen Auffassungen, Werte und Verhaltensweisen des Landes auflehnen, in dem sie aufgewachsen sind, sondern werden auch von ihrer ethnischen Elterngeneration nicht mehr akzeptiert, wenn sie – bewußt oder ungewollt – gegen die Normen des Herkunftslandes verstoßen, denen die Migranten noch anhängen.

Dies hat zur Folge, daß die Jugendlichen ihre Identifikation in Gruppen Gleichgesinnter, Gleichbetroffener mit eigenen Spielregeln finden. Dadurch, daß sie weder den sozialen Kodex der alten noch den der neuen Heimat ihrer Eltern als eigenen empfinden und geradezu zwangsläufig gegen beide verstoßen, bildet sich eine Jugendkultur der demonstrativen Unangepaßtheit und Revolte aus. Nur durch ihr Auflehnen sind ihre selbstgegebenen Normen für Außenstehende – einerseits die Familie, andererseits die seit langem ansässige Gesellschaft – überhaupt in Umrissen zu erahnen.

Whyte hat eine Fallstudie geliefert, die zum Muster für andere in vielen Teilen der Erde geworden ist. Die im Kern übereinstimmenden Befunde der Sozialwissenschaftler haben indes keinen Eingang in die Migrationspolitik gefunden. Whytes street corner society der Jugendgangs kann aber durchaus als Beispiel für eine temporäre Fehlanpassung junger Menschen aus Migrantengruppen und anderen Minderheiten in Deutschland gelten: Abweichendes Verhalten bis hin zu Kleinkriminalität wäre mithin als nur vorübergehende Fehlanpassung zu sehen, die sowohl in Anpassung übergehen kann wie allerdings auch in dauernde Nichtanpassung.

Das Gute der Fehlanpassung

Anders als noch in Whytes Studie beschrieben, lassen sich heute nicht mehr klar abgrenzbare Gegensätze von gesellschaftlichen Normen ausmachen. Dies erschwert die Analyse der sozialen und kulturellen Strukturen der Migranten erheblich.

Die Kinder von Einwanderern bilden nämlich keine Randgruppe im herkömmlichen Sinne, denn dieser Begriff setzt ein Zentrum voraus, von dem man abweichen könnte. Unsere postmodernen Gesellschaften sind jedoch multizentral strukturiert. Es gibt viele Orientierungsmöglichkeiten, jedoch kaum eine sichtbare und wirkende Hierarchie allgemein gültiger Werte und Verhaltensregeln. Eine deutliche Unterscheidung von Zentrum und Peripherie wird damit hinfällig, und die Randgruppe selbst enthält eine zentrale Funktion: Sie selbst wird Mittelpunkt des Lebens für ihre Mitglieder, zu der sozialen Organisation, die der individuellen Orientierung dient.

In allen Ländern, die von Migration betroffen sind, werden somit soziale Konflikte vor allem als Auseinandersetzung zwischen lokalen Kulturen zu erforschen und zu verstehen sein. Das gilt sicherlich für Einwanderungsländer mit großen, relativ einheitlichen Migrantenströmen und Migrantensiedlungen innerhalb der Städte. Hingegen leben Migranten in Deutschland zwar auch gehäuft in bestimmten Quartieren zusammen; eine ausgeprägte Ghettobildung ist jedoch kaum wahrzunehmen – Ausnahmen sind allenfalls die türkischen Viertel Berlins. Jugendliche in Deutschland sind deswegen einem außerordentlich komplexen Flickenteppich unterschiedlicher, zum Teil gegensätzlicher gesellschaftlicher Normen konfrontiert, zumal die Einwanderergruppen selbst kulturell und religiös unterschiedlich geprägt sind. Um so schwieriger sind jugendtypische Verstöße dagegen einzuordnen.

Außerdem kommt zwar, verglichen mit anderen Einwanderungsländern, auf die Wohnbevölkerung der Bundesrepublik ein erheblicher Fremdenanteil, doch wegen der Dispersion vieler Individuen und Teilgruppen treten typische Migrationserscheinungen kaum massenhaft und massiert auf. Folglich werden sie von der Gesamtbevölkerung nur selektiv wahrgenommen.

Eine weitere Tücke für die Analyse von Anpassungsproblemen der zweiten Generation liegt in der Unterscheidung ihrer Formen. Anpassung bedeutet völlige Übernahme der in einer Gesellschaft vorherrschenden Normen. Fehlanpassung hingegen beinhaltet ein Verhalten, das diese Normen zwar nicht annimmt, aber zugleich doch übliche Mittel nutzt, um etwa materiellen Wohlstand zu erlangen – auch dies ist letztlich eine gesellschaftliche Norm. Fehlanpassung ist zudem, im Gegensatz zu gänzlicher Nichtanpassung, oft nicht sichtbar: Sie ist vorübergehend.

Dauernde Anpassung an die Gastkultur, mithin völlige Assimilation, ist ohne vorübergehende Fehlanpassung äußerst selten. Letztere kann dann ein Zeichen der Ablösung von althergebrachten Normen sein, während jene, die künftig einmal die individuelle Lebensweise prägen, nur noch nicht angenommen sind. Mithin kann ein Verhalten, das gelegentlich vom Geltungsanspruch der vorherrschenden sozialen Bräuche und Gewohnheiten abweicht, geradezu als Indiz für eine sich vollziehende Anpassung gewertet werden.

Aus alledem folgt, daß Normverletzungen der zweiten Generation grundsätzlich als charakteristisch für eine Übergangsphase zu verstehen sind, wenn nicht deutliche Befunde von Verhaltensweisen, die in den meisten Kulturen als asozial oder sozialschädlich geächtet sind, das Gegenteil beweisen. Auch Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie müssen für die Nachkommen der Einwanderer gelten: Adoleszenz beinhaltet nun einmal Phasen der Fehlanpassung, der Rebellion gegen die elterlichen Normen – sie sind durchaus normal.


Klare Einwanderungspolitik

Für die zu erwartenden Migrationsbewegungen in Europa ist eine klare, angemessene Einwanderungspolitik unerläßlich. Eine solche Politik muß dafür sorgen, daß den Normverletzungen von Menschen aus fremden Kulturen und von Jugendlichen zwischen Eltern- und Gastlandkultur, selbst wenn sie als störend empfunden werden, nicht allein – wie bislang weithin üblich – mit Sanktionen wie Bestrafung, Behinderung und Ablehnung begegnet wird; vielmehr sollten Übergangs- und Anpassungsprozesse erleichtert und verstärkt werden.

Wenn Migration ein andauerndes Phänomen wird, hat sich die künftige Gesellschaftspolitik sowohl in der Forschung als auch im administrativen Alltag insbesondere mehr als bisher den Fragen der Menschenrechte für Kinder und Jugendliche anzunehmen. Sie haben, wie dargelegt, keine Lobby; aber sie haben wesentlichen Anteil daran, wie sich die Zukunft der Gesamtgesellschaft gestalten wird.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1997, Seite 66
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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