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Hanford: nukleare Altlast der USA

Die Vereinigten Staaten müssen Milliarden Dollar aufwenden, um den radioaktiven Abfall ihrer Atomwaffenfabriken zu bergen und sicherer zu lagern. Doch in Hanford einer besonders kontaminierten Anlage weiß noch niemand, wie lange diese Herkulesarbeit dauern wird und ob sie sich überhaupt bewältigen läßt.

Eine ausgedehnte Wüstenregion im Südosten des Bundesstaates Wa- shington wird für die nächsten 75 Jahre Schauplatz des größten zivilen Vorhabens in der Geschichte der USA sein. Es dürfte weit mehr als 75 Milliarden Mark kosten; doch am Ende wird man kein weiteres Monument menschlichen Fortschritts bestaunen können. Nur viele Millionen Tonnen radioaktiven Abfalls von kontaminiertem Erdreich bis zu kompletten Kernreaktoren sollen dann auf der großen Hochebene lagern, vergraben in riesigen Deponien oder gebunkert in unauffälligen Bauten – möglichst ungestört über Jahrtausende.

Diese unrühmliche Zukunft sieht das amerikanische Energieministerium (Department of Energy, DOE) für seine älteste militärische Plutoniumfabrik in Hanford vor, die einst den Grundstoff für die Ende des Zweiten Weltkriegs über Nagasaki abgeworfene Atombombe lieferte. (Die kurz zuvor über Hiroshima gezündete Bombe enthielt hochangereichertes Uran aus der riesigen Diffusionsanlage von Oak Ridge in Tennessee.) Seit jener militärtechnischen Pionierzeit hat sich das 1450 Quadratkilometer große Gelände allmählich in eine albtraumhafte Ansammlung radioaktiv verseuchter Industrieruinen verwandelt, deren bloße Absicherung jetzt schon jährlich viele Millionen Mark erfordert.

Im Jahre 1989 begann das für die zivile und militärische Kerntechnik zuständige DOE, Hanford stillzulegen und zu säubern. Gegenwärtig sind dort 14300 Arbeiter von Vertragsfirmen sowie 550 Angestellte des Ministeriums tätig. An schätzungsweise 1400 Orten im Gelände sind Umweltschutzmaßnahmen nötig oder bereits in Angriff genommen; an mehreren hundert davon hatte man seinerzeit flüssigen oder festen nuklearen Abfall deponiert. Vermutlich haben das DOE und seine Vorgängerbehörden seit 1944 allein rund 1,3 Milliarden Kubikmeter flüssigen strahlenden Mülls und radioaktiv verseuchter Abwässer in den Boden von Hanford pumpen lassen.


Ein Berg von Problemen

Seit 1989 hat das Energieministerium bereits mehr als 10 Milliarden Mark für die Reinigung dieses Komplexes ausgegeben; in den kommenden vier Jahrzehnten wird es dafür mindestens 1,5 Milliarden Mark jährlich brauchen. Nach umfassenden Recherchen von Scientific American steht die historisch einmalige Säuberungsaktion vor immensen Problemen. Außer der Verseuchung von Boden und Grundwasser gibt es Dutzende andere Gefahrenherde, zum Beispiel

- 177 riesige unterirdische Tanks mit hochradioaktivem Abfall, die teilweise undicht sind, sich erhitzen oder in denen sich entzündliche Gase bilden (Bild 1);

- mindestens zwölf Tonnen hochgefährliches Plutonium, das teilweise ungesichert im Boden oder anderswo lagert;

- fünf gigantische, durch und durch kontaminierte Gebäude, in denen vordem Plutonium aus bestrahlten Kernbrennstoffen gewonnen wurde (Bild 5);

- 2100 Tonnen bestrahlte Kernbrennstoffe in Wasserbecken, die im Falle eines Erdbebens ein Desaster auslösen könnten.

Kein Wunder, daß praktisch jeder Aspekt des Hanford-Projekts Fragen aufwirft: Werden die Arbeiten gründlich und wirksam ausgeführt? Wie bindend sind die Verträge mit den privaten Reinigungsfirmen? Kann sich aus einem kleinen Zwischenfall eine nukleare Katastrophe entwickeln?

Die vielleicht wichtigste Errungenschaft der letzten Jahre ist eine Übereinkunft, die eine Zusammenarbeit der von widersprüchlichen Interessen geleiteten Hauptbeteiligten – im wesentlichen des Bundesstaates Washington, des DOE und der Umweltschutzbehörde – überhaupt erst ermöglichte. Doch hat mehreren Untersuchungen zufolge gerade das Festhalten an dieser Vereinbarung wiederum eine Planung mit klaren Prioritäten bislang verhindert.

"Seit sechs Jahren arbeiten wir an dieser Säuberungsaktion und hocken noch immer in den Startlöchern", befand ein Wissenschaftler, der seit 20 Jahren in Hanford tätig ist. "Kein Programm – ob für Tankreinigung, Grundwasserschutz oder etwas anderes – ist länger als zwei Jahre verfolgt worden. Es gibt weder langfristige Vorstellungen noch Investitionen, die wesentliche Fortschritte bringen könnten."

Trotz seines Umfangs macht das Hanford-Projekt nur ein Fünftel des Vorhabens aus, im kommenden Jahrhundert – dabei kommt es auf ein paar Jahrzehnte mehr oder weniger nicht an – einen Großteil der gesamten Kernwaffenproduktion der USA stillzulegen. Schätzwerte der Kosten aller Aufräumarbeiten liegen zwischen 330 Milliarden und mehr als 700 Billionen Mark; das Mittel übertrifft bei weitem die knapp 550 Milliarden Mark (in heutiger Kaufkraft), die in die Entwicklung und den Bau von zehntausenden amerikanischen Kernwaffen und rund tausend Bombentests investiert worden sind. Die Bundesregierung rechnet damit, daß allein die Sanierung von Hanford und vier anderen Standorten 70 Prozent des Geldes verschlingen wird.

Die Zeit- und Kostenschätzungen sind zum Teil deswegen so ungenau, weil man sich nicht zu einigen vermag, wie sauber die einstigen Waffenfabriken eines – möglicherweise unerreichbar fernen – Tages eigentlich sein sollen. Außerdem ist mit konventionellen Abbruch- und Beseitigungsverfahren wenig anzufangen. "Das Zeug, mit dem wir es zu tun haben, kann nicht verschwinden, bevor es zerfallen ist", konstatierte James D. Werner, Leiter der Abteilung Strategische Planung und Analyse im Amt für Umwelt-Management des DOE. "Man kann es nur in Container packen, verfestigen, fixieren und verfrachten; aber aus der Welt schaffen läßt es sich nicht."


Erbe des Kalten Krieges

Der Grund dafür, daß mit heikelstem Material ein kolossales Durcheinander entstand, läßt sich nur historisch begreifen. Seit dem Manhattan-Projekt zur Entwicklung der ersten Atombomben hatten die USA eine riesige Industrie aufgebaut, die in erster Linie Plutonium in Massen erzeugte; das nukleare Overkill-Potential schien der entscheidende Trumpf im Kalten Krieg zu sein.

Das silbrige Metall, das in der Natur nur in Spuren vorkommt, entsteht in Kernreaktoren aus Uran. Dessen spaltbares Isotop 235 reicherten zunächst Anlagen in den US-Bundesstaaten Idaho, Kentucky, Ohio und Tennessee an, und der Kernbrennstoff wurde dann in den Reaktoren von Hanford (Washington) und Aiken (South Carolina) zur Plutoniumproduktion eingesetzt; in gigantischen Wiederaufbereitungsanlagen wurde das künstliche Element chemisch abgetrennt. Das reine Metall verarbeiteten Fabriken in Rocky Flats (Colorado) zu Sprengsatz-Komponenten. Zusammen mit Hunderten anderer Teile entstanden daraus schließlich in einer Anlage namens Pantex in Texas fertige Waffen.

An diesen Stätten hatte die Produktion während des Kalten Krieges absoluten Vorrang. Die zuständigen Behörden – angefangen von der US-Atomenergiekommission in den vierziger Jahren – scherten sich nicht um Umweltbelastung und Risikovorsorge (anscheinend der amerikanische Kongreß ebensowenig). Das DOE und seine Vorläufer waren keiner externen Instanz verantwortlich; wie man heute weiß, legten sie über die Vorgänge und Zustände innerhalb der Anlagen bewußt einen Schleier aus Halbwahrheit und Lüge.

Eine Wende brachten erst die achtziger Jahre, als Bundesgerichte mit einer Reihe von Grundsatzentscheiden feststellten, auch die Tätigkeit des Energieministeriums unterliege den Umweltgesetzen und -verordnungen der Bundesstaaten und der Bundesregierung. (Trotzdem ist das DOE noch immer für seinen eigenen Umgang mit bestimmten Kernmaterialien wie Uran und Plutonium allein zuständig.) Als obendrein Ende der achtziger Jahre in der Presse erste Hinweise auf das Ausmaß der Verseuchung einiger militärtechnischer Komplexe auftauchten, geriet das Ministerium unter zunehmenden Druck, seine Haltung zu Umweltschutz und Sicherheit grundlegend zu ändern.

Doch die Bürokratie vermochte sich nur äußerst schwer mit externen Kontrollen abzufinden. So kam es, daß auf dem Gelände von Rocky Flats bei Denver, wo Privatfirmen im Auftrag des Ministeriums Plutonium verarbeiteten, die Bundespolizei im Jahre 1989 Hinweisen auf heimlich übertretene Umweltgesetze und gefährlich wachsende Risiken mit einer Razzia nachging und ein Verfahren gegen Rockwell International, die größte Vertragsfirma auf dem Gelände, eröffnet wurde; es endete mit einer außergerichtlichen Einigung, die das Unternehmen letzten Endes knapp 27 Millionen Mark kostete.

Erst ungefähr zu dieser Zeit fügte sich das DOE ins Unvermeidliche und schuf ein eigenes Amt für Umwelt-Management, indem es sein Amt für Abfallbeseitigung erweiterte. Im Jahre 1996 erhielt die neue Abteilung knapp 9 Milliarden Mark aus dem Haushalt des Energieministeriums – der insgesamt fast 24 Milliarden Mark umfaßte (wovon knapp 5 Milliarden Mark noch immer in die Waffenproduktion flossen) – und somit mehr als das gesamte Jahresbudget der US-Umweltschutzbehörde. Alles in allem verwandelt sich das Energieministerium mühsam selbst in eine gigantische Umweltagentur, die allerdings bisher wenig Eignung für ihre eigentliche Aufgabe erkennen läßt.

Erst seit das Ministerium sich unter Leitung von Hazel R. O'Leary um mehr Transparenz bemüht, zeichnet sich das Ausmaß der Verstöße gegen Gesetze und Verordnungen ab. Jetzt gibt das DOE zu, daß in Hanford enorme Mengen flüssiger und fester Abfälle einfach in den Boden gepumpt oder gekippt worden sind, wovon das meiste sowohl radioaktiv als auch chemisch verunreinigt ist.

An einigen Deponiestandorten suchten Wissenschaftler schon früher immerhin abzuschätzen, wieviel belastetes Material die obersten Schichten Erdreich zu absorbieren vermöchten; Einlagerungen sollten dann auf zehn Prozent dieser Menge begrenzt bleiben. Doch wie aus der Grundwasserverseuchung der meisten großen Anlagen hervorgeht, hielt man sich kaum an diese Faustregel. Erst in den letzten Jahren gingen mehrere Kläranlagen in Betrieb.

Außerdem gab es unabsichtliche Freisetzungen: Manchmal sickerten hochradioaktive Lösungen aus überalterten Tanks oder kontaminiertes Wasser aus Sammelbecken für bestrahlte Brennstäbe in die Erde. Hanford und andere Anlagen emittierten aber auch mitunter vorsätzlich große Mengen radioaktiver Substanzen in die Luft oder in Flüsse.

Manche Schäden sind nicht wieder gutzumachen, weil es entweder keine Säuberungsverfahren gibt oder weil das Ausmaß der Umweltschäden zu groß ist. In Hanford ist ein zusammenhängendes Grundwassergebiet von mehr als 250 Quadratkilometern mit Tritium, Nitraten und anderen Schadstoffen verseucht; es steht in Kontakt mit dem Columbia-Fluß, der auf einer Länge von 82 Kilometern durch das Werksgelände fließt. Es ist praktisch unmöglich, Tritium, ein radioaktives Wasserstoffisotop, von Wasser zu trennen. Diese kontaminierte Grundwasserblase ist nur eine von Dutzenden unter dem Gelände.

Nach Schätzung des DOE sind in allen Rüstungskomplexen insgesamt viele Milliarden Kubikmeter Erdreich, Grund- und Oberflächenwasser verseucht. Zusammen mit den entsprechenden Geländen in der ehemaligen Sowjetunion bilden sie gleichsam die Schlachtfelder des Kalten Krieges.


Ein Albtraum in 177 Tanks

Für das Energieministerium ist Hanford, um dessen Sanierung es sich am längsten bemüht, zum Modell für die vielen anderen Anlagen geworden, in denen die Arbeiten weniger fortgeschritten sind – einschließlich derjenigen in der früheren Sowjetunion. Im Vorjahr ist mit knapp zwei Milliarden Mark der größte Teil des ministeriellen Umweltmanagement-Budgets nach Hanford geflossen; damit hat man über die Jahre mehr als 13 Milliarden Mark für das große Aufräumen dort ausgegeben. Doch mangels erkennbarer Fortschritte fragen sich viele Beobachter, wofür eigentlich.

Ein Grund für das Ausbleiben sichtbarer Erfolge ist, daß es noch weit dringlichere, kompliziertere und kostspieligere Aufgaben gibt als das Entseuchen von Boden und Wasser – vor allem die 177 Tanks mit hochradioaktivem Abfall, dessen Beseitigung allein mehr als 70 Milliarden Mark kosten könnte. Diese unterirdischen Behälter – manche voluminös wie Domkuppeln – fassen insgesamt 210000 Kubikmeter und enthalten fast die Hälfte der in Hanford angesammelten Radioaktivität von etwa 450 Millionen Curie in Form eines teuflischen Gemischs von Flüssigkeiten, Gasen, zähen Schlämmen und steinhartem sogenanntem Salzkuchen (Bild 1; ein Curie – die Maßeinheit ist amtlich nicht mehr zugelassen – entspricht 37 Milliarden Becquerel oder ebensovielen Kernzerfällen pro Sekunde).

Aus 67 dieser Tanks sind vermutlich rund 3700 Kubikmeter des Inhalts ins Erdreich gesickert. 54 Tanks werden unablässig überwacht; in jedem zweiten davon bilden sich hin und wieder entzündliche Gase, die explodieren und radioaktives Material freisetzen könnten.

Der strahlende Unrat fiel größtenteils bei der Abtrennung des Plutoniums von bestrahltem Uran an. Dennoch bestehen 149 Tanks – darunter die 67 tatsächlich oder möglicherweise undichten – nur aus einer einfachen Stahltonne mit Stahlbetonmantel; die übrigen sind durch eine doppelte Hülle besser gegen Lecks geschützt. Obwohl manche radioaktiven Produkte Halbwertszeiten von mehreren tausend Jahren haben, sind die Behälter lediglich auf 25jährige Haltbarkeit ausgelegt – und nicht einmal auf Bergung des Inhalts.

Die ersten einwandigen Tanks wurden 1944 installiert; spätestens 1959 wußten Insider, daß einige undicht geworden waren. Gleichwohl baute man solche Behälter bis 1964 weiter und füllte sie bis 1980 mit Abfall.

Dabei handelt es sich um Rückstände von drei unterschiedlichen Methoden der Wiederaufbereitung. Gelegentlich extrahierte man daraus nachträglich mit wechselnden chemischen Verfahren brauchbare oder problematische Isotope. Als einige Behälter undicht wurden, füllte man den Inhalt teilweise in andere. Infolgedessen weiß niemand genau, was da alles zusammengekommen ist.

Dies zu wissen wäre aber aus mehreren Gründen nötig. So verpflichtet eine gesetzliche Vereinbarung mit dem Staat Washington die Bundesregierung, den hochradioaktiven Müll für die Endlagerung in Glas einzuschmelzen; das ist nur sicher und wirkungsvoll zu bewerkstelligen, wenn man seine Zusammensetzung kennt. Erst neuerdings vermag man in ausreichendem Maße Proben zu nehmen – ein schwieriges und riskantes Unterfangen wegen der hohen Radioaktivität und Toxizität der Gemenge, in denen obendrein unterschiedlichste physikalisch-chemische Prozesse ablaufen.


Tödliches Metall

Bis vor kurzem war Plutonium Hanfords Daseinszweck, doch jetzt ist es seine größte Last. Vier Jahrzehnte lieferten die Wiederaufbereitungsanlagen Plutoniumnitratlösung zur Gewinnung des Metalls an, und das künstliche Element wurde für die Weiterverarbeitung zu matten, bleiähnlichen buttons (Knöpfen) von der Größe eines Hockey-Pucks geformt. Elf Tonnen des Bombenmaterials lagern in Hanford, das meiste unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in den Gewölben der Fabrikationsstätte. Doch weitere 1,5 Tonnen vermutet man in Abfällen, die im Erdreich um diese Anlage verstreut liegen, sowie in Rohrleitungen und Filtern.

In Hanford gibt es Plutonium in vielerlei Form – als winzige Krümel, als Beimengung in Schlämmen und in 3500 Litern Lösungsmitteln. In der Fabrik hat man mit der Reinigung der zahllosen Lüftungsschächte und Filter sowie der Handschuhkästen begonnen, in denen das Metall extrahiert und manipuliert wurde (Bild 2). Hinzu kommt das Plutonium aus anderen Betrieben auf dem Gelände. Man will es nun größtenteils in Oxide oder andere einigermaßen stabile, pulverförmige Verbindungen umwandeln, die sich langfristig lagern lassen.

Die Verfahren sind zeitraubend und teuer, weil Plutonium extrem gefährlich ist – schon 27 Mikrogramm in der Lunge können Krebs auslösen. Die Arbeiter müssen zudem auf die kritische Masse achten; bereits elf Kilogramm auf engem Raum lassen eine spontane Kettenreaktion in Gang kommen, die einen tödlichen Schauer von Neutronen und Gammastrahlung freisetzt (Bild 3). Aus der Geschichte des amerikanischen Atomwaffenprogramms sind acht Fälle solcher unbeabsichtigter Kritikalität mit zwei Todesopfern bekannt geworden.

In letzter Zeit gab es einige Unfälle, die dem nahekamen. Ende September 1994 ließ ein Arbeiter in Rocky Flats Flüssigkeit aus einem Tank ab, wobei fünf Liter hochkonzentrierte Plutoniumlösung eine "potentiell unsichere Geometrie" bildeten, wie es in offiziöser Sprache hieß. In Idaho lösten sich vor einigen Jahren einige Brennstabbündel aus der Halterung im Abklingbecken und sanken nahe beieinander auf den Grund.

Mitte der achtziger Jahre wurde die Plutoniumfabrik von Hanford obendrein als erdbebengefährdet eingestuft. Inzwischen haben aber andere Risiken und Prioritäten diese Gefahr wieder in den Hintergrund gedrängt.

Pläne zur Endlagerung des bei der Sanierung anfallenden Plutoniums – nicht nur in Hanford, sondern auch in Rocky Flats, Savannah River und Pantex – sind bisher daran gescheitert, daß das Energieministerium unentschlossen ist, ob es das Spaltmaterial nicht doch horten sollte. "Das größte Hindernis beim Säuberungsproblem ist das Ausstehen eines politischen Entscheids", schrieben die Gutachter Steven M. Blush und Thomas H. Heitman kürzlich in einem Bericht an den amerikanischen Kongreß über die Säuberung von Hanford.


Teure Canyons

Eine weitere Altlast sind die fünf Wiederaufbereitungsanlagen des Komplexes, in denen man früher das Plutonium aus bestrahltem Kernbrennstoff extrahiert hat. Manche dieser sogenannten Canyons haben die Ausmaße eines liegenden Empire State Building (Bild 5). Ihre dicken Betonmauern sollten sogar Bombenangriffen standhalten und sind innen mit massiven Strahlenschutzschilden bewehrt. In einigen Anlagen herrscht nur schwache, in anderen tödliche Radioaktivität; Luftfilter und Rohrsysteme enthalten große Mengen radioaktiver Elemente.

Allein in den zimmergroßen Filtern eines der Canyons, B-Anlage genannt, stecken Cäsium und Strontium mit einer Radioaktivität bis schätzungsweise 100 Millionen Curie; für genauere Messungen gibt es gar keine Instrumente. Die ungeheure Strahlungsmenge wird den zwischen der Bundesregierung und dem Staat Washington vereinbarten Abbruch der Anlage extrem erschweren.

Zur B-Anlage gehört allerdings auch noch eine Halle zur Lagerung von etwa 1900 Kapseln mit Cäsium-137 beziehungsweise Strontium-90. Diese Isotope wurden vor Jahren aus den Tanks mit hochradioaktivem Müll extrahiert, um dort die Strahlung und Wärmeentwicklung zu mildern.

Die an der Oberfläche jeder Kapsel freigesetzte Dosis würde binnen vier Sekunden tödlich sein. Die austretenden elektrisch geladenen subatomaren Teilchen erzeugen im Wasser der Kühl- und Abschirmbecken intensive Tscherenkow-Strahlung, ein bläuliches Licht. Beide Isotope haben eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren, und die Gutachter Blush und Heitmann stellten 1995 fest, daß "Hanford nicht über die technischen Mittel verfügt, um eine langfristige und sichere Lagerung dieser Kapseln zu garantieren".

Der Menge nach ist das freilich nur ein Bruchteil des festen Strahlungsmülls. In 40 Jahre alten Abklingbecken in der Nähe des Columbia hängen 2100 Tonnen verbrauchte Brennelemente, die teilweise korrodiert sind. Ein starkes Erdbeben könnte bis zu 9000 Kubikmeter kontaminierten Wassers in das Erdreich und den Fluß freisetzen. Außerdem würde durch das Trockenfallen der Brennelemente ihre Strahlung auf tödliche Werte ansteigen, und feine radioaktive Partikel würden in der Luft verteilt. Tatsächlich liefen in den siebziger Jahren eine große und 1993 eine geringere Menge kontaminierten Wassers aus – zum Glück jeweils so langsam, daß man genug frisches nachpumpen und die Brennstabbündel bedeckt halten konnte.

Die Becken auch nur in diesem prekären Zustand zu belassen kostet jährlich rund 45 Millionen Mark. Deswegen beginnt gerade ein Sofortprogramm – geschätzte Kosten eine Milliarde Mark – zur Umwandlung des Brennstoffs für trockene Zwischenlagerung; dadurch sollen von 2000 an die Wartungskosten auf 1,5 Millionen Mark pro Jahr sinken. Weiterhin ungewiß bleibt aber, wie die verbrauchten Brennstäbe, das Plutonium sowie die Cäsium- und Strontiumkapseln letztlich endgelagert werden.


Eine Säuberung ohne Ende

Alles in allem verschlingt das Abstottern dieser Hypothek des Kalten Krieges allein in Hanford Jahr für Jahr rund 900 Millionen Mark. Damit kann man aber lediglich die alten und teilweise verfallenen Anlagen instandhalten und dafür sorgen, daß aus ihnen nicht noch mehr strahlende Substanzen in Luft, Wasser und Boden übertreten. Doch außer dieser immensen Belastung der Etats gibt es weitere Gründe dafür, daß die Säuberung stagniert.

Wenn die Vertragsfirmen nicht gerade mit dem Verhüten drohender Katastrophen beschäftigt sind, sortieren sie meist Schadstoffe, die einst unzulänglich entsorgt wurden oder das Grundwasser und den Fluß gefährden – nur um sie diesmal sorgfältiger und systematischer in den beiden Arealen mit der Kennziffer 200 zu lagern. Auf diesem Plateau, ungefähr 75 Meter über dem Grundwasserspiegel, liegen ohnehin schon die Wiederaufbereitungsanlagen sowie die Tanks mit hochradioaktiven Stoffen und somit 70 Prozent des Abfalls von Hanford.

Um auch den meisten Rest aufzunehmen, sollen dort zwei Zwischenlager gebaut werden: eines für die 2100 Tonnen stabilisierten verbrauchten Brennstoffs, und ein weiteres für die verfestigten hochradioaktiven Lösungen aus den 177 Tanks. Ein Abkommen mit dem Staat Washington verpflichtet das Energieministerium zudem, bis zum Jahr 2070 im Areal 200 acht der neun Reaktorblöcke zu vergraben.

Jeder dieser Druckbehälter, die hochradioaktiv sind, wiegt mitsamt seinem Betonsockel 15000 Tonnen. Für den Transport ist eigens ein 60 Millionen Mark teures Raupenfahrzeug geplant. Dem Bericht von Blush und Heitmann zufolge hat ein Beamter des Ministeriums die Idee "wahnwitzig" genannt. Die gesamten Mehrkosten durch das Verfrachten schätzt man auf 750 Millionen Mark; darum empfehlen manche Gutachter, die kompletten Reaktoren an Ort und Stelle einzusargen.

Wenn man die vielen hunderttausend Tonnen Strahlenmüll eines Tages gesammelt, stabilisiert, verpackt und auf dem Areal 200 erneut deponiert hat, wird das ganze 130 Quadratkilometer große Plateau praktisch ein Endlager sein – und zwar wahrscheinlich für mehrere tausend Jahre. Dabei erhebt sich die Frage, wie sauber das übrige Hanford dann wohl wäre (Bild 4).

Bislang hat man für die meisten nukleartechnischen Stätten keine bindenden Kontaminationsgrenzwerte festgesetzt; sie müßten sich von der künftigen Nutzung des Geländes herleiten. Erst vor kurzem ist das utopische Ziel, die Landschaft von Hanford wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, aufgegeben worden. Ein Firmensprecher von Westinghouse-Hanford meint: "Dafür reichte das Geld der ganzen Welt nicht aus."


Umstrittene Verglasung

Der 1989 – ungefähr zur Zeit der Razzia in Rocky Flats – unterzeichnete Vertrag zwischen DOE, US-Umweltschutzbehörde und dem Staat Washington verpflichtet das Energieministerium unter anderem, den hochradioaktiven Inhalt der 177 Tanks zu verglasen. Dafür wurde am Savannah-Fluß in South Carolina eigens eine große Fabrik errichtet. Nach Überschreiten der geplanten Kosten um drei Milliarden Mark und der Bauzeit um sechs Jahre ging diese erste Verglasungsanlage der USA im März 1996 endlich in Betrieb, reicht aber nicht aus.

Da der US-Kongreß kaum der Finanzierung eines weiteren derartigen Milliardengrabs zustimmen wird, sucht das DOE nun verzweifelt nach privaten Investoren. Sie müßten aber die Anlage nicht nur bauen und betreiben, sondern auch strikte Sicherheitsstandards einhalten und das gesamte finanzielle Risiko tragen. Das Ministerium würde nur die fertigen Glasblöcke bezahlen, jedoch nicht für unvorhergesehene Mehrkosten oder gar einen größeren Unglücksfall aufkommen.

Nach der Verglasung müßten alle Blöcke sowie ein Teil des Plutoniums und anderer Transurane aus Hanford zu Endlagern in anderen Regionen der USA geschafft werden. Doch dies stößt erst recht auf enorme Hindernisse. Widerstand der betroffenen Bundesstaaten blockiert die Inbetriebnahme eines Transuran-Endlagers in New Mexico und den Bau eines Endlagers für hochradioaktiven Abfall unter dem Yucca-Berg in Nevada. Zudem wären beide zu klein: In der geplanten Yucca-Deponie ist Platz für rund 6000 Glasblöcke aus Hanford reserviert – doch nach neuesten Schätzungen würden 20000 bis 60000 anfallen; und die geschätzte Menge der Transurane aus Hanford übersteigt das gesamte Fassungsvermögen des Endlagers in New Mexico, obwohl dort noch solche Abfälle aus Dutzenden anderer Quellen unterkommen sollen.


Lastenverteilung

Während es an Geld für praktisch jedes Einzelprojekt fehlt, die Kosten der gesamten Hinterlassenschaft nuklearer Rüstung aber unablässig steigen, drohen dem US-Energieministerium – wie den meisten anderen – einschneidende Budgetkürzungen. In einer unveröffentlichten Studie hat deshalb das Battelle-Institut unterstellt, daß die jährlichen Mittel für Sanierungsmaßnahmen von derzeit mehr als 2 Milliarden auf demnächst 1,5 Milliarden Mark sinken und danach 40 Jahre lang mehr oder weniger unverändert bleiben werden. Demzufolge müßten die Säuberungsmaßnahmen sofort um die Hälfte verbilligt werden, damit wenigstens die bisherigen Verpflichtungen und Zeitpläne sich einhalten lassen.

Daß dieses Ziel erreicht werden kann, ist kaum wahrscheinlich. Doch die Probleme sind nun einmal da; und es bestehen rechtlich bindende Vereinbarungen, sie zu lösen. Die Vereinigten Staaten werden mithin ihre Prioritäten grundsätzlich überdenken müssen. Die 9 Milliarden Mark, die das Energieministerium 1996 für die Instandhaltung, Stabilisierung und Reinigung seiner Waffenfabriken ausgegeben hat, nehmen sich gegen andere Haushaltsposten beinahe lächerlich aus. Obwohl der Kalte Krieg seit Jahren vorbei ist, investierten die USA 1996 zum Beispiel mehr als 40 Milliarden Mark in militärische Spionage – davon allein zwölf Milliarden Mark für Aufklärungs- und Abhörsatelliten. Die insgesamt knapp 400 Milliarden Mark des Verteidigungsetats waren annähernd so viel, wie das DOE voraussichtlich für Umweltschutz in den nächsten 50 Jahren aufwenden muß.

Der frühere Astronaut John Glenn – derzeit noch Senator von Ohio, wo zahlreiche Kernwaffenfabriken angesiedelt sind – warnt dringend davor, die nukleare Altlast weiter vor sich herzuschieben. "Das Budget des Energieministeriums für Säuberungsmaßnahmen zusammenzustreichen mag auf dem Papier gut aussehen, aber es zögert nur den Tag der Abrechnung hinaus. Wenn wir dieses Durcheinander jetzt nicht in den Griff bekommen, werden wir künftigen Generationen ein ökologisches und finanzielles Desaster hinterlassen."

Literaturhinweise

- On the Home Front: The Cold War Legacy of the Hanford Nuclear Site. Von Michele S. Gerber. University of Nebraska Press, 1992.

– Hanford Tank Clean Up: A Guide to Understanding the Technical Issues. Von Roy E. Gephart und Regina E. Lundgren. Technical Report PNL-10773, 1995. Erhältlich bei Battelle Pacific Northwest Laboratory.

– Improving the Environment: An Evaluation of the DOE's Environmental Management Program. National Research Council, 1995.

– Train Wreck along the River of Money: An Evaluation of the Hanford Cleanup. Von Steven M. Blush und Thomas H. Heitman. Report for the U.S. Senate Committee on Energy und Natural Resources, März 1995.

Kasten: Die radioaktive Verseuchung von Hanford

Kernreaktoren In Hanford stehen neun Kernreaktoren, in deren Brennstäben früher Plutonium durch Kernumwandlung aus Uran erzeugt wurde. Bis auf einen bezogen alle Meiler ihr Kühlwasser direkt aus dem Columbia und pumpten es wieder in den Fluß zurück. Wenn Brennstabhüllen Risse bekamen, leitete man das mit radioaktiven Substanzen verseuchte Kühlwasser in den Boden, von wo es in den Fluß sickerte. In der Nähe jedes Reaktors liegen Deponien; dort vergrub man feste Abfälle, die manchmal extrem radioaktiv sind.

Wiederaufbereitung In fünf sogenannten Canyons (dreien im Areal 200 West und zweien im Areal 200 Ost) extrahierte man das Plutonium aus dem bestrahlten Kernbrennstoff. Hier wurden viele Millionen Kubikmeter relativ schwach radioaktiven und chemisch verunreinigten Abwassers in den Boden geleitet sowie in den vierziger und fünfziger Jahren bei einer Anlage stärker radioaktive Lösungen mehrere hundert Meter tief in den Boden gepumpt. Gleichzeitig traten aus zwei anderen große Mengen radioaktiven Jods in die Luft aus.

Hochradioaktiver flüssiger Abfall Insgesamt 177 Tanks (91 im Areal 200 Ost und 86 im Areal 200 West) bergen 210000 Kubikmeter hochradioaktiver Lösungen, die bei der Wiederaufbereitung angefallen sind. Von diesen Behältern sind 67 vermutlich oder nachgewiesenermaßen undicht; aus ihnen sind schätzungsweise 3700 Kubikmeter im Boden versickert.

Plutoniumverarbeitung Aus dieser Fabrik hat man flüssige Abfälle mit Transuranen wie Plutonium und Americium in den Boden gepumpt, außerdem vielerlei industrielle Lösungsmittel und andere Chemikalien – zum Beispiel Tetrachlorkohlenstoff, Tributylphosphat, Aluminiumfluoridnitrid sowie Schmieröl, das beim Schneiden des Plutoniums anfiel.

Versuchsanlagen Auf dem Areal 300 liegen ein Plutonium-Labor, eine Fabrik für Kernbrennstoffe und sechs kleine Versuchsreaktoren. Aus den Labors und der Fabrik ließ man manchmal Abfälle und uranhaltige Flüssigkeiten in den Boden ab, aus den Reaktoren radioaktiv verseuchte Kühlmittel.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1997, Seite 36
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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