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Im Namen des Kreislaufs.Ideengeschichte der Modelle vom ökologischen Kreislauf.

IKO, Frankfurt am Main 1997. 338 Seiten, DM 44,80.

Clemens Winkler (1838 bis 1904), Chemiker und Ingenieur in den Freiberger Hütten, war einflußreicher Sprecher für ein bemerkenswertes Naturverständnis im ausgehenden 19. Jahrhundert. Von ihm stammt der Satz: „Die Massen verbrauchter Steinkohle verschwinden spurlos in dem gewaltigen Luftmeer.“ Wer dies glaubt, hat ein globales Klimaproblem nicht zu befürchten, selbst dann nicht, wenn die Industriegesellschaft den Ast, auf dem sie sitzt und der ihr in Millionen Jahren zugewachsen ist, absägt und verfeuert, also in die Luft bläst.

Winkler hatte eine Antwort gegeben auf die Frage, ob die „Massenverbrennung von Kohle … nicht vielleicht eine Veränderung der Beschaffenheit der Atmosphäre bis zur Störung des bisherigen chemischen Gleichgewichtes zur Folge haben könne“. Empirisch entschieden haben das erst der britische Kohleningenieur George Callendar im Jahre 1938 – der aber wurde nicht gehört – und schließlich Charles David Keelings, der 1958 begann, den CO2-Gehalt der Luft am Mauna Loa auf Hawaii zu bestimmen.

Winkler dagegen hatte geglaubt, daß die Pflanzenwelt den vermehrten Kohlendioxidausstoß in die Luft durch eine entsprechend verstärkte Produktion von Biomasse zu regulieren imstande sei. Durch eine schlichte Betrachtung der quantitativen Relationen hätte man schon damals erkennen können, daß dieser Glaube ein Wunderglaube war. Und der Ozean als Kohlendioxid-Senke stand noch nicht zur Debatte.

Für Engelbert Schramm, der als Wasserversorgungs- und Abwasserplaner seinen Lebensunterhalt verdient, ist CO2 nur ein Beispiel für jegliches „Zirkulat“. Er bietet mit seinem Buch, mit dem er bei dem Darmstädter Naturphilosophen Gernot Böhme promoviert wurde, Aufklärung zu dem Glauben, daß massive Eingriffe in natürliche Kreisläufe ohne genauere Kenntnisse über den Verbleib des Zirkulats „gut gehen“ würden. Insbesondere fragt er nach den Gründen dieses Glaubens, eines durch das gesellschaftliche Handeln offenbarten allgemeinen Vertrauens, das verwunderlicherweise gerade von den eigentlich der Rationalität verpflichteten Wissenschaftlern gehegt wurde. Schlüsselfiguren in Schramms Darstellung der entscheidenden Zeit, des 19. Jahrhunderts, sind der Agrikultur-Chemiker Justus von Liebig (1803 bis 1873) und der erwähnte Clemens Winkler.

Liebig ist unter den Naturforschern seiner Zeit deshalb eine hier besonders interessierende Ausnahmeerscheinung, weil er nicht unter kontrollierten Bedingungen gemäß dem neuentdeckten Wissenschaftsparadigma seiner Zeit arbeitete, sondern sozusagen am offenen Kreislauf der Natur. „Die Chemiker in der Zeit zwischen Lavoisier und Liebig“, so Schramm, „interessierte die Betrachtung und Erklärung der chemischen Vorgänge in der ,Natur' außerhalb des Labors kaum noch in zusammenhängender Weise“. Sie konnten das Ganze der Natur prinzipiell nicht sehen – Fragen nach Kreisläufen und nach den möglichen Wirkungen eines menschlichen Eingriffs in diese Kreisläufe stellten sich ihnen nicht. Gegenstand von Schramms Exegesen sind deshalb in Ermangelung wissenschaftlicher Abhandlungen populärwissenschaftliche Texte.

Es hätte allerdings einen wissenschaftlichen Anlaß für die Frage nach Kreisläufen gegeben: das von Antoine Lavoisier (1743 bis 1794), dem Begründer der neuzeitlichen Chemie, neugefaßte Stofferhaltungs-Theorem. Auch nach Liebig ist allerdings „die Größenordnung der biogeochemischen Stoffzyklen … so gewaltig, daß sie durch menschliche Tätigkeit nicht grundlegend gestoppt oder abgeändert werden können“. Doch „das blinde Vertrauen in die reproduktive Zyklizität“ galt für ihn nicht mehr. Er vertrat vielmehr eine erstaunliche Zwei-Reiche-Lehre: „Einzig und allein auf den Feldern käme es zu Störungen, die vermieden werden müßten, um den Fortbestand der Bodenfruchtbarkeit und des sich auf dieser gründenden menschlichen und tierischen Lebens zu garantieren.“

Wie ist es zu dieser Vorstellung gekommen? Liebig stützte, einer damals verbreiteten Vorstellung folgend, seine Kreislaufvorstellung auf eine biogeochemische Betrachtung des Werdens und Vergehens organischer Formen allein in den Meeren. „Da das Meer Grenzen hat, die weder aktiv von den dort lebenden Organismen noch passiv von den Nährstoffen überwunden werden können, konnte Liebig die biogeochemischen Vorgänge als Prozesse mit räumlicher Begrenzung wahrnehmen.“ Er ging von drei im wesentlichen getrennten „Naturreichen“ aus, in denen jeweils „die im Einsatz befindliche Stoffmenge weder vermehr- noch verminderbar ist“; Lavoisiers Lehre sollte sozusagen auch für Naturreiche im Ganzen gelten. Wie das Wasser, so würden auch die Medien Boden und Luft ausschließlich dem Transport und Austausch der Nährstoffe dienen, deren chemische Veränderungen dagegen allein in den betrachteten Lebewesen, den Tieren und den grünen Pflanzen, stattfinden. Dabei übersah er, daß die Transportfähigkeit des Bodens sehr begrenzt ist, dort also „unangenehme“ Akkumulationen auftreten können. In der unbedachten Übertragung vom Wasser auf andere Medien unterliefen Liebig fatale Verkürzungen.

Der Glaube an die Selbstreinigungskraft der Natur wurde weiter dadurch gerechtfertigt, daß man die Stoffumsätze energetisch würdigte. Julius Robert Mayer (1814 bis 1878) hatte gerade den Energieerhaltungssatz entwickelt, das Pendant zum Lavoisierschen Stofferhaltungssatz: Man sah die Natur als lebende Maschine mit prinzipiell unerschöpflichem Antrieb in Gestalt der Sonne. Die Fließgewässer arbeiteten dabei mit Dampf, „entspringend aus einem großen Kessel, dem Ocean, der geheizt wird von dem gewaltigen Feuer der Sonne, die nicht nur die großartigsten Wirkungen im Pflanzen- und Thierreiche, sondern auch die gewaltigsten mechanischen im Gebiete der anorganischen Natur durch die geheimnißvollen Mächte, Licht und Wärme, hervorruft“, so der zeitgenössische Geograph E. Pfaff. Da in den natürlichen Kreisläufen also Regenerationsprozesse nach dem Vorbild der „meteorischen Destillation“ (Verdunstung) enthalten waren, konnte es, so die Vorstellung, im Naturhaushalt zu keinen Verschmutzungen kommen. Nach Schramm spielt hier im Hintergrund eine alchemistische Vorstellung eine Rolle. Sie verführte dazu zu glauben, daß „der biogeochemische ebenso wie der hydrologische Kreislauf grundsätzlich über eine Fähigkeit zur Reproduktion und Regeneration des Zirkulats verfügte“.

Dieses ist der Hintergrund für das eingangs zitierte Naturverständnis eines Clemens Winkler. „Die chemische Fabrik da draußen, welche wir Natur nennen, arbeitet seit unbedenklicher Zeit rastlos Tag und Nacht und bleibt trotzdem blank und blitzsauber. Sie zeigt keinen häßlichen Kehrichtwinkel, keinen schmutzigen Schutthaufen und ihre Wasserläufe hält sie klar, ihren Dunstkreis neutral, hell, rauchfrei“, so Winkler 1913. Demnach sollte man auf die Selbstreinigungskraft der natürlichen Kreisläufe setzen und nur darauf achten, daß man diese nicht durch punktuelle Einleitung zu großer Stoffmengen lokal überforderte.

Das Ergebnis von Schramms historischem screening lautet: Es gab und gibt keine Kreislaufvorstellung von der Natur, nach der unsere Vorväter hätten erwarten oder gar darauf vertrauen können, daß der massive Eingriff in Stoffkreisläufe durch Einbringen mineralischer Stoffe, Verfeuern fossiler Brennstoffe und Aufspalten des Luftstickstoffs „gut gehen“ sollte. Die historische Analyse stößt ins Leere. Unser ökologisches Großproblem ist nicht Resultat eines Irrtums. Es ist schlicht Ausdruck eines blinden Vertrauens, eines Nicht-Hinsehen-Wollens.

Schramm rechnet diese Blindheit der Religiosität zu. Seine zentrale Beobachtung ist nämlich, daß der Kreislauf gerade dann beschwörend verklärt wird, wenn der Kreislaufgedanke, nüchtern betrachtet, nicht trägt. Diese Verklärung nennt Schramm „quasi-religiös“. Der Titel seines Buches soll diese These andeuten, indem er auf die Gebetsformel „Im Namen des Vaters …“ anspielt.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 118
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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