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Ulrich Walter: In 90 Minuten um die Erde.

Stürtz, Würzburg 1997. 180 Seiten, DM 78,–.

Der Physiker Ulrich Walter, der 1993 an der zweiten deutschen Space-Shuttle-Mission teilgenommen hat, berichtet in einer Mischung aus illustrierter Reiseschilderung und Bildband vom Abenteuer Raumfahrt und der Faszination, die Erde aus dem All zu erblicken.

Im ausführlichen Textteil des Buches stellt er seine Empfindungen und Eindrücke während des zehntägigen Fluges in den Vordergrund. Detailliert schildert er den Alltag in der Kapsel und erklärt –wie schon mancher vor ihm –, wie man im Schwebezustand ißt, schläft und sich bewegt. Viele Bilder, Zitate und Literaturhinweise runden die Reportage ab.

„Fast alle Experimente im Weltraum nutzen die Schwerelosigkeit in irgendeiner Form für ihre Fragestellungen“, führt Walter zur Rechtfertigung des ganzen Unternehmens aus; manche Erkenntnisse, insbesondere für die High-Tech-Produktion, seien auf der Erde nicht oder nur schwer zu gewinnen. Im folgenden Kapitel „Raumfahrt – das hat man nun davon!“ führt er Wettersatelliten, das Global Positioning System (GPS; Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 102) und die Fernerkundung unseres Planeten an – freilich sind das gerade Errungenschaften der unbemannten Raumfahrt. Zu den brauchbaren Nebenprodukten, den oft beschworenen Spinoffs, zählt er Akkubohrer (ursprünglich zum Anbohren von Mondgestein) und Taschenrechner: Die ersten Elektronikchips wurden entworfen, „weil in den Saturnraketen neben den Unmengen von Treibstoff kaum mehr Platz für die Systemregelung war“ (Seite 160); aber das vielzitierte Teflon für die Bratpfanne, stellt er klar, gab es schon lange vorher.

Wer ernsthaft Astronaut werden möchte, erfährt hier einiges über das dreistufige Auswahlverfahren für die D-2-Mission sowie über die Anforderungen an Persönlichkeit, Intellekt und akademische Ausbildung. Der Autor bringt die Kriterien auf die Formel „weniger Muskeln, dafür mehr Grips“.

Etwas unvermittelt ist der Übergang vom Erlebnisbericht zur Bilddokumentation. Diese läßt die Erde in einer Auswahl der Photos aller bisherigen Shuttle-Flüge so am Betrachter vorbeiziehen, wie ein Astronaut sie bei einer Erdumkreisung in 90 Minuten erleben kann. Die Bilder zeigen Ausschnitte der Erdoberfläche zwischen den 59. Breitengraden Nord und Süd. Die besinnlichen, beinahe philosophisch anmutenden Bildunterschriften kontrastieren mit dem abenteuerlustigen und vom Forscherdrang geprägten Textteil – so sehr, daß daraus für den Leser keine Einheit entsteht. Anmerkungen zu den Landformen und den sie verursachenden geologischen Prozessen hätten das Buch stimmiger gemacht.

Die Zusammenfassung der Aufnahmen nach Kategorien wie „Eiswüsten“ oder „Atmosphärisches“ und nach einzelnen Kontinenten ist nicht durchgängig gelungen. Wenig plausibel ist das Nebeneinander der Inlandeismasse Grönlands und der verschneiten osttürkischen Stadt Erzurum in der Kategorie „Eiswüsten“. Kurios, daß die Kanarischen Inseln unter der Überschrift „Mittelmeer“ auftauchen. Wohl zur besseren Orientierung hat der Autor im Bild-Register die Aufnahmen, nach Ländern geordnet, mit Lageangaben und Seitenzahl verzeichnet.

Ulrich Walter koordiniert heute beim Deutschen Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen das Projekt „Deutsches Satellitenbildarchiv“. Mit seiner Auswahl von Weltraumphotos will er die Erde so zeigen, wie der Mensch sie aus 300 Kilometern Höhe wahrnimmt; sie sind überwiegend von guter Qualität, aber einige wenige, wie die Aufnahme eines Nordlichts, allenfalls mittelmäßig. Bilder der Alpen, der norddeutschen Küste und des Mississippi-Deltas bieten wenig Neues, sehenswert sind dagegen die Aufnahmen von Saudi-Arabien, vom Himalaya und von Taifunen im Pazifik.

Trotz epischer Breite des Textteils ist dies kein Lesebuch, trotz sehenswerter Aufnahmen kein Photoband. Immerhin bietet das großformatige Werk kurzweilige Lektüre und Anreiz zum Bilderbetrachten für fast jedes Alter. Begeisterung wird es jedoch vor allem bei Raumfahrtfans erwecken können.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1998, Seite 109
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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