Direkt zum Inhalt

Robin Baker:: Krieg der Spermien.Warum wir lieben und leiden, uns verbinden,trennen und betrügen.

Aus dem Englischen von Friedrich Griese.
Limes, München l997. 444 Seiten, DM 39,80.

Warum befällt uns in einer durchaus glücklichen Beziehung manchmal ein fast unwiderstehlicher Drang zur Untreue? Warum geben Männer bei jedem Geschlechtsverkehr so viel Spermien von sich, daß damit die Bevölkerung der Vereinigten Staaten mehr als zweimal befruchtet werden könnte? Warum haben wir so oft Lust auf Sex, wo wir doch in den meisten Fällen gar keine Kinder wünschen? Und warum ist der richtige Zeitpunkt, eine Empfängnis herbeizuführen – oder eben nicht –, so schwer zu bestimmen?
Gemessen an den sieben Kindern, die ein Mann im Weltdurchschnitt im Leben zeugt, treiben die Körper – und die Seelen – der Menschen einen monströs übertriebenen Aufwand für ihr Sexualleben, der mit Vernunft ohnehin nicht zu erklären ist. Statt dessen führt Robin Baker, Evolutionsbiologe an der Universität Manchester, evolutionäre Kräfte als Ursachen an. Damit steht er keineswegs allein; aber die Ausschließlichkeit, die er diesen Ursachen zuschreibt, ist schon außergewöhnlich: Unser Liebesleben gehorche "in allen seinen prosaischen, peinlichen, lustvollen, riskanten, kriminellen, amoralischen und exotischen Formen bestimmten Grundregeln", mit denen unsere Körper uralte Ziele verfolgten.
Der Mensch bedient sich in den allermeisten Fällen einer festen Dauerbeziehung als Fortpflanzungskonzept. Andere Formen des Sexualverhaltens sind hochriskante Alternativstrategien, können jedoch nach Bakers These, richtig angewandt, sehr erfolgreich sein.
Für eine Frau wäre ein Seitensprung innerhalb einer Dauerbeziehung fortpflanzungstechnisch ein sehr cleverer Schritt, wenn ihr Lebensgefährte ihr große Sicherheit für eine Familiengründung bietet, ihr Liebhaber jedoch vielleicht die attraktiveren Gene hat. Sie wird nun, so Baker, die Gene der in Frage kommenden Männer im Hinblick auf ihre Durchsetzungsfähigkeit auf Probe stellen wollen. Durch einen Seitensprung könnte sie erreichen, daß die Spermien beider Männer gleichzeitig in ihrem Genitaltrakt vorhanden sind. Diese müßten sich dann ein regelrechtes Gefecht um die Befruchtung der Eizelle liefern – einen Spermienkrieg. Ihr Dauerpartner wiederum möchte sicher sein, daß er der Vater ist. Er kennt aber den genauen Zeitpunkt ihrer Fruchtbarkeit ebensowenig wie sie selbst, und das macht eine effiziente Überwachung unmöglich. Unter diesen Umständen ist Routinesex noch die beste Strategie, den eigenen Spermien wenigstens die Überzahl im Krieg zu verschaffen.
Baker begeht nicht den naiven Fehler, den Beteiligten bewußte Motive dieser Art zu unterstellen. Und selbstverständlich sei der Seitensprung nicht als eine allgemein verbreitete Fortpflanzungsstrategie der Frau anzusehen. Dennoch, so behauptet er, "drehen sich all unsere sexuellen Einstellungen, Emotionen, Reaktionen und Verhaltensweisen um den Spermienkrieg, und das gesamte menschliche Sexualverhalten kann aus dieser Sicht umgedeutet werden".
Jede der 37 Szenen dieses Buches erzählt – explizit bis an den Rand der Pornographie – eine bestimmte Art sexuellen Verhaltens, die im Anschluß interpretiert wird. Ob Routinesex, Masturbation, Untreue, Bisexualität, Prostitution, Gruppensex oder Vergewaltigung – alles führt er auf das Szenario eines tatsächlichen oder möglichen Spermienkrieges zurück.
Baker geht so weit, auszurechnen, daß ein Mann seinen Genen einen evolutionären Vorteil verschafft, wenn er sich an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt – vorausgesetzt, es sind nicht mehr als vier Vergewaltiger auf einmal. Anderenfalls wäre der auf ihn entfallende Teil der Fortpflanzungschance so gering, daß es den Aufwand nicht lohnt. Und siehe da: Gruppenvergewaltigungen mit mehr als der vierfachen Überzahl an Männern kommen praktisch nicht vor. Baker ist sich bewußt, daß solche Überlegungen als Rechtfertigung kriminellen Verhaltens mißverstanden werden können; es gehe ihm jedoch darum, solches Verhalten - in einem ersten Schritt in der Auseinandersetzung – zu verstehen.
Zahlreiche Fragen drängen sich auf. Wenn die vielen diffizilen Facetten unserer Sexualität so völlig aus ihrer reproduktiven Funktion zu erklären sind, wie kann dann zum Beispiel unsere Erziehung oder unser persönliches Wollen überhaupt unser Sexualverhalten wesentlich beeinflussen? Was ist mit den zahlreichen kulturgeschichtlich entstandenen Funktionen der Sexualität, die von der Reproduktion völlig abgekoppelt sind? Viele Sexual- und Verhaltensforscher messen dem Konzept der sperm competition nur geringe Bedeutung zu.
"Krieg der Spermien" ist jedoch ein populärwissenschaftliches Buch im schlechten Sinne. Wer sehen möchte, worauf sich Bakers Behauptungen gründen, muß das von ihm und seinem Kollegen Mark Bellis 1995 herausgegebene Werk "Human Sperm Competition: Copulation, Masturbation and Infidelity" lesen. Mit diesem Hinweis im Vorwort enthält Baker seinen Lesern jegliche Begründung für seine Thesen vor – angesichts ihrer Kontroversität ein Hohn.
Ziel dieses Buches ist es, zu erklären, "warum manche mit bestimmten sexuellen Strategien größeren Fortpflanzungserfolg haben als andere mit anderen Strategien". Nun gibt es seit jüngster Zeit ganz neue Strategien: Vaterschaftstests nehmen den Frauen die Möglichkeit, Männer über die Frage ihrer Vaterschaft im unklaren zu lassen, Sozialfürsorge verhilft ihnen zu größerer Unabhängigkeit von langfristigen Beziehungen. Was wird dabei aus dem Spermienkrieg?
Das werden wohl erst unsere Nachfahren von den Evolutionsbiologen des nächsten Jahrtausends erfahren – vorausgesetzt natürlich, wir wählen die richtigen Fortpflanzungsstrategien. Aber bis dahin wird der Name Robin Baker wohl in Vergessenheit geraten sein.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 1998

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!